Interview mit Corinna Harfouch

"Im Sinne des Überlebens ist die menschliche Rasse die allerdümmste."

Corinna Harfouch ist die Darstellerin der Magda Goebbels in dem deutschen Kinodrama Der Untergang.

Frage: Wie kamen Sie zur Rolle der Magda Goebbels?

Corinna Harfouch: Ich habe mich um diese Rolle beworben und Probeaufnahmen angeboten. Mir war selber nicht ganz klar, warum ich diese Rolle unbedingt spielen wollte ? abgesehen davon, dass es für mich die interessanteste Frauenfigur in diesem Film ist. Mich interessierte wohl einfach die Frage, wie es sein kann, dass in solchen fanatischen Denksystemen so natürliche Dinge wie Mutterliebe und Beschützerinstinkte einfach ausgehebelt und von irgendwelchen nebulösen Todesgedanken und schwülstigen Welten in ihr seltsames Gegenteil verkehrt werden.

Ich persönlich vermute, dass es sich um eine permanente Auseinandersetzung mit dem Nazi-System und dem System aus dem ich komme, handelt. Wenn man es auf die Spitze treibt, dann ist Magda Goebbels prototypisch für einen Menschen, der sich in einer Diktatur am wohlsten fühlt.

Frage: Beschreiben Sie Magda Goebbels bitte noch etwas näher.

Corinna Harfouch: Wirklich wohl gefühlt hat sie sich ihr ganzes Leben nicht. Aber Menschen, deren Leben unschöpferisch und unsicher ist, die dazu neigen, sich einem Führer anvertrauen zu wollen, weil dieser Führer sie eventuell von ihrem eigenen, ungeliebten Ich wegführt und ihnen auch jede Verantwortung abnimmt ? dieser Innenhohlraum, diese Leere, dieses Nicht-Gestalten-Können des eigenen Lebens, dafür ist sie ein Prototyp. Sie ist in ihrem Inneren ein von sich enttäuschter und ängstlicher Mensch; dabei hatte sie viel gelernt, konnte drei Sprachen, Konversation, war sozusagen intelligent ? aber das waren alles nur Vehikel, um sie von ihrer kleinbürgerlichen Herkunft fortzubringen.

Das Seltsame oder Folgerichtige an dieser Frau ist ja, dass sie drei große Lebensüberschriften hatte, dreimal einen völlig anderen Ansatz, den sie dann vollständig abgeschlossen hat: Einmal hatte sie einen zionistischen jüdischen Freund, auch eine Führernatur, den sie als junges Mädchen geliebt hat und dem sie folgen wollte. Das wurde beendet, und es war nie wieder die Rede von diesem Mann. Danach war sie mit Herrn Quandt verheiratet, sozusagen der Versuch, ins Großbürgertum einzusteigen.

Dann kam der Nationalsozialismus, anfänglich wahrscheinlich noch die kreativste, pseudo-schöpferische Phase in ihrem Leben, die etwas in ihr bewegt hat. Und da wurde sie brutalst zurückgestoßen, vor allem von Goebbels und der ganzen Ideologie ? keine Frau durfte in diesem System irgendeine Art von Funktion haben; also hat sie diese Kinder bekommen, in diesem und für dieses System, weil sie auf keinem anderen Weg irgendwer sein konnte. Und deshalb ist es ihr wohl auch möglich gewesen, diese Kinder auf eine ganz selbstverständliche Weise mit in den Tod zu nehmen, denn sie betrachtete sie als einen Teil von sich und des jetzt untergehenden Systems.

Frage: Wie haben Sie sich auf diese Rolle vorbereitet?

Corinna Harfouch: In meinem ganzen Leben habe ich mich immer wieder mit dieser gesamten Thematik befasst; schon als Kind habe ich ein Buch über die KZ-Aufseherinnen von Ravensbrück in die Hand bekommen. Vielleicht war ich dafür zu jung, denn es hat mich in einen vollkommenen Schock versetzt und viele Ängste in mir ausgelöst, darunter die Frage, was ich tun würde, wo ich stehen würde.

