Interview mit Corinna Harfouch

"Ich hatte das Gefühl, wir sind Brüderchen und Schwesterchen ..."

Corinna Harfouch spielt die weibliche Hauptrolle in dem deutschen Melodram Der große Bagarozy.

Frage: Was haben Sie gedacht, als Sie das Drehbuch bekommen haben?

Corinna Harfouch: Da hab' ich gedacht, der liebe Gott schickt es mir, denn eigentlich sollte ich einen anderen Film machen, vor dem ich ein bisschen Angst hatte. Ich dachte, ich brauche jetzt irgend einen Fingerzeig, irgend jemand muss mir jetzt helfen. Und da bekam ich das Buch. Ich habe es gelesen und war vollkommen begeistert.

Frage: Und haben Sie dann den Roman auch noch gelesen?

Corinna Harfouch: Ich wurde gebeten, den Roman nicht zu lesen.

Frage: Sie werden jetzt nicht sagen, dass Sie sich daran gehalten haben?

Corinna Harfouch: Doch, ich habe mich in diesem Fall daran gehalten. Ich habe ihn bis heute nicht gelesen. Was sonst nicht meine Art ist.

Frage: Ist es egal, welcher Regisseur Ihnen einen Stoff anbietet? Würden Sie eine Rolle auch spielen, wenn nur der Stoff gut genug ist, ohne Ansehen des Regisseurs?

Corinna Harfouch: Ja, ich bin ziemlich verführbar durch einen Stoff. Es gibt aber auch wahnsinnig viele Regisseure, die ich noch gar nicht kenne. Und in diesem Fall hatte ich auch "Das Mädchen Rosenmarie" noch nicht gesehen.

Frage: Und wie war dann die Begegnung mit Bernd Eichinger als Regisseur? Sie hatten doch sicher bestimmte Erwartungen. Gab es für Sie Überraschungen, als Sie ihn bei der Arbeit erlebt haben?

Corinna Harfouch: Wir hatten ein langes, langes Gespräch über's Drehbuch. Und da habe ich wirklich die Hoffnung gehabt, dass wir gut zusammenarbeiten werden.

Frage: Wie äußert sich das, dass man den Eindruck hat, mit einem Regisseur gut zusammen arbeiten zu können?

Corinna Harfouch: Indem man zum Beispiel sagt, was einem im Buch fehlt, und der das registriert.

Frage: Und als es dann an's Drehen ging? Wie haben Sie Bernd Eichinger da erlebt?

Corinna Harfouch: Sagen wir mal so: Ich habe mich neulich mit meiner Mutter mal über meine Geburt unterhalten. Und zu der Zeit, als meine Mutter mich geboren hat, war das noch so, dass man als Wöchnerin quasi still liegen musste, und das Kind wurde einem irgendwie geboren. Und dann musste man auch noch tagelang flach im Bett liegen. Heutzutage ist das ja ganz anders. Man darf auch aufstehen und richtig mitmachen - damals durfte man das nicht. Und ungefähr so (lacht) ist diese Arbeit auch gewesen.

Frage: Sie mussten still liegen?

Corinna Harfouch: Ja, genau. Ich musste still liegen, still sitzen und still stehen. Und dann ist halt ein Kind geboren worden, auf diese Weise.

Frage: Es war also für Sie eine ziemliche Umstellung, sich auf diese Art der Arbeit einzulassen.

Corinna Harfouch: Für ihn sicher auch. Letztendlich haben wir uns aber getroffen - nicht ganz in der Mitte, sondern schon mehr in seinem Reich.

Frage: Ist es vielleicht auch mal ganz erholsam, wenn einer so präzise Vorstellungen hat, was er von den Schauspielern will?

Corinna Harfouch: Ja natürlich. Das ist erholsam. Das wird erst dann zum Stress, wenn an manchmal nicht der gleichen Meinung ist.

Frage: Was ist denn letztlich wichtiger: Die Stimmung am Set oder das Ergebnis?

Corinna Harfouch: Ich habe nicht nur mein eigenes Wohlbefinden im Kopf. Es geht auch nicht darum, dass ich irgendwas unbedingt durchsetzen muss, was mir so in den Sinn kommt.

Frage: Haben Sie, nachdem Sie den Film gesehen haben, verstanden, was Eichinger wollte?

Corinna Harfouch: Ich habe den Film gestern gesehen und bin wirklich erleichtert. Ich bin wirklich froh, dass er jetzt so aussieht.

Frage: Wo würden Sie Eichingers Talente als Regisseur sehen?

