Interview mit Edouard Molinaro
Edouard Molinaro führt Regie in dem Film Beaumarchais - Der Unverschämte

Frage: Wie kam es zur Adaption der Vorlage von Sacha Guitry?

Edouard Molinaro: Nachdem Charles Gassot mir dieses mehr oder weniger unbekannte Stück von Sacha Guitry gegeben hatte, habe ich es mit Freude aber auch mit Sorge gelesen. Freude über die Sprache und die Sorge, wie mache ich daraus einen Film. Denn es ist eine Folge von großartigen Szenen, ohne wirklichen Handlungsfaden. Sacha Guitry hatte oft eine gewisse Lässigkeit in seiner Art zu schreiben, weil er sich seines Talents als Autor und Schauspieler zu sicher war. Die Adaption verlief in mehreren Etappen. Zuerst hat mir Claude Brisville geholfen, die Stellen zu füllen, die bei Guitry in der Handlung fehlten. Das Stück musste strukturiert werden, ohne sich zu weit vom Stil Guitrys zu entfernen. Aber es war immer noch kein Drehbuch. Da griff Alain Godard ein, erfahren durch seine Arbeit mit Jean-Jacques Annaud. Er ist kein Mann der Dialoge, sondern der Struktur: Er hat aus dem Stück eine zweite Figur herausgezogen, Gudin, den anerkannten Biographen von Beaumarchais, der uns einen Blick auf den Helden verschaffen sollte. Gudin wurde das Gewissen von Beaumarchais, für den Schreiben neben seinen zahlreichen Aktivitäten fast ein zweitrangiger Zeitvertreib war. Gudin versucht ständig, ihn zum Wesentlichen - seiner literarischen Arbeit - zurückzuführen. Ich wußte nun, welchen Film ich machen wollte: einen populären, fröhlichen, einfachen Film, der Beaumarchais die Seele Figaros gab. Ich wollte keinen kulturlastigen oder traditionellen Film machen, das fände ich zu schwerfällig.

Frage: War Fabrice Luchini Ihre Traumbesetzung?

Edouard Molinaro: 100 %ig! Welcher Schauspieler außer Luchini besitzt einen so tief verwurzelten Sinn für Sprache, für die clowneske Seite der Figur und kann wie Figaro von der Emotion zur Aktion, von der Komödie zum Abenteuer wechseln? Fabrice Luchini gibt die Freude an dieser ausgefeilten und präzisen Sprache wieder und macht sie lebendig. Seine Bildung verschafft ihm Zugang zu dieser Sprache. Er hat etwas Geradliniges, sehr Einfaches in sich. Sein Beaumarchais ist gleichzeitig sympathisch und provokant. Ich glaube, er ist sehr französisch, ein bißchen Held, ein bißchen Schurke. Man muss Luchini Hinweise geben, ihm klar sagen, ob er die Figur trifft und ihn ermutigen, Vorschläge zu machen, denn er ist sehr kreativ. Als Mann des Theaters, der Kontakt zum Publikum hat, war er uns nicht nur beim Schreiben, sondern auch beim Schnitt eine große Hilfe. Er weiß Dinge, die wir nur auf eine intellektuelle Weise ahnen. Man muss ihm Freiräume geben, darf ihn nicht durch die Technik einschränken.

Frage: Welche Kriterien waren für die Besetzung der anderen Hauptrollen, Sandrine Kiberlain und Manuel Blanc, ausschlaggebend?

Edouard Molinaro: Ich hatte schon ein Projekt mit Sandrine Kiberlain (Marie-Thérèse). Sie ist eine Schauspielerin, deren Weg ich mit Aufmerksamkeit verfolge und die ohne Schwierigkeiten ins Team gekommen ist. Für die Rolle von Gudin, gespielt von Manuel Blanc, haben wir lange gesucht. Es war schwierig, einen Gegenspieler für Luchini zu finden: Er sollte jünger sein, eine sanfte Ausstrahlung haben und etwas eigensinnig sein, ohne dem Helden ins Gehege zu kommen. Gudins Bewunderung für Beaumarchais wird von diesem mit der etwas mürrischen Zuneigung eines großen Mannes für seinen Biographen erwidert ...

Frage: Wie haben Sie es geschafft die "crème de la crème" der französischen Schauspieler als "Gäste" zu versammeln? Gab es da keine Schwierigkeiten?

