Interview mit Emir Kusturica

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Emir Kusturica führt die Regie in dem Film Schwarze Katze, weißer Kater, der am 28. Januar 1999 in den deutschen Kinos startet.

Frage: Warum sind Sie nach Underground wieder zurückgekehrt zu den Zigeunern und zur Komödie? Man fühlt sich sehr an "Time Of The Gypsies" erinnert.

Emir Kusturica: Ich sage lieber, es ist der Film eines Anfängers. Ich bin glücklich, zurückgekehrt zu sein, und ich habe Lust, mein Enthusiasmus und meine Liebe zu allen natürlichen Dingen des Lebens zu zeigen. Ich habe zum Leben zurück gefunden, zu den Farben und zum Licht. Ich habe mich von der Tragödie befreit. In meinem Film erstehen die Toten wieder auf. Die Zigeuner lieben die Liebe, sie kosten jeden Moment ihres Lebens aus. Sie besitzen eine außergewöhnliche Vitalität, die dem dient, was ich sagen möchte.

Frage: Diese Lebensfreude drückt sich im Film mannigfaltig aus: in der Musik, der Komik, aber auch im Licht.

Emir Kusturica: Thierry Arbogast hat das Licht gemacht. Wir arbeiteten zum erstenmal zusammen, und darüber bin ich sehr glücklich. Er hat aus "Schwarze Katze, weißer Kater" einen mediterranen Film gemacht - obgleich er an den Ufern der Donau spielt. Aber dieses Licht ergießt sich auch über die Objekte, deren Spiegel es ist. Diesen Geschmack der Zigeuner am Kitsch teile ich, und gleichzeitig fasziniert er mich.

Der Kitsch spricht für sich und er ist ohne Zweifel eine starke emotionale Kraft. Und diese Leute haben keine Angst vor diesem Gefühl. Ganz im Gegenteil. Sie suchen den Kitsch und bedienen sich seiner in aller Freiheit. Das sieht man daran, wie sie sich kleiden. Sie hängen Schmuck und Medaillen, Gold und Silber übereinander, sie bezwingen die Farben und Stile nur, um sie besser sprengen zu können. Der so entstandene Kitsch zerstört jeden Stil.

Es ist ein Weg, sich lustig zu machen, nichts ernstzunehmen, eine Leichtigkeit, die ganz besonders typisch ist für die Leute, in denen ich mich wiederfinde. Es ist ein bißchen wie heinzukommen. Man sagt von den Zigeunern, sie seien Nomaden, irgendwo zwischen Himmel und Erde in der Mitte von Nichts. Ich habe den Eindruck, das ist auch ein wenig die Geschichte meines Lebens.

Frage: Wie haben Sie die Schauspielerei gefunden?

Emir Kusturica: In der Nähe von Skopje gibt es einen Ort, der Sutka heißt. Dort ist die größte Zigeuner-Siedlung des Landes. Es sind etwa 50 000. Und dank dieser hohen Zahl ist es ihnen gelungen, die Tradition sehr lebendig zu halten.

Diese Zigeuner gehen durch eine Schule, es sind Leute, die besser zu singen wissen als anderswo. Sie besitzen weder eine kollektive Struktur noch Altersheime. Das ist überflüssig, weil jeder über seine Nachbarn wacht.

Frage: Wie haben Sie konkret ihre Darsteller gefunden? Sie sprechen doch ihre Sprache, nicht?

Emir Kusturica: Ja, mehr oder weniger, weil ihr Dialekt vom Serbokroatischen nicht so weit entfernt ist. Ich habe bei Ihnen gewohnt und herumgelungert, ich habe an gemeinschaftlichen Aktivitäten teilgenommen, ich habe mit ihnen Fußball gespielt. Ich wußte, das ist der einzige Ort, wo ich die Gesichter und Charaktere finden kann, die schön und fremd zugleich sind.

Frage: Wie haben Sie während der Dreharbeiten ihre Texte gelernt?

Emir Kusturica: Zum größten Teil sind sie Analphabeten. Sie hatten einen Coach, der ihnen die Szenen phonetisch beibrachte. Eien zusätzliche Schwierigkeit war, dass die Dialoge im Film auf zwei verschiedenen Dialekten basieren. Es wurde auch viel improvisiert. Für mich ist der Dialog nur ein Mittel, um die Kamera in Bewegung zu setzen. Und so sind die Dialekte für mich wie Musik.

Frage: Was bedeutet der Titel?

Emir Kusturica: Zunächst einmal soll er die Idee eins Kontrasts geben, aber er soll auch die Lebenssicht der Zigeuner ausdrücken. Was z. B. der Erklärung rationaler Dinge angeht, so ziehen sie eine Erklärung vor, die von Aberglauben kommt. Wenn z. B. die beiden Großväter überschwemmt vom Wasser des geschmolzenen Eises erwachen, sagen sie lieber "Die Katze hat auf uns gepißt" als sich Fragen zu stellen.

Frage: Wer hat die Musik komponiert, die so aus verschiedenen Elementen wie Techno, Rock und traditioneller Zigeunermusik besteht?

