Interview mit Christian Berkel

"Schencks Beschreibung ist sehr ambivalent."

Christian Berkel ist der Darsteller des Professor Schenck in dem deutschen Kinodrama Der Untergang.

Frage: Beschreiben Sie bitte Ihre Rolle als Professor Schenck.

Christian Berkel: Professor Schenck war einerseits Ernährungsinspektor im Dritten Reich, Himmler untergeordnet und gehörte zur SS, andererseits war er als Arzt Angehöriger der Wehrmacht. Als das Ernährungsamt geschlossen und evakuiert wurde, hat er darauf bestanden, in Berlin zu bleiben ? obwohl er die Möglichkeit gehabt hätte, sogar dazu aufgefordert wurde, die Stadt zu verlassen.

Aber er wollte sich um die Bevölkerung kümmern, weil er vorausgesehen hat, dass viele Menschen wahrscheinlich verhungern würden. Er ist durch Zufall in die Reichskanzlei gekommen, wo er plötzlich operieren musste, obwohl er das als Internist nie zuvor getan hatte. Meiner Meinung nach steht er für das Auge des Zuschauers, er ist jemand, der am Schluss durch diese Hölle stolpert mit einer Mischung aus Anteilnahme, Entsetzen, Nichtverstehen und Verstehenwollen.

Frage: Welche Haltung nahm Schenck Hitler gegenüber ein?

Christian Berkel: Nach dem Krieg hat er das Buch ?Ich sah Berlin sterben? geschrieben, in dem er auch die erste Begegnung mit Hitler beschreibt. Zusammen mit dem Chirurgen Haase wird Schenck in den Bunker gerufen und wird Zeuge, wie Haase Hitler für den Selbstmord berät und die Schäferhündin umgebracht wird. Schencks Beschreibung ist sehr ambivalent. Er erschrickt darüber, wie kaputt Hitler zu diesem Zeitpunkt bereits aussieht, aber es mischt sich in die distanzierte Beobachtung auch Verständnis für eine Figur, der alles zerbrochen ist.

Frage: Was konnten Sie in die Rolle einbringen?

Christian Berkel: Ich gehöre zu einer Generation, deren Familie noch unmittelbar mit dieser Zeit konfrontiert war. Mein Vater hat während des Krieges als Sanitätsarzt gearbeitet, kam auch in russische Gefangenschaft und war ein Spätheimkehrer. Die Familie meiner Mutter war mütterlicherseits jüdisch, und die meisten, bis auf meine Großmutter und zwei Cousinen, sind umgebracht worden. Auch meine Mutter war in einem der härtesten Lager in Frankreich, in den Pyrenäen, und ist nur mit Glück dort herausgekommen. Insofern habe ich privat eine sehr gemischte Geschichte; und dieses Staunen, Erstarren, Verstehenwollen ist wohl allen Nachgeborenen mehr oder weniger eigen.

Frage: Was hat Sie an diesem Projekt gereizt?

Christian Berkel: Der ganz große Reiz war das Buch, das dieses Ende verarbeitet und dramaturgisch einfängt. Es gibt eine riesige Anzahl von Figuren und Geschichten, die ineinander verwoben sind. Durch das Dritte Reich wurden wir zu einem symbolischen Volk, das Böse war deutsch. Wir haben versucht, diesem ?Bösen? Gesichter zu geben, unsere Gesichter, deutsche Gesichter, in denen die persönliche Verstrickung durchscheint. Das war seit langem fällig. Durch Oliver Hirschbiegel wurde diese Arbeit zur Suche nach den Menschen hinter den Symbolen. Das war erschreckender als viele Deutungen.

Christian Berkel
Filmplakat

Dirk Jasper FilmLexikon

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