Interview mit Emir Kusturica

"Die Menschen entdecken immer einen Instinkt zum Überleben in ihrem Inneren."

Emir Kusturica führt die Regie in dem Film Underground, der am 13. November 1995 in Deutschland startet.

Frage: Angesichts des Themas von Underground und der Ereignisse, die dem Film als Ausgangspunkt dienten, erwartet man auf keinen Fall eine Komödie. Man ist überrascht von den vielen komischen Sequenzen.

Emir Kusturica: Ich wollte schon lange eine Komödie machen, hatte aber nie Gelegenheit dazu, denn bestimmte Aspekte meiner Person ziehen mich eher zur Tragödie hin. Doch dieses Mal hatte ich mir vorgenommen, eine Mischung aus Drama und Komödie zu schreiben. Dieser Film unterscheidet sich ziemlich von meinen anderen, er fasst meiner Ansicht nach drei oder vier meiner Film zusammen, in denen es unterschiedliche Stimmungen und kontrastierende Emotionen gibt.

Frage: Mit Ausnahme der Episoden, die in der Gegenwart spielen, ist die generelle Atmosphäre des Films feierlich, warm, überschwenglich. Im Keller amüsieren sich die "Sklaven" von Marko, sie lachen, sind albern ...

Emir Kusturica: Die Menschen entdecken immer einen Instinkt zum Überleben in ihrem Inneren, selbst in den allerschlimmsten Zeiten. Es ist nicht sonderlich hilfreich, auf den tragischen Aspekten einer Situation herumzureiten. Im Gegenteil, es ist besser zu zeigen, wie die Leute ihre Schwierigkeiten überwinden. Ich habe im Verlauf dieser Geschichte versucht zu erklären, wie es die Männer und Frauen meines Landes während der Tito-Jahre geschafft haben zu überleben, indem sie sich vorgemacht haben, sie würden wirklich ein "gutes Leben" führen.

Frage: Wenn der Affe nicht wäre, würden diese Menschen dann immer noch im Keller leben?

Emir Kusturica: Die Wahrscheinlichkeit ist groß.

Frage: "Underground" basiert auf einem Theaterstück, das Ihr Drehbuchautor Dusan Kovacevic vor 20 Jahren geschrieben hat. Wieviel von seinem Material ist noch im Film erhalten.

Emir Kusturica: Nur noch wenig. Lediglich die Idee, wie ein verliebter Mann seinen Rivalen durch einen Trick 20 Jahre in einem Keller gefangenhielt, indem er ihm vormacht, der Krieg ginge weiter.

Frage: Während des Filmens hat sich das Drehbuch erheblich verändert. Waren diese Änderungen das Ergebnis der dramatischen Ereignisse, die Ihr Land auseinandergerissen haben?

Emir Kusturica: Ja. Ich war mit dem Schluß des Drehbuchs nicht zufrieden. Ich habe nach einem passenderen Ende gesucht. Was wir dann schließlich gedreht haben, korrespondiert mit der Situation in Jugoslawien und mit Geschehnissen, die ich selbst mitangesehen habe.

Frage: Sie haben mehr als ein Jahr damit verbracht, Underground zu drehen. Hatten Sie während dieser Zeit Angst, der Film könnte unvollendet bleiben?

Emir Kusturica: Jedesmal, wenn ich auf dem Set ankam, hatte ich die schreckliche Empfindung, dass ich diese Arbeit irgendwie zu Ende bringen muss, und dass ich es niemals schaffen würde. Das Gefühl habe ich bei "Underground" mehr als einmal gehabt. Ein Film verlangt beträchtliche persönliche Opfer und völlige Hingabe. Ich wußte, es war notwendig, all meine Kräfte und Hilfsmittel zu mobilisieren, um dieser Produktion Leben einzuflößen, so dass sie über die erforderliche Energie und Vitalität verfügt.

Frage: Warum haben Sie diese lange Sequenz eingefügt, in der ein Film gedreht wird, ein "Film im Film", der Blackys fiktive Heldentaten schildert?

Emir Kusturica: Um das Gefühl für Realität zu verdoppeln. Während der Szenen, die in den 60er Jahren spielen, wird die Außenwelt nicht durch Bilder veranschaulicht, das "wirkliche" Leben konzentriert sich vollständig auf den Keller.

Frage: Vor dieser Sequenz haben Sie eine Reihe von Szenen mit Spiegeln gezeigt. Einige der Charaktere erscheinen eingerahmt, als wären sie Gefangene in einem Periskop. Wollten Sie damit das Publikum auf die burleske Unterbrechung des "Films im Film" vorbereiten?

Emir Kusturica: Genau. Marko hat diese Instrumente benutzt und die Wirklichkeit manipuliert, um seine sexuellen Obsessionen auf Distanz zu halten und sie gleichzeitig zu befriedigen. Marko läßt sich am besten mit Hilfe der Theorien Freuds verstehen, während Blacky dem Jungschen Prinzip gehorcht. Sein Überlebensinstinkt spiegelt sich in seinem gewaltigen Appetit wieder. Er hört mit dem Essen nicht einmal auf, als um ihn herum die Bomben einschlagen.

