Interview mit Detlev Buck

"Ich wollte keinen Typ wie Heiner Lauterbach."

Detlev Buck führt die Regie in der deutschen Kinofilm-Produktion Liebe deine Nächste!.


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Frage: Wie, um Gottes Willen, bist du denn gerade auf die Heilsarmee gekommen?

Detlev Buck: Ich wollte einen Film machen über die veränderte Situation auf der Straße, das Betteln und die Obdachlosen, aber kein Sozialdokudrama. Mit Eckhard Theophil habe ich lange an der Geschichte gebastelt, die ich immer "Die umgedrehte Nonitschka" nannte. In dem Lubitsch-Film ist die Garbo eine Erzkommunistin, die in das Reich des Kapitalismus kommt und sich dort plötzlich verliebt.

Genauso einen Charakter wollte ich haben: Eine Frau, die sehr straight ein Ideal hat, auch eine Vorstellung vom Leben und von Gesellschaft. Die in eine Situation geschmissen wird und wie ein Blaurock in einem Western einen Auftrag erhält: "Sie müssen in das Fort XY und dort aufräumen. Dort sind die Zustände unhaltbar." Und mit ihrem Ideal in der Fremde natürlich scheitert - die Realität ist eben anders.

Frage: Nicht nur Leutnant Josefine hat einen Auftrag, auch Tristan Müller ...

Detlev Buck: Er ist des Teufels General, der in morsche Betriebe einreitet, um die Belegschaft auf die Straße zu setzen. Claus-Rudolf Amler, einer unserer Ausstatter hat mir von einer Filmproduktion erzählt: Eines Tages - sie waren so ein bißchen überm Budget - kam ein Mann in einem alten schotterigen Wagen angefahren, ging einfach durch's Büro, wo sieben Leute saßen, fegte alles vom Tisch, setzte seinen Computer darauf und machte das Ding an - Fanfare: ta ta tata. Der Mann war von der Versicherung, trug ein "Have a nice day"-T-Shirt, wohnte in einem Sanatorium und nach zwei Tagen hatte er alles im Computer. Und zehn Leute von der Produktion waren draußen. Das habe ich fast eins zu eins übersetzt, wobei ich ihm noch einen Adlatus an die Seite gegeben habe.

Frage: Was willst du mit dem Film sagen?

Detlev Buck: Schöne Frage. Man mag Menschen mit einem Ideal; man belächelt sie vielleicht, aber wenn sie dann wegfahren, fehlt was, und die Welt ist ärmer. Das merkt auch Tristan. Es geht im Leben nicht nur um Effizienz, sondern ... na meine Güte - was will der Film sagen - der Titel ist Programm!

Frage: Bei einer früheren Drehbuchfassung stand "Ein altmodischer Film" auf dem Titel ...

Detlev Buck: ... ist aber nicht old-fashioned geworden. Die Entscheidung ist gefallen mit Joachim Berc als Kameramann, den ich in der Werbung kennengelernt habe. Der Film wirkt am Anfang irre schnell, ist aber in Wahrheit langsamer geschnitten als "Männerpension". Ein paar hundert Schritte weniger. Ganz komisch, das liegt am Winkel und an der Lichtsetzung. Du brauchst länger, um die Situation und die Menschen zu erkennen.

Der Film hat eine ganz eigene Ästhetik. In der Stadt gibt es nur Telefonaufnahmen, nie eine Totale. Man weiß meistens gar nicht, in welcher Stadt der Film spielt. Im Asyl dagegen gibt es Weite und damit Totale. Hier hatte ich als Vorgabe "Oliver Twist" im Kopf. Diese hohe Gemäuer. Und nach langer Suche hatten wir dann den Raum gefunden - eine alte Darmschleimerei, eine riesengroße Anlage in Ostberlin, die unter Denkmalschutz steht.

Frage: Wie lange habt ihr gedreht?

Detlev Buck: 42 Tage. Winterdreh, es war arschkalt, minus 20 °C. Da hab' ich mir den Zehnagel abgefroren, aber den Film kann man nicht im Sommer machen. Da ist es zu gemütlich, ist das Obdachlosenleben vielleicht sogar romantisch. Ich kann nur sagen, dieses Heim, es tropfte überall, es war naß und feucht in der Hütte.

Frage: Wieviele Rollen spielst Du?

Detlev Buck: Drei. Ich hab Spaß daran gehabt, falsche Zähne gekriegt usw. Mein eigener Vater hat mich als Hotelportier nicht erkannt. Die weiteren Rollen waren ein Polizist und ein Penner.

Frage: Und die "Kunden" der Heilsarmee?

Detlev Buck: Ich habe sehr viele Leute von der Straße angehauen, die kamen zum Casting. Wir hatten immer so eine Grundcrew von 15 Leuten. Waren jetzt nicht alles Leute, wo man denkt, 'Oh Gott, die sind aber ganz arm dran'.

Manche jobben auch durch die Gegend, aber auch bei ihnen ist nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen auf der Welt. Es sind Leute, die nicht von der Schauspielerschule kommen. Sieht man auch. Ich liebe diese Gesichter. Alles drin.

Frage: Also manchmal fühlte ich mich an Fellini erinnert.

