Interview mit Christiane Paul
Christiane Paul Christiane Paul spielt die Hauptrolle in dem Sat.1-Film "Nur die Liebe siegt"

Frage: In "Nur die Liebe siegt" spielen Sie eine Leichtathletin, die bis zum Umfallen für ihr Ziel, die nächste Weltmeisterschaft, kämpft. Wie weit gehen Sie, wenn Sie ein Ziel vor Augen haben?

Christiane Paul: Ich gehe, denke ich, auch schon an Grenzen. Ich versuche, für eine Sache relativ viel möglich zu machen. Das bringt zur Zeit auch meine Doppelgleisigkeit, drehen und studieren, mit sich. Ich investiere viel eigene Kraft, Enthusiasmus usw. - das gebe ich auch für eine Rolle, auf jeden Fall. Aber ich habe auch einen Schutzmechanismus. Bei Erschöpfung z. B. setzt mir mein Körper Grenzen. Wenn meine Gesundheit ernsthaft bedroht wird, halte ich mich zurück, wie z. B. bei gefährlichen Stunts. Für den Beruf gibt es einfach eine Grenze.

Frage: In dem Film geht es auch um die Liebe zu Ihrem Trainer (Heino Ferch). An welcher Stelle steht die Liebe bei Ihnen? Dafür bleibt im Moment wohl kaum noch Zeit, oder?

Christiane Paul: Ja, das ist schwierig. Ich habe Freundschaften und Beziehungen, und das ist durch eine gute Organisation auch möglich. Also sozialer Kontakt ist da, sage ich jetzt mal so.

Frage: Sie sind jetzt 24 Jahre alt, haben 14 oder 15 Filme gedreht und studiert. Vermissen Sie es nicht, auch mal Nächte durchtanzen zu können?

Christiane Paul: Ich habe jetzt, ehrlich gesagt, aufgehört zu zählen, ich weiß einfach nicht mehr, wieviel Filme es waren. Aber ich tanze Nächte durch. Als ich im November und Dezember in Köln gedreht habe, gab's ja auch wieder ein Abschlußfest - und solche Gelegenheiten nutze ich dann. Wenn ich Lust und Spaß habe, kann das passieren, und das gibt mir Kraft, das brauche ich auch. Ich war z. B. auch auf der Berlinale, um Freunde zu treffen und so. Aber für mich steht die Arbeit schon im Vordergrund.

Frage: Sind Sie ein Workaholic?

Christiane Paul: Ja, vielleicht.

Frage: Was machen Sie am liebsten, wenn Sie sich mal eine Auszeit gönnen?

Christiane Paul: Dann lese ich ganz unterschiedliche Sachen - querbeet. Das letzte Mal ist wohl schon ein Jahr her. Ich glaube, es war Simone de Beauvoir. Ab und zu vorm Schlafengehen lese auch Lyrik. Oder ich fahre total gern an die Ostsee, gehe einfach spazieren und lese.

Frage: Was spielen Sie am liebsten: Das Gegenteil von Ihrem Charakter oder eine Rolle, die Ihnen ähnlich ist?

Christiane Paul: Leicht ist eigentlich gar nichts. Wenn ich mich mit einer Rolle auseinandersetze, gucke ich immer, ob ich nicht auch Dinge kenne, Situationen oder emotionale Hintergründe der Figur auch bei mir entdecke. Deshalb kann ich auch gar nicht sagen, ob irgendeine Rolle gegenteilig von mir ist. Es gibt immer ähnliche Momente, oder ich versuche, sie an mich heranzuziehen. In Workaholic spiele ich eine Frau, die in der absoluten High Society lebt, die hat eine ganz andere Wertvorstellung als ich. Und trotzdem gab es Punkte, die mir sehr nah waren - obwohl die Frau das absolute Gegenteil von mir ist. Ich gebe einer Rolle auch immer einen Teil von mir, und dann entsteht manchmal eine Art Symbiose zwischen der Figur und der eigenen Persönlichkeit.

Frage: Stichwort "Nacktszenen": Gehören solche Szenen zum Schauspielen dazu, oder ist es immer wieder unangenehm? Was sagen Freunde und Eltern dazu?

Christiane Paul: Das kommt auf den Film an. Eigentlich will ich dem aus dem Weg gehen. Ich bin nicht jemand der das sehr leicht macht, ganz im Gegenteil. Aber z. B. in Das Leben ist eine Baustelle wollte der Regisseur solche Szenen, und das begreife ich dann auch in dem ganzen Kontext. Aber es gibt auch Filme, bei denen es absolut unnötig ist. Es muss für die Geschichte wirklich elementar sein. Ich möchte es eigentlich nicht. Für Freunde und Eltern ist es ungewohnt, aber die gewöhnen sich auch dran.

Frage: Was denken Sie, worin Ihr Erfolgsgeheimnis liegt?

Christiane Paul: Das kann ich gar nicht sagen. Ich versuche, normal zu arbeiten, mich weiterzuentwickeln. Erfolg kommt und geht, jeder hat so seine Zeit. Ich möchte solide arbeiten.

Frage: Sie haben schon mehrere Preise bekommen, der letzte war die Goldene Kamera. Wie empfinden Sie solche Auszeichnungen? Sind Sie stolz auf sich, oder schleicht sich auch ein Gefühl von Angst und Erfolgszwang ein?

Christiane Paul: Ich habe mich wahnsinnig gefreut, mit der Goldenen Kamera habe ich nie gerechnet. Das ist für mich schon mit der größte deutsche Fernsehpreis. dass meine Arbeit so anerkannt wird, hat mich unwahrscheinlich glücklich gemacht. Ich habe immer Angst, wenn ein Regisseur mit mir arbeiten will. Dann denke ich plötzlich, hoffentlich enttäusche ich den nicht, kann ich dieser Rolle, seiner Erwartung gerecht werden. Aber wenn ich einen Preis bekommen habe, ist das für mich nicht so ein Druck.

Frage: Werden Sie auf der Straße angesprochen? Wie empfinden Sie, es populär zu sein?

Christiane Paul: Manchmal, aber nicht übermäßig. Für mich ist es total okay. Die Erlebnisse, die ich hatte, waren alle sehr sehr angenehm, die haben mich alle gefreut.

Frage: Wie geht's nach Ihrem Medizinstudium weiter? Wird man Sie demnächst wieder in einem Film sehen?

Christiane Paul: Ich bin noch nicht ganz fertig, wenn ich jetzt mein Examen mache. Ab Ende April drehe ich einen Science-Fiction-Film fürs Fernsehen unter der Regie von Mark Schlichter, mit dem habe ich 1994 schon 'Ex' gemacht.

Dirk Jasper FilmLexikon
Quelle: 1998 Das Interview führte Anke Tollkühn für Sat.1 © 1994 - 2010 Dirk Jasper