Interview mit Detlev Buck

"Die letzte Drehbuchfassung ist immer der Schnitt."

Detlev Buck ist der Regisseur des deutschen Kinofilms Knallhart.

Frage: Knallhart markiert eine überraschende Wende in Ihrem Werk und hat einen ganz anderen Tonfall. Wie kam es dazu?

Detlev Buck: Das liegt sicher daran, dass es eine Romanvorlage gab, ich habe das Buch ja nicht selber geschrieben. Mir hat gefallen, dass es eine sehr geradlinige Geschichte ist, die wirklich etwas zu erzählen hat. So was wollte ich schon immer gerne machen, einfach nur als Filmemacher. Insofern sehe ich diesen Film nicht als Umorientierung, sondern das hat mich schon immer interessiert.

Frage: Ist es Ihnen schwer gefallen, erstmals nicht am Drehbuch beteiligt zu sein?

Detlev Buck: Man greift natürlich schon ein, wir haben viel geändert. Sehr viele Dinge verändern sich allein schon durch die Recherche, die Besetzung und die Drehorte. Wir haben allen Figuren eine Backstory gegeben, die es im Roman und im Drehbuch nicht gab, das macht den Film reicher und vielschichtiger. Die letzte Drehbuchfassung ist immer der Schnitt.

Frage: Was hat Sie an dem Buch, an der Geschichte gereizt?

Detlev Buck: Die Konsequenz, mit der die alltägliche Gewalt in einer ?Situation endet, in der man nur noch sagen kann: "Oh, Scheiße". Darum haben wir auch diese Szenen mit dem Happy Slapping, die es im Buch gar nicht gibt, 'reingenommen ? und das, was wir da mit Stuntmen nachgestellt haben, ist lächerlich gegen das, was wirklich abgeht. Es war uns auch wichtig, dass Erol, der im Buch ein reiner Antagonist war, mehr Hintergrund hat, eine komplexere Figur wird. Im Film sieht man eben auch, wie er den Kinderwagen schiebt und Einkaufstüten schleppt. In der Gruppe muss er sich dann wieder präsentieren.

Eigentlich wollten wir den Film "Testosteron" nennen. Einerseits ist Erol Vater, er liebt die Frau und kauft Windeln, ist ganz klein. Und dann muss er auf der anderen Seite wieder den Dicken machen, und dann gibt?s eben was auf die Schnauze.

Frage: Der Film wirkt sehr authentisch, wie haben Sie recherchiert?

Detlev Buck: Ich bin in Schulklassen gegangen und oft durch Neukölln gelaufen. Da gehe ich dann einfach so 'rum, esse irgendwo, schaue zu und lass das alles auf mich einwirken: dieses Nationengemisch, wenn sie sich in der Küche streiten, und an einem Tisch macht ein Mädchen Hausaufgaben. Überall werden Teppiche geschleppt, und man nimmt sich einfach die Zeit, um zu schauen, ohne irgendetwas groß aufzuschreiben oder zu fotografieren. So bekommt man ein Gefühl für die Atmosphäre, die später ganz selbstverständlich in die Geschichte einfließt.

Einen großen Anteil an der Ernsthaftigkeit und Genauigkeit hat David Kross: Nachdem er das Buch gelesen hatte, war er sich sehr bewusst, was da läuft, bis zu dem Moment, in dem er gezwungen ist zu töten. Ich hatte viele Jungs beim Casting, die haben einfach die Wumme in die Hand genommen und abgedrückt. Wenn man sie dann fragte, was sie da eigentlich machen, sagten sie: "Steht doch im Drehbuch". David hatte die Bedeutung der Szene sofort kapiert.

Frage: Auf eine verblüffende Art hat man das Gefühl, dass er gar nichts macht ...

Detlev Buck: Er hat aber auch mehrere sehr starke Szenen, richtige Ausraster, bei der Mutter oder bei Hotte, wo er hilflos ist und nicht mehr weiter weiß. Das Wunderbare ist, dass man seine Gedanken im Gesicht lesen kann, dass er da ganz durchsichtig ist, man atmet mit ihm mit und weiß immer, wo er steht. Und das ist es ja, was Filmschauspiel ausmacht. Alles andere ist Gestikulieren. Auch ohne Erfahrung hat er schon ein sehr feines Gespür. Er hat auch schon neue Angebote, ist aber an Serien nicht interessiert: Das ist ein sehr ernsthafter junger Mann, mit seinen fünfzehn Jahren.

Frage: Wie sind Sie auf Jenny Elvers-Elbertzhagen gekommen, bei der man ja eher nicht davon ausgehen würde, dass das so gut funktioniert?

Detlev Buck: Ich habe gesehen, dass sie das selbst empfindet, sie ist Mutter, hat einen Sohn und kann sich vorstellen, was es bedeutet. Die Miriam ist früh Mutter geworden, mit 15, sie weiß um ihre Wirkung auf die Männer, hat aber nichts Richtiges gelernt und ist jetzt an einem Punkt, an dem sie nicht weiß, was sie machen soll. Die sind also ganz alleine, das hat mich interessiert. Ich kenne sehr viele allein erziehende Mütter, das ist für mich ein Riesenthema in dem Film.

Frage: Hatten Sie filmische Vorbilder im Kopf?

Detlev Buck: Kürzlich hat jemand gesagt, "Das ist ja 'ne Mischung aus "Christiane F." und Scorsese, und jemand anderes hat Verbindungen zu Melvilles "Der eiskalte Engel" gesehen, ich wiederum liebe Truffauts Sie küssten und sie schlugen ihn. Das sind alles Filme, die ich gerne mag, Filme über einsame Menschen.

In einem Film ist jedes Bild, jeder Ton gesetzt, da muss man einfach nur hinhören und hinschauen, und das liebste Publikum sind mir Leute, die sich auf das einlassen, was zu sehen und zu hören ist. Wenn man am Anfang von Knallhart die Stravinsky-Musik hört und diesen Jungen sieht, der desorientiert durch die Straßen geht, weiß man sofort, was immer da kommen mag, es wird nicht nur lustig.

Das ist ein Film, der eine Problematik hat, und die steht im Vordergrund, uns liegt es am Herzen, das zu erzählen. Es geht um die Geschichte dieses Jungen, der abgezogen wird, weil er das schwächste Glied ist. Das trifft ja immer die, die keinen Hintergrund haben.

Das schönste Kompliment war, dass jemand gesagt hat, er findet es toll, wie die Frau angelegt ist: "Die sieht ja aus wie Jenny Elvers. Das ist sie doch nicht, oder ...?". Wenn so was passiert, dann ist man vorne.

Detlev Buck
Filmplakat

Dirk Jasper FilmLexikon

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