Detlev Buck: Ja, ich hab' manchmal so einen Touch. Seitdem er nicht mehr ist, der gute Fellini, gibt es kaum noch solche Gesichter im Film. Ein Satz von John Ford hat mich sehr begeistert: "You can film the most interesting thing in the world: the human face."

Frage: Du hast alle früheren Untertitel weggestrichen - bleibt die Frage, wie du den Film einordnest.

Detlev Buck: Ja, diese Schublade, in die der Film rein muss. Für mich hat er gleichzeitig was von einem Melodram und einer Komödie, aber "Melokomödie", so 'ne Scheiße kannst du nicht sagen. Egal - es ist, obwohl nur das Gegenteil passiert, ein Liebesfilm. Gefühlsecht.

"Der einzige Zeuge" von Peter Weir kann man genremäßig auch nicht zuordnen. Der Film ist deswegen so faszinierend, weil er zugleich eine zarte Liebesgeschichte und ein Thriller ist und ein bißchen vom Leben der Amish People erzählt.

Frage: Brecht, oder vielmehr seine Mitarbeiterin Elisabeth Hauptmann, hat wochenlang bei der Heilsarmee recherchiert, bevor er sein Stück "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" schrieb. Wie seid ihr vorgegangen?

Detlev Buck: Wir waren da und haben mit denen gesprochen, ich haben mir eine Dokumentation angesehen und Bücher gelesen. Wir sind aber nicht in die Suppenküche gegangen. Schließlich ist es kein Film über die Heilsarmee, deshalb heißen die bei uns "Soldaten Gottes" und haben auch ein leicht anderes Kostüm. Ich will die Heilsarmee auch nicht provozieren. Ich schätze diese Mannschaft sehr.

Frage: In "Liebe deine Nächste!" verlassen die beiden Heilsarmistinnen am Ende die Stadt und die Obdachlosen.

Detlev Buck: Das ist auch eine Erfahrung von Eckhard Theophil, der 25 Jahre Sozialarbeit gemacht hat: Letztendlich soll man Leute, die sich für irgendwas entschieden haben, nicht unbedingt verändern wollen, zumal, wenn sich mit ihrem Leben gar nicht unglücklich sind. Im Film gibt es eine Art von Entwicklung. Am Anfang machen sie nur ihre Party, die beiden Frauen können nichts ausrichten, aber am Schluß wehren sie sich. Parallel passierte dasselbe in Paris. Da sind Penner in ein Nobel-Restaurant gegangen, anschließend wollten sie ins "Ritz". Und dieselbe Idee, das machen die Obdachlosen im Film.

Frage: Leutnant Josefine wird gespielt von Lea Mornar. Eine Entdeckung - wie hast du sie gefunden?

Detlev Buck: Über die Casting-Frau Ann Dorthe Braker. Lea kam in den Raum und ich hatte sofort den Eindruck, das ist eine sehr eigene Persönlichkeit. Sie hat nur englisch gesprochen. Und dann hab ich ihr den Film ein bißchen erklärt und ihr gesagt: Lern diesen Satz mal auch deutsch, fünf Zeilen oder so. Alle guckten mich schräg an: Wie soll das gehen? Und dann hat sie deutsch gelernt, sich mit der Rolle auseinandergesetzt und sich damit identifiziert, wiel sie das Gefühl kennt, wenn man woanders herkommt und ganz andere Erfahrungen hat.

Heike Makatsch habe ich für die Figur der "bigotten Isolde" gewinnen können, eine Herausforderung für sie, weil sie so noch nie gesehen wurde.

Frage: Bei Moritz Bleibtreu dürfte es keine Schwierigkeiten gegeben haben.

Detlev Buck: Irrtum: Das war eine lange Diskusssion. Ich wollte keinen Typ wie Heiner Lauterbach, was man vielleicht erwartet hätte. Nein, diese Vögel sind jung, Ende 20, sehr schnell mit Computern, haben keine Familie und scheren sich einen Scheiß um Moral. Außerdem habe ich in Moritz etwas anderes gesehen, als diesen Tumben, den er sonst immer spielt. Selbst wenn er in "Lola rennt" Manni spielt, ist er ein Junge. Ich wollte ihn als total cleveren und kalten Hund.

Frage: Aber damit kommt er in der Geschichte nicht durch. Sein Triumph ist keiner.

Detlev Buck: Sicher, zum ersten mal in seinem Leben bekommt er einen Ditscher. Das geht nicht spurlos an ihm vorbei - er hat nicht mehr das alte Gesicht. Er hat was kapiert vom Leben.

Die beiden Frauen sind zu Freundinnen geworden und haben sich befreit vom Druck, irgendwas verändern zu müssen. Du kannst keinen Menschen verändern. Nie. Aber sie haben nicht resigniert, im Gegenteil: Jetzt habe sie eine andere Kraft.

Viele Leute haben die Frage gestellt, ob Josefime und Tristan zusammenkommen oder nicht. Also, das muss ofen bleiben. Aber ich hab nichts dagegen, wenn man denkt, er wird sie irgendwann wiedersehen. Zum Schluß habe ich noch was zum Nachdenken eingebaut: Ein kleines Kind wird zweimal eingeschnitten ...

Detlev Buck
Filmplakat


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