Interview mit Christoph Schlingensief
Christoph Schlingensief Christoph Schlingensief über "United Trash"

Frage: Und wie läuft's?

Christoph Schlingensief: Danke der Nachfrage. So wie's aussieht optimal: Die Grünen stimmen den Bundeswehreinsätzen zu, Oskar Lafontaine versucht's schon wieder, die PDS wird gesellschaftsfähig, die Franzosen spielen 68, O. J. Simpson wird freigesprochen und noch immer versuchen Hunderte von Bildungsbürgern der Welt irgendwas von "verloren gegangener Ethik" vorzuwerfen.

Frage: Und was hat das mit "United Trash" zu tun?

Christoph Schlingensief: Wie der Titel schon sagt, die Welt vereinigt sich endlich im Müll. Keine Frage mehr nach Weltveränderung, sondern nur noch die Frage nach Weltverwertung: Wie kann ich in möglichst kurzer Zeit so viele Gefühle, Bedenken und Rituale erleben, ohne dafür gerade stehen zu müssen!

Frage: Rituale?

Christoph Schlingensief: Seit meinem ersten Langfilm: "Tunguska - Die Kisten sind da", habe ich immer nur von Ritualen erzählt. Da haben sich immer ein paar Leute auf Kosten von anderen ausgelebt. Hier in "United Trash" ist das zum ersten Mal anders: Funktionsträger "aller Rassen" kämpfen die Spiele dieser Welt bis nachher keiner mehr weiß, was der andere eigentlich für eine Funktion hatte. Das ist wie 80 Minuten Tagesschau. Allerdings mit Musik. Ich bin der Ulrich Wickert der Mülltonne.

Frage: Aber zu jedem guten Ritual gehört doch das Recht, alles zu benutzen und zu tun, was möglich ist, mit dem ständigen Bewußtsein, wer man selber ist und wer man bleiben will. Und eben nicht, was andere denken.

Christoph Schlingensief: Ja! Erst jetzt begreifen wir nämlich, dass wir auf der Erde stehen und nicht schweben! Die Erde ist unsere Ethik, und die ist chaotisch!

Frage: Naja, "United Trash" ist ja auch reichlich chaotisch. Oder?

Christoph Schlingensief: Na und? Chaostheoretisch steht alles nur deshalb zur Verfügung, damit es benützt wird, zerstört wird und sich im selben Moment wieder zu etwas Neuem findet. Und genau das passiert in meinem Film. Der deutsche General schenkt den Afrikanern eine ausrangierte V2-Rakete vom Führer. Die Afrikaner freuen sich und wollen damit den US-Präsidenten ermorden. Der US-Präsident läßt sich statt dessen von Cicciolina und Jeff Kohns die Weihnachtsgeschichte vorspielen und stellt somit die absolute Krönung geistiger Weiterentwicklung dar.

Frage: Krönung? Die Krone der Schöpfung: Der Mensch das Schwein?

Christoph Schlingensief: Ich sagte ja Weiterentwicklung. Nur wenn wir endlich den ganzen Gefühls- und Verzweiflungsmüll in uns auch als Müll akzeptieren, können wir uns selber als Schrott verstehen und uns somit jedermann freiwillig zur Verfügung stellen. Da wird die Atombombe oder irgendeine Krankheit zum Urlaub.

Frage: Afrika war ja wohl kein Urlaub während der Dreharbeiten?

Christoph Schlingensief: Um es mal mit den Worten von Leni Riefenstahl zu sagen: Der Schwarze ist ein wunderbares Wesen. Der ganze Kolonialmüll, der da abgeladen wurde und der ja nichts weiter war als der Aderlaß einer sich selbst als Edelstein verstehenden "Elite", wird von den Afrikanern mittlerweile so zum Absurden getrieben, dass selbst der Papst in Nairobi Schwierigkeiten hat, seine Kondomtherapie fortzuzsetzen. Man fickt ja nicht deshalb ohne Kondom, weil Gott es so will, sondern weil es im Zeitalter von Aids konsequent ist.

Frage: Konsequent?

Christoph Schlingensief: Ja, konsequent. Millionen von Menschen laufen mit der inneren Uhr durchs Leben, dass sie in 8 bis 10 Jahren nicht mehr da sind. Mit diesem Bewußtsein kann einem doch so mancher Appell zu mehr Anstand völlig egal sein. Erst wenn diese Menschen die Übermacht darstellen und die Macht ergreifen, wird sich herausstellen, was wirklich wichtig ist.

Frage: Deshalb auch das viele Sperma in ihrem Film.

Christoph Schlingensief: Sehr witzig. Mir geht es nicht darum, irgendwelche Bilder zu einer Aussage zu zwingen. Ich gehöre zum strukturellen Film und nicht zum Mainsstream, obwohl ich den ja auch sehr mag.

