Interview mit David Cronenberg
David Cronenberg David Cronenberg ist der Regisseur des Films Crash

Frage: Sie mögen schnelle Autos und haben sogar selbst an einigen Autorennen teilgenommen. Hat Sie Ihre Vorliebe für Autos an Crash gereizt?

David Cronenberg: Das wäre sicherlich die falsche Motivation gewesen, tatsächlich habe ich die in Crash verwendeten Autos sogar gehaßt. Es sind häßliche und langweilige, vollkommen durchschnittliche Autos, die aber gerade deshalb unsere Alltagstechnologie am besten repräsentieren. Es geht in Crash nicht um das Auto an sich, der Film handelt vielmehr von der Verbindung zwischen Technologie und Erotik. Es geht um Menschen, die in einer vollkommen künstlichen Umgebung leben, die den Kontakt zu sich selbst und zu ihrer Sexualität verloren haben.

Frage: Können Sie das näher erläutern?

David Cronenberg: Ich glaube, dass der Mensch auf seine von ihm selbst geschaffene moderne Welt im Grunde noch genauso reagiert, wie er es vor 3.000 Jahren schon getan hat. Das funktioniert aber nicht mehr, er hängt der Entwicklung hinterher und hat die Verbindung zu sich und seiner Umwelt verloren. Die Figuren in Crash versuchen diesem Verlust zu begegnen, indem sie sich selbst und ihre Sexualität neu erfinden. Das Auto wird von ihnen lediglich als Werkzeug benutzt, mit dem sie ihrer neuen Form der menschlichen Existenz Ausdruck verleihen. Die Art der in Crash gezeigten Sexualität ist deshalb auch anders als alles, was es bisher zu sehen gab. Ich würde diese Sexualität aber nicht als pervers bezeichnen wollen, sie geht vielmehr darüber hinaus.

Frage: War es schwierig das Buch von James G. Ballard zu adaptieren?

David Cronenberg: Zunächst konnte ich das Buch kaum ertragen. Ich las es nur etwa bis zur Hälfte und legte es für ein halbes Jahr wieder zur Seite, da es ein so unbarmherziges Buch ist. Es ist genauso obsessiv wie die beschriebenen Figuren, und die Art wie diese Charaktere auf die Welt reagieren, ist nicht mal annähernd das, was man als normal bezeichnen könnte. Sie sind aber auch nicht anormal - aus diesem Grund ist Crash so verstörend. Zu meiner eigenen Überraschung war das Schreiben des Drehbuchs sehr einfach. Ich dachte erst, dass ich den Roman auf ähnliche Weise neu erfinden musste, wie ich es bei "Naked Lunch" getan hatte, aber "Crash" entpuppte sich als überaus filmisch. Das Drehbuch ließ sich ganz einfach herausfiltern. Und gerade weil es sich um eine gefilterte Version handelt, sagte übrigens James G. Ballard, sei mein Film noch erschreckender als das Buch.

Frage: War das der Grund weshalb Sie den Film machen wollten?

David Cronenberg: Ich habe den Film gedreht, um herauszufinden warum ich ich ihn machen will. Wir alle haben aus dieser Motivation heraus gehandelt, Holly Hunter und James Spader empfanden genauso. Wir wußten nur, dass wir "Crash" unbedingt machen wollen, er zog uns an wie die Motten das Licht, mit all den Gefahren, die ein solches Unternehmen mit sich bringt. Und damit meine ich nicht die Gefahr zensiert zu werden oder ähnliches, ich spreche vielmehr von dem künstlerischen Risiko, das wir eingegangen sind, denn wir bedienen nicht die üblichen Sehgewohnheiten. Lassen Sie es mich so ausdrücken: Crash ist nicht sehr brutal. Es gibt zwar Autounfälle, aber es ist nicht so, als würden Männer ihre Ehefrauen verprügeln oder als würden unschuldige Passanten überfallen. Es gibt in Crash keine unschuldig Beteiligten, alle Charaktere haben sich freiwillig auf die Sache eingelassen, als zurechnungsfähige Erwachsene.

Frage: Wie würden Sie die Figur des Vaughan beschreiben?

David Cronenberg: James G. Ballard bezeichnet ihn als abtrünnigen Wissenschaftler, als Rüpel und als Kriminellen. Für mich ist Vaughan auch eine Art mutierter Wissenschaftler, da er Forscher, Arzt und Bekehrer in einem ist. Vaughan erforscht die menschliche Natur, er versucht die menschliche Sexualität zu verstehen. Er sucht Menschen auf, die, genau wie er selbst, einen Autounfall überlebten, wohl wissend, dass sie nach einer solchen Erfahrung leicht beeinflußbar sind. Aber er hilft ihnen auch zu verstehen und das Erlebte zu verarbeiten. Man könnte fast sagen, dass die Personen des Films durch ihren Unfall aus einer schlafwandlerischen Existenz gerissen werden und Vaughan ist zur Stelle und sorgt dafür, dass sie wach bleiben.