Frage: Im Verlauf von 15 Jahren gelingt es Marko, einen Traum-Filmset zu schaffen, der völlig von der Welt abgeschnitten ist, bevölkert von Schauspielern und hingebungsvollen Statisten, deren Schicksal er kontrolliert. Er ist wahrhaftig ein Exemplar des höchsten Filmregisseurs, den man sich vorstellen kann.

Emir Kusturica: Er ist ein genialer Manipulator, ein großer Orchesterdirigent, und gleichzeitig ist er selbst ein ausgezeichneter Schauspieler, der eine brillante Karriere als Verbrecher zustande gebracht hat, eines Monsieur Verdoux würdig.

Frage: Wie sehen Sie die Entwicklung Natalijas?

Emir Kusturica: Sie läßt sich mit ihrem Charakter erklären. Dieses oberflächliche Mädchen hat von Anfang an die Wahl zwischen drei Männern. Sie wählt, sehr vernünftig, den Nazi, der ihr die Sicherheit gibt, die sie braucht. Als Blacky sie entführt, erklärt sie sich einverstanden, ihn zu heiraten, und sie hat nicht den leisesten Zweifel, dass sie mit ihm glücklich sein wird, da er ihr völlig ergeben ist. Aber schließlich gibt sie dem Schurken Marko nach. Diese Wahl besiegelt ihr Schicksal.

Frage: Wie kann Blacky an Natalijas Treue und Markos Aufrichtigkeit glauben?

Emir Kusturica: Man könnte meinen, es läge daran, dass er mit Strom gefoltert wurde, aber nein. Sein Schwachpunkt ist die Ideologie, wie bei allen Menschen in den Balkanländern. Man muss nur "Tito" zu ihnen sagen, und sie fangen zu marschieren an. Blacky befolgt bereitwillig alle Befehle Markos, weil er akzeptiert, dass Marko in der Rangordnung der Dinge über ihm steht. Nicht Elektrizität hat aus Blacky einen Zombie gemacht, sondern Ideologie.

Frage: Warum schießt sich Marko dreimal ins Bein?

Emir Kusturica: Marko ist kein völliger Lump. Er leidet wirklich unter der Situation in seinem Land, und es tut ihm leid, von Lügnern und Kriminellen umgeben zu sein. Er hält sich selbst für einen moralischen Menschen. Er tut sein Bestes, seine "Schutzbefohlenen" zu ernähren und sie mit allem zu versorgen, was sie brauchen. Als Blacky ihn drängt, sich umzubringen, sieht er seinen Ausweg in einer Art falschem Selbstmord, wie er perfekt zu seinem Charakter paßt. Er tut nie, was man von ihm erwartet. Sein Leben ist eine Kette von nutzbringenden Kompromissen.

Frage: Der Tod von Marko und Natalija erinnert stark an das Ableben des Ehepaares Ceaucescu.

Emir Kusturica: Es gibt Ähnlichkeiten. Als ich verfolgte, was in Rumänien passierte, sah ich wie jeder andere die vielen Leichen, aber erst als ich diese beiden Toten sah, begriff ich das volle Ausmaß dieses Dramas.

Frage: Die Musik spielt eine wichtige Rolle in diesem Film, von der Anfangssequenz bis zur letzten Szene. Wie haben Sie mir Ihrem Komponisten Goran Bregovic zusammengearbeitet?

Emir Kusturica: Wir kommen von denselben wurzeln und haben eine sehr harmonische Beziehung zueinander. Das Hauptproblem bestand darin, die Melodien einzusetzen und sie gleichzeitig mit der zumeist improvisierten "ursprünglichen" Musik des Zigeunerorchesters zu kombinieren.

Frage: Sie haben das Drehen dieses Spielfilms mit dem Leiten eines großen Zirkus' verglichen.

Emir Kusturica: Ein Film hat in der Regel mehr Ähnlichkeit mit einem Musikstück oder einem Zirkus als, sagen wir, mit einem literarischen Werk. Um das zu begreifen, muss man sich nur die Filme von Tati und Vigo ansehen.

Frage: Was für eine Stimmung versuchen Sie am Set herzustellen?

Emir Kusturica: Es ist sehr wichtig, in einer Atmosphäre gegenseitiger Ergänzung zu arbeiten. Um das zu erreichen, muss man den Schauspielern jede Menge Freiheit lassen, man darf sie nicht einschränken, muss ihnen genügend Spielraum geben, sich auszudrücken. Und ich sorge dafür, dass sich die Kamera ebenso frei und fließend durch den Set bewegt. Ich würde gerne die Vorzüge des Neo-Realismus und der Renoir-Filme miteinander kombinieren. Das war eines meiner Hauptziele bei diesem Film.

Frage: Was erhoffen sie sich für die Zukunft Ihres Landes?

Emir Kusturica: Ich hoffe, die Menschen finden eine bessere Verwendung für die Leidenschaft, die sie bisher dazu benutzt haben, einander zu töten, und dass sie es schaffen, Lösungen für ihre Situation zu finden. Ich bin kein Jugoslawien-Experte. Von solchen Leuten haben wir zu Hause genug. Ich möchte in diesen Konflikt nicht politisch verwickelt werden. Ich möchte meine Distanz und meine Objektivität behalten.

Emir Kusturica
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