Edouard Molinaro: Die meisten dieser Schauspieler sind meine Freunde, mit denen ich schon gearbeitet habe. Nachdem Michel Serrault das Drehbuch gelesen und zugesagt hatte, folgten die anderen problemlos - Michel Piccoli, Jean Yanne, Jacques Weber, Jean-Claude Brialy etc. Das Schwierigste während der Dreharbeiten waren nicht die Massenszenen, die Ausstattungsszenen, sondern die Führung dieses "Schauspielerparks" von starken Persönlichkeiten. Sie mussten in das Team integriert werden. Wenn Michel Serrault die Rolle des Louis XV spielt, muss er sich wohlfühlen. Auch für einen großen Schauspieler ist es nicht einfach, abrupt in einen Film einzusteigen.

Frage: Der Film beeindruckt durch Rhythmus und Ausstattung ...

Edouard Molinaro: Es durfte kein statischer Film über Beaumarchais werden, einem Mann voller Tatendrang und Entschlußfreudigkeit. Wenn die Hauptfigur umherwirbelt, muss die Kamera ihr folgen. Man muss den richtigen Rhythmus finden, der schnell sein soll, ohne das Verständnis zu beeinträchtigen. Es war wichtig in Cinemascope zu drehen, ein Format, das allerdings Probleme aufwirft und keine so flexible Technik erlaubt. Aber dafür entschädigt der große Bildausschnitt. Glanzstücke sind das Duell mit dem Herzog von Chaulnes im Herzen des Louvre, im Sitzungssaal, wo Beaumarchais sein Amt als sogenannter "Hasenrichter" ausübt, als Verwalter der königlichen Ländereien. Und dann der Prozeß, der ihn zum Gegner des Parlaments machte, den er als Tribüne benutzte, um die Korruption der Richter anzuprangern. Aber auch die Begegnung mit Louis XV, das Verführungsspiel mit dem Chevalier d'Eon und natürlich die Premiere von "Figaros Hochzeit", die als nationales Ereignis galt. Diese Szene haben wir in Bordeaux gedreht, mit unzähligen Statisten. Alle diese Episoden sind authentisch, dennoch ist "Beaumarchais" kein historischer Film. Die Kostüme sind so entworfen, dass die Schauspieler nicht verkleidet wirken. Wir haben oft die Perücken abgelegt, die Gewänder beschmutzt, das war mir sehr wichtig.

Frage: Was faszinierte Sie an der Figur des Beaumarchais?

Edouard Molinaro: Die treibende Kraft im Wesen von Beaumarchais ist seine Modernität. Er ist wie ein Kaleidoskop, seine Vielschichtigkeit ist unglaublich modern. Ich lasse den Prinzen von Conti den Satz sagen, der mir sehr bezeichnend erscheint: "Beaumarchais wird nie ganz wie Molière sein, weil er das Leben seinem Werk vorzieht." Der Film zeigt viele unbekannte Facetten der Figur. Zum Beispiel die Rolle der grauen Eminenz, die er bei Louis XV und dann bei Louis XVI einnahm: Er war so etwas wie ein geheimer Außenminister. Er veranlaßte Frankreich dazu, sich für die Vereinigten Staaten von Amerika einzusetzen ... Die Art wie er seinen Lebensunterhalt verdiente, war übrigens nicht immer ganz orthodox. Beaumarchais war kein Idealist: Er war gleichzeitig Kapitalist und Revolutionär. Er stand mit beiden Beinen im Leben und predigte Verhaltensweisen, die er selbst nicht immer befolgte. Aber ihm lag viel an den subversiven Ideen Figaros, die die Revolution vorbereiteten. Ich glaube, wir könnten uns auch in der heutigen Gesellschaft den Weg eines brillanten Mannes vorstellen, der gleichzeitig Schriftsteller und Geschäftsmann ist, in der Gunst der Großen dieser Welt steht und manchmal im Gefängnis landet, um unter großem Aufsehen wieder herauszukommen.

Frage: Die Grenze zwischen Ehrgeiz und Opportunismus ist fließend.

Edouard Molinaro: In gewisser Weise ist Beaumarchais ein Gauner. Aber wir lieben Gauner, wenn sie von Zeit zu Zeit für eine gerechte Sache kämpfen, wie Beaumarchais für die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten. Diese Doppeldeutigkeiten sind übrigens sehr typisch für unsere Kultur. In den Überschneidungen dieser vier Charaktere - Figaro, Beaumarchais, Guitry und schließlich Luchini - liegt etwas sehr Französisches. Wenn man die französische Kultur nicht mag, sollte man sich den Film nicht ansehen ...

Herzlichen Dank für das ausführliche Gespräch!

Dirk Jasper FilmLexikon
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