Interview mit Corinna Harfouch

"Jede Frau vereinigt in sich mindestens zwei Persönlichkeiten ..."

Corinna Harfouch spielt die weibliche Hauptrolle in dem deutschen Thriller Solo für Klarinette.

Frage: Wie würden Sie die Rolle der Anna beschreiben?

Corinna Harfouch: Anna hat 20 Jahre sehr zufrieden mit einem Mann zusammengelebt. Sie mochte ihre Arbeit, kam abends gerne nach Hause, zog ihr Kind groß. Sie hat dieses Leben so sehr geliebt, dass sie gar nicht gemerkt hat, wie es um sie herum längst in Scherben lag.

Als ihr Mann sie für eine jüngere Frau verließ, traf es sie wie ein Schock. Ihr Selbstbewußtsein als Frau, auch ihr körperliches Selbstbewußtsein, und ihr ganzes Wesen wurden zerstört.

Frage: Was verbindet Anna Weller und Bernie Kominka?

Corinna Harfouch: Das Schicksal hat sie zu einem Zeitpunkt aneinandergespült, als es für beide eigentlich schon zu spät ist. Die Tragik der Geschichte besteht darin, dass es zu einem früheren Zeitpunkt vielleicht tatsächlich eine Chance für ihre Liebe gegeben hätte. Doch nun ist es zu spät, und Anna empfindet jedes Liebesbezeugnis beinahe als Angriff.

Frage: Was hat Sie an der Rolle gereizt?

Corinna Harfouch: Anna ist eine sehr komplizierte Figur, aber das ist im Grunde jede Frau (und auch jeder Mann, nur bekomme ich seltener die Chance, eine zu spielen). Bestimmte Genres erlauben einfach nicht, dass man diese Kompliziertheit thematisiert, doch hier kann man sie ausloten.

Frage: Wie wichtig ist es für Sie, dass Solo für Klarinette an der Kinokasse erfolgreich ist?

Corinna Harfouch: Kommerzielle Aspekte interessieren mich nicht. Meine Arbeit wird ja nicht dadurch besser, dass ein Film Zuschauer erreicht als erhofft, oder umgekehrt.

Frage: Kennen sie selbst Einsamkeit in Ihrer Arbeit oder Ihrem Leben?

Corinna Harfouch: Sagen wir so: Wenn einem wie Bernie tatsächlich an seinem Sohn läge, dann fände er trotz der vielen Arbeit Möglichkeiten, sich um ihn zu kümmern und seine Familie nicht scheitern zu lassen. Mir bedeuten meine Kinder sehr viel. Deswegen finde ich immer Wege, bei ihnen zu sein.

Frage: Sie spielten das erste Mal mit Götz George. Wie war das?

Corinna Harfouch: Götz George ist ein großer Schauspieler. Sehr präsent, sehr stark. Ich bin nun aber auch nicht gerade schwach, und von daher ergibt sich ein, wie ich finde, ausgesprochen kreativer Kampf.

Frage: Was prädestiniert Sie dazu, geheimnisvolle Frauen zu spielen?

Corinna Harfouch: Ach, man hat so rasch ein Etikett weg ... Aber ich bin prädestiniert, geheimnisvolle Frauen zu spielen, weil ich weiß, dass jede Frau ein Geheimnis hat. Jede Frau vereinigt in sich mindestens zwei Persönlichkeiten - eine schwarze, eine weiße - und es kommt immer auf die Lebensumstände an, welche sie offenbart.

Das macht die Kreativität von Frauen, ja, allgemein das Wesen von Frauen aus. In jeder Frau schlummern Dinge unter der Hautoberfläche, die plötzlich hervorbrechen können.

Frage: Halten Sie Einsamkeit für ein aktuelles Problem des Großstadtlebens?

Corinna Harfouch: Wahnsinnig viele Menschen irren umher auf der Suche nach ihrem Platz im Leben. Aber sie finden ihn nicht, weil sie sich selbst entfremdet, weil sie halt- und wurzellos sind und keine Bestätigung durch andere finden. Dann wird Einsamkeit zur Krankheit.

Corinna Harfouch
Filmplakat

Dirk Jasper FilmLexikon

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