Frage: Wie stieß Holly Hunter zu diesem Projekt?

David Cronenberg: Holly Hunter hat mich schon vor vielen Jahren wissen lassen, dass sie mit mir arbeiten möchte, was mir sehr schmeichelte, da ich sie für eine hervorragende Schauspielerin halte. Tatsächlich war Holly die erste an Bord. Lange bevor ich ernsthaft über die Besetzung nachdachte, hatte sie sich bereits das Drehbuch organisiert. Nachdem sie mir sagte, dass sie Helen Remington spielen wolle, konnte ich mir niemand anderen als Holly Hunter in der Rolle vorstellen. Helen Remington ist ein sehr robuster Charakter. Nach ihrem Autounfall ist sie zwar verletzlich und sehr empfänglich für Vaughan, aber sie verliert auf ihrem Weg zu einer neuen Ebene des menschlichen Daseins niemals die Kontrolle über sich. Helen ist eine faszinierende Figur und ich war keineswegs überrascht, dass Holly Hunter ausgerechnet diese Rolle gewählt hat. Es ist sicherlich eine sehr gewagte Rolle für Holly, speziell nachdem sie ihren Oscar gewonnen hat. Aber ich glaube, dass Holly es selbst nicht als sonderlich riskant empfindet. Sie tut was sie tun möchte und ich bin sehr froh, dass sie den Part übernommen hat.

Frage: Warum haben Sie James Spader und Deborah Unger als das Ehepaar gewählt?

David Cronenberg: Sind sie nicht das perfekte Paar? Da ich die Handlung von London nach Amerika verlegte, wollte ich auch einen amerikanischen Schauspieler für die Hauptrolle. James Spader bringt genau die richtige Mischung aus Verletzlichkeit und Aggression ins Spiel, die für das Funktionieren der Rolle so wichtig ist. Für mich ist er ganz einfach perfekt! Übrigens kann man einen Schauspieler nicht einfach auswählen. Er muss sich auch für mich entscheiden, wir wählen uns gegenseitig.

Frage: Warum hat James G. Ballard seinen fiktiven Romancharakter nach sich selbst benannt?

David Cronenberg: Es ist interessant, dass Ballard das getan hat. Der Charakter im Buch ist kein Schriftsteller, er ist nicht verheiratet und er hat keine Kinder: Ballard hat sich nicht im mindesten bemüht seine Figur autobiografisch zu zeichnen. Trotzdem ist es im weitesten Sinne ein autobiografischer Roman, da sich Ballard mit dem Innenleben seiner Figur identifiziert. Sie repräsentiert den fremdbestimmten Jedermann, dem jegliches Gespür für seinen Körper, seine Sexualität und seine Sterblichkeit abhanden gekommen ist. Er beschreibt in seinem Buch, wie Ballard in die Welt hinauszieht, wie ihm Dinge widerfahren, die ihn Stück für Stück verändern und natürlich übertreibt Ballard dabei, um die Dinge, die er sieht, auch für uns sichtbar zu machen. Der Roman ist eine Parabel und jedem von uns könnte es zu jeder Zeit genauso ergehen wie James Ballard. Seine Frau Catherine ist die weibliche Version davon und gemeinsam sind sie das archetypische Paar des Atomzeitalters.

Frage: Was ist für Sie persönlich die tiefere Bedeutung von Crash?

David Cronenberg: Ich werde nie vergessen, wie ich das Buch "The Allegory of Love" von C. S. Lewis zum ersten Mal gelesen habe. Es handelt von mittelalterlicher Dichtung und ich wurde darin mit der schockierenden Tatsache konfrontiert, dass es die romantische Liebe vor dem 12. Jahrhundert nicht gegeben hat. Wir glauben, dass die romantische Liebe ein Teil unserer Natur ist. Aber dem ist nicht so! Sie ist eine kulturelle Erfindung des Mittelalters. Man idealisierte die Frau aus der Ferne und hoffte, ihr eines Tages als Ritter in schimmernder Rüstung zu begegnen. Solche Bilder und Metaphern sind in gewisser Weise noch immer Teil unseres Alltags. In primitiven Kulturen werden Sie diese Ideale nicht finden, die Idee der romantischen Liebe existiert einfach nicht. Für mich ist Crash eine Art Fortsetzung von C. S. Lewis' "The Allegory of Love".

Frage: Herzlichen Dank für das ausführliche Gespräch!

Dirk Jasper FilmLexikon
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