Corinna Harfouch: Er ist hoch konzentriert und in der Lage, ein Team wirklich auf sich einzuschwören. Und zwar auf eine relativ zwingende, aber trotzdem sanfte Weise. Er fordert irrsinnig viel und kann es auch sehr elegant durch setzen.

Also, ich habe Leute im Team erlebt - ob das Requisite war oder Ausstattung - die waren total begeistert von dieser Arbeit, weil sie sich gebraucht fühlten und an eine Grenze geführt, wo man normalerweise sagt "Das geht nicht. Man kann nicht von heute auf morgen die Deko fertig machen, das ist einfach praktisch nicht möglich, weil die Farben nicht trocken werden."

Und wenn er dann einfach behauptet "Doch, das geht!", dann machen die die Nacht durch und sind völlig verdrieselt, aber auch glücklich. Wirklich glücklich, denn sie haben es geschafft und sehen sich selber plötzlich in einem Bereich, den sie sich gar nicht zugetraut haben. Sowas schafft er einfach. Das war erstaunlich.

Frage: Mit welchen Erwartungen sind Sie an die Arbeit mit Til Schweiger herangegangen?

Corinna Harfouch: Ich habe zunächst nicht ganz verstanden, warum nicht ein richtiger Theaterschauspieler diese Rolle spielt. Auch nicht, warum es so ein junger Mensch sein soll. Für mich ist der Teufel ein alter Mann.

Frage: Aber Til Schweigers Talente als Schauspieler sind doch nur durch seinen Erfolg etwas in den Hintergrund gerückt.

Corinna Harfouch: Das war ja auch nur mein Vorurteil. Und dann kam die Arbeit, und die war ausgesprochen angenehm. Ich hatte das Gefühl, wir sind Brüderchen und Schwesterchen und gehen zusammen durch den dunklen Wald, eine Art hilflose Einheit. Es war Achtung und Sympathie da. Alles andere spielte dann auch keine Rolle mehr. Aber durch die sehr starke Präsenz von Bernd Eichinger, die ich in dieser Weise überhaupt noch nie erlebt hatte, hatte ich manchmal das Gefühl, bei der Entwicklung dieser Frauenfigur außen vor zu sein.

Frage: Worin besteht denn deren Entwicklung?

Corinna Harfouch: Jemand macht sich los von seinem Leben, das er sich aufgebaut hat und womit er einigermaßen zufrieden ist. Der aber eben nicht sein ganzes Lachen lacht und nicht seinen ganzes Weinen weint. Und auf einmal kommt da etwas. Und ich habe gedacht, das müßte ein Gang in Konfusion und Chaos und in ein Außer-sich-sein werden. Ich habe das viel psychologischer gesehen.

Frage: Es ist doch eigenartig, dass Bernd Eichinger in beiden seiner Filme und auch in seinem Lieblingsprojekt "Letzte Ausfahrt Brooklyn" im Grunde eine Frauengeschichte erzählt ...

Corinna Harfouch: Ich bin ja ganz sicher, dass er Frauen wirklich liebt, aber als Sehnsuchtsbild. (lacht)

Frage: Für was haben Sie Til Schweiger gehalten, während Sie mit ihm spielten - für den leibhaftigen Teufel oder für schizophren?

Corinna Harfouch: (lacht) Ich habe ihn immer für einen Schauspieler gehalten, der unglaublich um seine Wirkung weiß. Wie er das mach, habe ich mit Ver- und Bewunderung angeschaut. Das ist ganz, ganz anders, als ich es jemals machen würde oder könnte.

Frage: Haben Sie vor dem Film eine spezielle Beziehung zu Maria Callas gehabt?

Corinna Harfouch: Nicht so intim. Ich hatte natürlich die Musik gehört, aber es ist nicht meine bevorzugte Musik gewesen. Und dann habe ich ein Buch gelesen von Kesting über die Callas, und dieses Buch war ein Schock für mich, ein absoluter Schock.

Wie dieses Buch Fragen stellt, an mich oder überhaupt an jeden Menschen, der je eine Bühne betritt. Diese Fragen sind so gnadenlos, dass mich das wahnsinnig stark an diese Frau herangebracht hat - und auch an mich letztendlich. Das hat mich schwer, wirklich schwer bewegt.

Und das ist auch das Schöne: Bei solchen Projekten begegnet einem dann plötzlich immer irgendwas, was einen auf einmal persönlich berührt.

Corinna Harfouch
Filmplakat

Dirk Jasper FilmLexikon

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