Dann komme ich ja aus der DDR, ich habe mir schon gewünscht, ein Held zu sein, d.h. ein Kommunist ? und ein Kommunist kommt auch ins Gefängnis, wird gefoltert ? höchstwahrscheinlich würde ich alle verraten, und dieser Gedanke hat mich in meiner Kindheit schrecklich traumatisiert. Auch jetzt habe ich mich ein halbes Jahr lang nicht getraut, etwas anderes als Material zu Magda Goebbels zu lesen, habe sie rundherum eingekreist, über Fanatismus nachgedacht.

Frage: Und dann haben Sie sich ein Konzept für diese Figur zurechtgelegt?

Corinna Harfouch: Dass man unwahrscheinlich viel weiß und ein Konzept hat, das ist die eine Sache. Wenn man aber dann an den Drehort kommt, ist alles ganz anders, da muss man ganz konkret einfach die Szene drehen, da ist das Wissen manchmal hilfreich, manchmal gar nicht. Ich kann trotzdem nicht anders arbeiten ? auch weil mir die Vorbereitung und das Wissen soviel Spaß macht. Wenn man sich vorstellt, wie man etwas spielen will, stellt man sich prinzipiell vor, man steht im Fokus der Szene ? und das ist Magda Goebbels in vielen Fällen gerade nicht; die Hauptarbeit besteht also darin, auf die Chance zu warten, etwas in der Figur darzustellen.

Frage: Welche war Ihre schwierigste Szene?

Corinna Harfouch: Natürlich die Szene, in der ich den Kindern den Schlaftrunk gebe. Da laufen Prozesse ab, ganz unabhängig von einem selbst, das war spannend zu beobachten. Man kann nur staunend von außen zuschauen, wie es sich entwickelt. In diesem Fall war es so, dass ich das eigentlich nicht drehen wollte. Ich hätte nie gedacht, dass dieser Tag wirklich kommen würde, an dem ich diese Szene drehen musste. Ich war vollkommen dünnnervig.

Frage: Lernt man daraus etwas fürs Leben ? als Frau, als Schauspielerin?

Corinna Harfouch: Das Wichtigste als Schauspielerin ist die gedankliche Vorbereitung ? so habe ich das Gefühl, dass ich einiges mehr weiß vom Leben, den Frauen, dem Mutterdasein, über Automatismen, von Klischees. Man wird sich darüber klar, dass unter allen Tierarten die Menschen offensichtlich die einzigen sind, die ihre eigene Art vernichten. Keine andere Tierart tut das; im Sinne des Überlebens ist die menschliche Rasse die allerdümmste.

Man kommt also zu solchen Erkenntnissen, die nicht schön sind, aber das verschafft einem zeitweise Linderung und einen Überblick über die Abläufe in der Welt, und man fühlt sich auf einmal ganz geborgen in einer Sicherheit des Wissens. Das vergeht dann wieder, verflüchtigt sich, das ist klar, der Himmel ist halt nicht immer offen.

Frage: Welche Hoffnung verbinden Sie mit dem Gesamtprojekt?

Corinna Harfouch: Es müsste eigentlich jeder wissen, dass wir auf dem Boden der Geschichte stehen, und wenn wir das ignorieren, dann sind wir schlecht beraten. Es geht um einen gravierenden Punkt in der deutschen Geschichte, und wenn wir den vergessen, ist das schlecht für uns alle, weil wir dann ein kollektives Trauma nicht bearbeiten, nicht beseitigen ? und auch niemals weiterkommen werden als Volk.

Mit diesem Film verbinde ich die Hoffnung, dass es dann irgendwie endlich vorbei ist, dass es dann mal gut ist damit, dass es mich nicht mehr mit Angst, Schrecken und Entsetzen erfüllt, sondern dass ich es als einen Punkt in der Geschichte nehmen und ein Teil meines Inneren dann weitergehen kann.

Frage: Es findet also eine Bewältigung statt?

Corinna Harfouch: Ja, genau. Das finde ich für uns alle, besonders für die jungen Leute wichtig. Deshalb muss man immer wieder mit dem Finger draufzeigen ? und was dieser Film beschreibt, ist ja ein unglaublich apokalyptischer Moment, der extremste Ausdruck, wie alles absolut zerfällt und sich entblättert als gruselige, schreckliche Blase, die wie eine Jaucheblase platzt und die Welt und den Boden vergiftet. Sich das alles noch mal klarzumachen finde ich ausgesprochen wichtig für uns alle.

Corinna Harfouch
Corinna Harfouch

Dirk Jasper FilmLexikon

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