Interview mit Corinna Harfouch

"Ich habe gar keinen Fernseher."

Wenn Deutschlands Star-Schauspielerin Corinna Harfouch die Rolle der Kriminalkommissarin Eva Blond interpretiert, darf man alles erwarten, nur nicht das Gewöhnliche. Von Anfang an wird deutlich, dass Eva Blond, anders als ihr Name vermuten ließe, lieber auf ihre Warmherzigkeit, Sensibilität und Intelligenz setzt als auf den Einsatz ihrer weiblichen Reize, wenn es um die Aufklärung mysteriöser Todesfälle geht. Dabei scheint der Mord an einer jungen Kosmetikerin bereits gelöst, ehe der Fall eine makabre Wendung nimmt ...

Corinna Harfouch spielt die weibliche Hauptrolle der Eva Blond in den TV-Filmen "Blond: Eva Blond", die am 9. und 16. Oktober 2002 jeweils um 21.15 Uhr auf Sat.1 gesendet wurden.

Corinna Harfouch spielt Theater in Berlin und freut sich schon auf die Dreharbeiten zum zweiten Einsatz für Eva Blond. Im Interview kurz vor den Dreharbeiten spricht sie nicht nur über Ähnlichkeiten mit ihrer Filmfigur, sondern macht auch ein überraschende Geständnis.

Frage: Die erste Folge beginnt damit, dass Eva Blond einen kriminellen Kaufhausdetektiv überführt, indem sie sich verkleidet und verstellt. Ist Eva Blond eine genauso gute Schauspielerin wie Sie?

Corinna Harfouch: Auch wenn das wie eine Plattitüde klingt: Jeder Mensch ist ein guter Schauspieler und meistert verschiedene Situationen verschieden. Genauso wie jeder Mensch andere Dinge in einem weckt: Mit einem humorlosen Menschen kriege ich kein Gespräch hoch, ein anderer bringt mich total zum Blühen. Mit gefällt dieser Filmeinstieg besonders gut. Er hat zwar nur am Rande mit dem eigentlichen Fall zu tun, zeigt aber, wie Eva Blond arbeitet. Da ist vieles unabgesprochen mit ihren Vorgesetzten, andererseits hat sie Mut zur Spontaneität - eine schöne Eigenschaft. In den weiteren Teilen werden wir diese Anfangssequenz auf jeden Fall beibehalten.

Frage: Sprache in Wort und Schrift ist das A und O Ihres Berufes. Eva Blond ist Legasthenikerin. Wie haben Sie sich da hineinversetzt?

Corinna Harfouch: Diese Eigenschaft gehört zu den Faktoren, die Eva herausfordern. Sie muss sehr, sehr kreativ sein, um bestimmte Prüfungen zu bestehen. Genau wie Blinde, die statt dem Augenlicht andere Sinnesorgane ausbilden, entwickeln Legastheniker bestimmte Verhaltens- und Umgehungstechniken. Sie ist sehr intelligent, ihre unverbildete Sichtweise kann erfrischend sein, besonders für ihren Mann, der als Professor arbeitet.

Frage: Was gefällt Ihnen noch an Eva Blond?

Corinna Harfouch: Sie ist Kommissarin, aber keine Heldin. Ich mag es überhaupt nicht, wenn Kommissare völlig ungerührt an "ihren" Leichen vorbeigehen. Außerdem misslingen ihr viele Alltäglichkeiten. Trotzdem versucht sie ihr Privatleben im modernen Spagat zwischen Beruf und Partnerschaft zu meistern - inklusive Kinderwunsch, den ich sehr gut nachvollziehen kann. Es ist ja beinahe unvorstellbar, dass sie zwischen dem ganzen Trubel auch noch ein Kind haben könnte. Aber sie wünscht sich das so sehr, das gefällt mir so gut an ihr.

Frage: In einer Szene kommentieren Sie, mit Ihrem Filmpartner Herbert Knaup vor dem Fernseher sitzend, einen TV-Krimi. Haben Sie sich in Vorbereitung auf Eva Blond besonders viele Ihrer Kolleginnen angesehen?

Corinna Harfouch: Nein, ich habe gar keinen Fernseher. Ich habe auch nicht die geringste Ahnung, wie die anderen Kommissarinnen so sind, weil ich nicht eine einzige Folge von "Bella Block", "Rosa Roth" oder andere gesehen habe. Bei Freunden sehe ich mir gelegentlich gern "Ally McBeal" an. Sie hat eine gewisse Künstlichkeit in der Person, die ich mir für Eva Blond auch vorstellen könnte.

Frage: Wenn Eva Blond mit Pumps und rotem Kleid auf einem Baugerüst entlang läuft, wirkt das schon ein wenig wie "nicht von dieser Welt".

Corinna Harfouch: Eva Blond überlegt sich morgens nicht, welches Outfit zu ihrem heutigen Arbeitstag passen könnte. Sie wacht auf und denkt sich: "Was für ein schöner Tag!" Dann treibt es sie durch den Tag und zufällig muss sie eben unpassenderweise mit Pumps auf die Baustelle gehen. Damit wollten wir zeigen, dass sie in erster Linie nicht praktisch und bis ins Kleinste durchdacht agiert. Sie folgt ihren Instinkten, da ist es ihr letztlich egal, was sie anhat.

Frage: Passiert Ihnen das auch?

