Interview mit Dennis Gansel

"Ich finde es albern, keinen Busen zu zeigen, wie in us-amerikanischen Komödien."

Dennis Gansel ist der Regisseur der deutschen Teenager-Komödie Mädchen Mädchen.

Frage: Ihr mit dem Grimme-Preis ausgezeichneter Debütfilm "Das Phantom" hatte gute Einschaltquoten. Nun wechseln Sie mit Mädchen Mädchen das Genre und drehen eine Komödie über die sexuellen Probleme junger Mädchen. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Dennis Gansel: Bei Mädchen Mädchen war die Vorgabe, einen witzigen Film zu machen. Das hat mein Interesse geweckt. Für mich war das eine völlig neue Herausforderung. Ich wusste, dass ich mit Thrillerelementen ganz gut zurechtkomme und mich politische Inhalte stark interessieren.

Aber ich wollte wissen, ob ich auch eine leichte Geschichte erzählen kann. Ich wollte herausfinden, ob ich es schaffe, ein ganzes Kino zum Lachen zu bringen. Ich halte Komödie für das schwierigste Genre, auch wenn es am Ende nicht so aussieht. Bei einer Komödie ist der Erfolg ziemlich gut nachprüfbar. Denn sobald man merkt, dass das Publikum keine Verbindung zu den Charakteren aufbaut und niemand lacht, ist klar: Man hat einen Fehler gemacht. Deshalb empfinde ich das Inszenieren von Komödien als gnadenlos hart. Man musss unglaublich exakt arbeiten. Das richtige Timing ist sehr bedeutsam. Wenn die einzelnen Abläufe nicht fein aufeinander abgestimmt werden, geht jede Leichtigkeit verloren. Zusätzlich sollte eine Komödie mehr verhüllen als zeigen, sonst wirkt sie tölpelhaft. Die Wirkung wird sehr stark über Blicke und Reaktionen erreicht.

Frage: War Ihr Alter ausschlaggebend für das Angebot, bei Mädchen Mädchen Regie zu führen?

Dennis Gansel: Ich denke schon. Mein Debüt war ja ein sehr düsterer Film. Viele Leute, die "Das Phantom" sahen, wunderten sich darüber, dass ich noch so jung bin. Sie hatten nicht erwartet, dass ich mich einem so ernsten Thema zuwende. Danach stand ich zwischen zwei Projekten und ich habe mich dann für diese Komödie entschieden, da ich jetzt noch im richtigen Alter bin. Ich kann mich noch sehr gut an die Zeit zwischen Sechzehn und Zwanzig erinnern. Da gab es in meinem Freundeskreis nur ein Thema: Mädchen! Es war reizvoll und amüsant, für Mädchen Mädchen mal in deren Situation zu schlüpfen.

Frage: Das Drehbuch zu "Das Phantom" hatten Sie selbst geschrieben.

Dennis Gansel: Ja. Auch dies war hier eine neue Erfahrung. Bei Mädchen Mädchen ging es für mich darum, ein nahezu fertiges Skript umzusetzen. Es war sehr angenehm, dass die Arbeit des Drehbuchschreibens quasi weggefallen ist. Ich selbst benötige immer sehr viel Zeit dafür.

Bei "Das Phantom" habe ich zweieinhalb Jahre für das Drehbuch gebraucht und bei meinem nächsten Film hat das Drehbuch drei Jahre in Anspruch genommen. Ich glaube nicht, dass ich eine vollständige Komödie selber konzipieren könnte. Ich habe großen Respekt vor Leuten, die Gags und Pointen entwickeln können. In Mädchen Mädchen stammen einige Ideen von mir, aber den ganzen Film zu entwickeln - das wäre zu viel für mich gewesen.

Frage: In Mädchen Mädchen spielen sehr junge und weitgehend unbekannte Schauspielerinnen mit. Wie sind Sie mit ihnen klar gekommen?

Dennis Gansel: Sehr gut. Geholfen hat dabei die vierwöchige Probenzeit, in der wir uns gut kennen lernen konnten und die Möglichkeit hatten, viele Dinge in Ruhe auszuprobieren. Natürlich hatten wir auch schwierige Szenen, weil die Darstellerinnen eben sehr jung und teilweise etwas unerfahren waren. Doch meine bisherige Arbeit mit Profischauspielern, etwa mit Jürgen Vogel, hat mir sehr dabei geholfen. Jürgen hat mir gezeigt, dass man einiges ausprobieren kann und dass man nicht alles zerreden sollte.

Und dieses Wissen hat mir bei Mädchen Mädchen geholfen. Ich wollte eine Atmosphäre schaffen, in der viel experimentiert werden kann und eben auch Fehler gemacht werden dürfen. Ich habe bei den Proben manchmal gesagt, dass ich die Lösung selbst noch nicht kenne und wir einfach ausprobieren sollten, wie die Szene am besten funktionieren könnte. In dem Moment, wo es funktioniert und die Szene passt, merken es alle Beteiligten.

Frage: Für einen Teenagerfilm ist diese Komödie ungewöhnlich freizügig.

Dennis Gansel: Ich finde es albern, keinen Busen zu zeigen, wie in amerikanischen Komödien. In dem Augenblick, wenn zwei Menschen miteinander schlafen, ist es doch unsinnig, die Nacktheit zu verhüllen. Diese Freizügigkeit darf natürlich nicht inflationär missbraucht oder zum reinen Selbstzweck werden. Es musss einfach zur Szene passen.

Frage: Ulrike Kriener, die schon in "Männer" mitwirkte, spielt Victorias Mutter, eine Familientherapeutin.

Dennis Gansel: Ich bin Fan von Ulrike Kriener und gerade für diese Rolle fand ich sie perfekt. Mir hat an Mädchen Mädchen gefallen, dass diese Diskrepanz zwischen der alten und der neuen Generation zum Vorschein kommt. Meine Eltern waren waschechte 68er und sind sehr freizügig mit dem Thema Sex umgegangen. Im Vergleich dazu ist meine Generation geradezu verklemmt. Ich habe das Gefühl, dass sich im Umgang mit Sex einiges geändert hat. Ich fand es faszinierend, dass es in Mädchen Mädchen eine Figur gab, die diesen Zeitgeist der Hippies verkörpert. Ulrike war die Idealbesetzung für diese Rolle.

Frage: Gab es außerdem eine Figur, die Ihnen besonders am Herzen lag?

Dennis Gansel: Sehr wichtig war mir die Person der Lena, die von Karoline Herfurth gespielt wird. Ihre Geschichte habe ich mit besonders viel Sorgfalt bedacht. Ich wollte ohne Komik eine gewisse Echtheit in ihre Rolle einbringen. Wir hatten drei Erzählstränge und haben diese klar polarisiert: Ein Mädchen kommt bei Männern sehr gut an, die andere wird nur ausgenützt und unsere dritte Figur, Lena, verkörpert ein Mädchen, das eine ernstzunehmende Liebesgeschichte beginnt - mit all ihren Höhen und Tiefen.

Frage: Sie sind erst 27 Jahre alt und Ihnen wurde ein großes Budget anvertraut. Hat Sie das überrascht?

Dennis Gansel: Natürlich finde ich es sehr mutig, jungen Regisseuren so viel Geld anzuvertrauen. Besonders die Zusammenarbeit mit dem jungen Produzenten-Team Viola Jäger und Tina Fauvet war eine tolle Erfahrung für mich.

Dennis Gansel. Foto: Constantin Film
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