Frage: "United Trash" erinnert teilweise an den Humor von Monthy Python oder John Waters.

Christoph Schlingensief: Wenn Sie das sagen. Ich dachte da mehr an "Nackte Kanone", Jack Smith, Hershell Gordon Lewis oder Vlado Kristl.

Frage: Davon kenne ich aber nur die "Nackte Kanone" und die war ja doch etwas eingängiger.

Christoph Schlingensief: Im Moment gibt es in Deutschland kaum noch jemanden, der an den Fehlern des Mediums Film interessiert ist, sondern nur noch an dessen Erfüllung. Die einen lamentieren über "den Zirkusrummel", der beendet werden muss, damit der Film wieder eine Chance hat. Viele andere wollen den politischen Film zurück oder berufen sich auf dieses ausgeleierte Wort von Menschlichkeit. Das ist "funktionalisierter Humanismus".

Frage: Könnten Sie sich denn vorstellen, mal einen Film wie die "Nackte Kanone" zu drehen?

Christoph Schlingensief: Auf alle Fälle! Nachdem der Film ja bereits in Cannes gezeigt wurde und sogar in einige Länder verkauft werden konnte, hat ihn auch der US-Co-Produzent von Roger Corman gesehen und mit mir Verbindung aufgenommen. Wir sind zwar noch am Anfang, aber wir planen gerade ein Projekt, das ich schon seit 2 Jahren mit mir herumschleppe: "Der Untergang der Europa". Das könnte so ein Film werden. Natürlich mit den notwendigen Korrekturen.

Frage: Und sonst? Wie war die Resonanz bisher auf "United Trash"?

Christoph Schlingensief: Sagen wir mal so: Ein kleiner Teil des Bildungsbürgertums ist verärgert, weil der seit dem "Deutschen Kettensägen-Massaker" so wahnsinnig geschätzte "politische Filmemacher Schlingensief" mit "United Trash" wesentlich unterhaltsamer geworden ist.

Frage: Und ist das schlimm?

Christoph Schlingensief: Ganz im Gegenteil. Wie ich schon vorher gesagt habe, handeln meine Filme ja von Ritualen und nicht von politischen Thesen. Die Zuschauer haben trotz der vielen "wüsten" Dinge in dem Film sehr viel "Spaß". Die Zeit, wo der Bildungsbürger noch über das verstörte Publikum gelacht hat, ist vorbei. Die Zuschauer sind besser informiert als mancher es zulassen will. Im Moment freue ich mich über jeden, der von mir aus politischer Sicht enttäuscht ist. Genauso freue ich über jeden, der "United Trash" gerade wegen der unkorrekten und chaotischen Aussage mag. Bis jetzt wurde sehr viel gelacht!

Frage: Und wo soll das alles enden? muss man nicht gerade heute der "Orientierungslosigkeit" entgegenwirken?

Christoph Schlingensief: Entweder haben Sie nicht zugehört oder Sie sind bescheuert. Im Moment ordnen sich die Dinge doch von selber! Ein neues '68 wird es hoffentlich nicht geben!

Frage: Und was dann?

Christoph Schlingensief: Angriff oder Verteidigung! Die 14- bis 16jährigen von heute überholen uns bereits jetzt schon auf der Infoautobahn und nicht in der Kirche! Deren Ethik entsteht praktisch durch Offenheit und nicht durch Bedenken und Zweifel. Die kommen bei denen erst später, wenn sie bereits genug wissen.

Frage: Und was wissen sie?

Christoph Schlingensief: Ich weiß, dass es noch einiges zu beerdigen gibt. Anfang des Jahres inszeniere ich wieder an der Volksbühne in Berlin. "Rocky Dutschke, 68". Ein riesiger Boxabend. Mein Stück für alle Verlierer. Nach der Sommerpause werde ich dann aller Voraussicht nach an der selben Bühne so etwas wie eine Filmproduktion übernehmen: "Volksfilm". Im Moment werden ja einige kulturelle Filmbüros klammheimlich geschlossen. Noch regt sich keiner auf, aber in zwei Jahren, wenn es dann nur noch Fernsehproduktionen im Kino gibt, haben wir unser eigenes Filmbüro.

Frage: Und noch was zum Abschluß ...

Christoph Schlingensief: Was denn?

Frage: ... sind Sie ein Schwein?

Christoph Schlingensief: Natürlich nicht! Ich habe gerade einen Spermatest vor mir. Der soll zeigen, ob ich Kinder bekommen kann.

Frage: Schwarze?

Christoph Schlingensief: Vielleicht. So süße kleine Kinder wie Peter Panne in "United Trash".

Frage: Ich danke Ihnen für dieses komplizierte Gespräch.

Christoph Schlingensief: Mit unverbindlichen Grüßen.

Dirk Jasper FilmLexikon
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