Corinna Harfouch: Ich fahre jeden Tag mit dem Fahrrad zum Theater. Neulich, an einem wunderschönen Frühsommertag, hatte ich plötzlich diese Hose an, die zum Radfahren gänzlich ungeeignet ist. Eine, die an der Seite offen ist und die man vorne und hinten bindet. auf einmal fahte ich wie in einem Albtraum durch die Stadt. Die Hose weht an den Seiten komplett auf wie ein Fallschirm, ich sitze quasi nackt auf meinem Rad, kann aber nicht mehr umkehren, weil ich zu den Proben muss. Ich war vor Angst nassgeschwitzt, als ich hier ankam. Eine absurde Situation, die Eva Blond genauso passieren könnte. Dann darin, passend zu sein, haben wir beide kein Talent.

Frage: Eva ruht sich auch ganz gerne mal im Aktenschrank aus. Ihre Idee?

Corinna Harfouch: Bei Vorproben habe ich mich mal aus Müdigkeit in so ein Regal gelegt. Sascha Arango, unser Autor, hat das dann eingearbeitet.

Frage: Das alles wirkt ein wenig chaotisch, dabei sind Sie im harmoniebedürftigen Sternzeichen der Waage geboren.

Corinna Harfouch: Harmonie bedeutet für jeden etwas anderes. Ich habe mir zwar vorgenommen, etwas ruhiger und weiser zu werden, aber ich kann einfach nicht meinen Mund halten und mische mich gern ein, um meine Art von Harmonie herzustellen. Außerdem halte ich von chinesischen Sternzeichen viel mehr. Dort bin ich ein Pferd. Pferde müssen immer weiter, sind also nicht treu in dem Sinne, dass sie da bleiben und alles aushalten. Pferde müssen fort und sich darauf verlassen können, dass die, die zurückbleiben, wissen: Das Pferd kommt irgendwann zurück. Aber vorher muss es einmal um die Welt galoppieren. Damit kann ich mich total identifizieren.

Frage: Wie kommt Eva Blonds Filmpartner Alynas Kara alias Erdal Yildiz mit Eva Blonds Kapriolen zurecht?

Corinna Harfouch: Unser privates Verhältnis ist genauso, wie es sich im Film darstellt: Erdal ist auf seine Weise ein hochmoralischer Prinzipienmensch. Unsere beiden Gegenpole ergänzen sich gut und der Dreh hat viel Spaß gemacht.

Frage: Mit Männern und Machos kommt Eva Blond also gut zurecht. Wie ist das mit Frauen?

Corinna Harfouch: Prinzipiell will ich nicht zu dem Filmbild beitragen, dass Frauen miteinander nicht können. Diese Erfahrung habe ich unglaublich selten in meinem Leben gemacht. Ich weiß auch nicht, warum das Wort "Stutenbissigkeit" immer wieder runtergeleiert wird. Als "Vera Brühne" musste ich mich deshalb auch schwerstens in dieses Phänomen reindenken, denn die war wirklich so.

Frage: Ziehen Sie sich abends nach dem Dreh oder den Proben total zurück oder suchen Sie die Gesellschaft anderer?

Corinna Harfouch: Meine Familie hier in Berlin brauche ich immer. Aber ich kann auch sehr gut alleine sein, gehe wahnsinnig gern allein ins Kino. Da komme ich dann wieder zu mir. Beim Drehen herrscht ja immer eine leicht künstlich aufgeputschte Heiterkeit, die man haben muss, damit man eine vorgetäuschte Intimität aufrecht erhalten kann. Diese Energie muss man halten, auch wenn man sich manchmal wie ein ausgegossener Krug fühlt.

Frage: Hätten Sie mal Lust auf eine richtige Komödienrolle?

Corinna Harfouch: Ich spiele gern ernsthafte Rollen so wie "Vera Brühne". Manchmal möchte man sich aber auch von einem Image befreien, zeigen, dass man ganz anders kann.

Frage: Wie in der Komödie Erkan & Stefan gegen die Mächte der Finsternis zum Beispiel?

Corinna Harfouch: Die kleine Rolle der Frau Schmächtig habe ich genau deshalb angenommen. Solche Angebote finde ich liebevoll mir gegenüber. Am Theater spiele ich ja längst komische Rollen. Ich möchte im Alter gerne ein wenig leichter werden.

Frage: Wie wichtig ist Ihnen die Arbeit am Theater?

Corinna Harfouch: Lebenswichtig. Ich brauche die Bühne ab und zu. Sie ist für mich ein Raum, der mir sehr viel Geborgenheit und Ruhe gibt. Auf der Bühne bin ich total angstfrei.

Frage: Könnte Eva Blond beispielsweise in München ermitteln?

Corinna Harfouch: Nein, München gegen Berlin ist wie ein Garten gegen einen Urwald. München ist wunderschön und ungefährlich, aber die Wege sind geharkt und gerade. Du weißt, da durchzulaufen bedeutet einach nur, in Ruhe gelassen zu werden. In Berlin siehst du irre Widersprüche an jeder Ecke, dieses ewige Bauen und niemals Fertigwerden. Dazu die stinkenden Punker am Bahnhof Friedrichstraße als ewiges Zeichen dafür, dass absolut nicht alles in Ordnung ist.

Corinna Harfouch als Eva Blond
Eva Blond: Szenenfoto. Foto: Sat.1
Eva Blond: Szenenfoto. Foto: Sat.1
Eva Blond: Szenenfoto. Foto: Sat.1
Eva Blond: Szenenfoto. Foto: Sat.1
Eva Blond: Szenenfoto. Foto: Sat.1
Eva Blond: Szenenfoto. Foto: Sat.1
Eva Blond: Szenenfoto. Foto: Sat.1
Eva Blond: Szenenfoto. Foto: Sat.1
Eva Blond: Szenenfoto. Foto: Sat.1
Eva Blond: Titelbild Presseinfo

Dirk Jasper FilmLexikon

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