Emir Kusturica: Die Rockgruppe, in der ich gespielt habe, heißt "No Smoking". Heute spielt mein Sohn dort Schlagzeug. Als ich anfing "Time Of The Gypsies" zu drehen, ging ich davon aus, einen Dokumentarfilm über Zigeuner zu drehen, aber der Film hat sich anders entwickelt und die Musik ist mir entglitten. Hier eignet sie sich alle Genres an, selbst die uninteressantesten wie Techno, und sogar daraus macht sie etwas Gutes.

Was man am Ende erhält ist eine Mischung von traditioneller Musik und dem kubanischen "Klang", eine Weltmusik, die man unmöglich genau definieren kann. Am Ende ist die Musik der Zigeuner die Synthese von allem anderen.

Frage: In Schwarze Katze, weißer Kater spielen Sie mit verschiedenen Inspirationen: Es gibt etwas russische Atmosphäre in dem Film, Zitate aus "Casablanca", aber auch Fragmente, die einen an die Stummfilmkomödien Mack Sennetts erinnern.

Emir Kusturica: Wenn ich was liebe, dann muss ich in meinen Filmen davon sprechen. Die russische Seite stammt von meiner Liebe zu der Art, wie die Natur in russischen Filmen gezeigt wird. Was Meck Sennett angeht, so ist das eine andere Geschichte.

Kurz bevor ich mit den Dreharbeiten zu Schwarze Katze, weißer Kater begann, habe ich die Erinnerungen von Jean Renoir gelesen, und mir wurde klar, wie sehr Renoir Mack Sennett liebte. Für mich ist Renoir die Eleganz selbst. Die Komik im Kino ist ein heikler Punkt: Man kann witzig und charmant sein oder dem Weg des Slapsticks etwas schwerfälliger folgen.

Aber es gibt auch einen dritten Weg, den Mack Sennett einschlug, und der daraus besteht, den Moment der Action einzufangen, in dem etwas passieren wird, das aber noch nicht so durchschlagend ist. Meiner Ansicht nach ist es aber gerade die Sorge und die Durchschlagskraft, die heute 90% aller Kinoproduktionen tötet.

Frage: Und "Casablanca"? Woher stammt die ziemlich unwahrscheinliche Idee, einen einflußreichen Zigeuner sich unentwegt Bilder von Bogart anschauen zu lassen?

Emir Kusturica: Zunächst daher, weil ich den Film liebe und weil der Satz am Ende: "Ich glaube, dies ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft" mir wirklich sehr gefällt. Ich haben große Lust gehabt, ihn an das Ende meines Films zu stellen, weil der Darsteller des Großvaters eine wunderbare Stimme hat, eine der schönsten Stimmen, die ich jemals gehört habe, und ich habe mir vorgestellt, dass es wunderbar sei müßte, ihn diesen Satz sprechen zu lassen.

Frage: Wie definieren Sie Ihren Film?

Emir Kusturica: Es ist eine komische Erzählung, inspiriert durch die Lektüre Isaak Babels, eines russischen Autors der 30er Jahre, dessen Romane ich als Kind gelesen habe. Er hat viel über Kriminelle geschrieben, aber er hat immer das menschliche Element, die menschlichen Schwächen miteinbezogen. Es ist eine Literatur, die sich für die reichen Kriminellen interessiert, die es sich normalerweise gutgehen lassen, aber von dem Sternchen in ihrem Schuh dabei gestört werden.

Genau das ist der Fall bei Dadan, dem jungen Gangster, der alles hat, was er vom Leben will: Frauen, Waffen, Drogen, Geld, viel Geld, aber er ist verärgert, weil seine Schwester sich weigert, den Typ zu heiraten, den er ausgewählt hat. Dieser Arger ist Ursache seine Untergangs.

Frage: Sie sagen, Schwarze Katze, weißer Kater sei ein Film eines Anfängers, aber dennoch findet man darin viele Ingredienzen aus ihren früheren Filmen: Gehenkte, Brautpaare, Kartons, die von selbst laufen, Zigeuner ...

Emir Kusturica: Am Anfang stand die Idee, mich von allen zu befreien, aber das ist nicht so einfach. Und außerdem reicht es mir, ich selbst zu sein. Ich bin wie ein Maler. Aber wenn ich meine neue Leinwand angehe, benutze ich immer dieselben Elemente, und mein ganzes Leben lang werde ich sie benutzen.

Ich fühle mich wie ein Zauberer im Zirkus: Ich stelle die Elemente auf ihren Platz und hopp, animieren sie sich magisch wie von selbst. Aber dennoch ist der Film radikal anders als "Time Of The Gypsies", selbst wenn man die berühmte Großmutter und andere Personen darin wiederfindet.

Frage: Und das Schwein, das das Auto frißt?

Emir Kusturica: Das ist ein Stück jugoslawischer Landschaft. Eines Tages habe ich mich darüber gewundert, so oft umherirrende Schweine zu sehen, die einfach alles fraßen. Mir wurde erklärt, wenn man sie das tun ließe, erhielte man das beste Fleisch. Und für mich war dieses Bild des einsamen Schweins an der Biegung einer Straße, das dabei ist, einen Trabant zu fressen, fast wie ein Bild meines Landes.

Darüber hinaus verleiht es meinen Landschaften eine Dynamik, und zudem gibt es in dem Maße, wie es den Trabant versclingt, ein Maß für die Zeit, die vergeht.

Emir Kusturica
Filmplakat

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