| Interview mit Edgar Selge |
Edgar Selge: Ein wichtiger Punkt für mich war, dass solche Leute wie Thon in unserer Gesellschaft einen schweren Stand haben, denn wir hören ihre Forschungsergebnisse nicht sehr gerne. Sie befinden sich nicht in der Mehrheit, sondern vertreten angreifbare und angegriffene Positionen. Das finde ich als Schauspieler zunächst mal interessant. Man merkt, dass hinter einem extremen Maß an Autorität sich auch Aggressionen verbergen. Das verbindet Thon auch mit denen, die als Wärter und Gefangene agieren. In welchem Maße Autorität nur ein Schutzmantel ist, habe ich als Schauspieler in dieser Rolle sehr genau erfahren.
Frage: Für die Schauspieler innerhalb des Experiments war das ja ein sehr aussergewöhnlicher Dreh, haben Sie das ähnlich empfunden?
Edgar Selge: Ja, es ist ganz und gar ein Ensemblefilm. Die Spannung der Situation hat sich auf alle Beteiligten übertragen.
Frage: Könnten Sie sich vorstellen, selbst an so einem Experiment teilzunehmen?
Edgar Selge: Nein, ich würde auf keinen Fall an Experimenten dieser Art teilnehmen. Ich bin ein ängstlicher Mensch und würde mich nie in so eine Situation hineinbegeben wollen. Dazu ist meine Angstfantasie viel zu groß, gerade deshalb habe ich aber Lust, so etwas zu spielen. Das ist ja auch ein Grund, weshalb man Schauspieler wird. Ich interessiere mich im Spiel für alle Situationen, um die ich in der Wirklichkeit einen Bogen machen würde.
Frage: In den Strukturen, in der Art, in der Verantwortung abgewälzt wird, erinnert das ja durchaus ans Dritte Reich ...
Edgar Selge: Es erinnert an jedes totalitäre Regime. Da wir in Deutschland zwei totalitäre Systeme hinter uns haben, hat es mit deutscher Mentalität vielleicht in besonderer Weise zu tun, mit einer Mentalität, die sich gerne auf Vorschriften beruft.
Frage: Der Forscher, den Sie da spielen, erinnert in der Art, in der er seine Grenzen überschreitet, bisweilen auch an die mad scientists der amerikanischen B-Pictures ...
Edgar Selge: Da
stimme ich Ihnen zu. Das ist populär gesagt eine Fachidiotie.
Wie schnell man da reinkommt, kann man zum Beispiel in jedem
Krankenhaus erleben. In solchen Institutionen, in denen jeder seine
feste Funktion, auch seine feste Sprachregelung hat, entstehen
schnell Zwangsräume. Und wenn man wie Professor Thon nur sein
wissenschaftliches Ziel vor Augen hat, dann ist man vor allem an
der eigenen Rechtfertigung interessiert und verliert die
Perspektiven anderer Menschen aus anderen Lebensbereichen aus den
Augen. So ein Experiment wird doch zum totalen Lebensinhalt, so
etwas macht man nicht acht Stunden und geht dann nach Hause und ins
Kino, zur Geliebten oder zur Ehefrau und den Kindern. Aber auch
viele Schauspieler betreiben ihren Beruf mit derselben
Ausschließlichkeit. Man kann sehr schnell zum Fachidioten
werden.
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