Interview mit Eric Rohmer
Eric Rohmer Eric Rohmer ist der Regisseur des Films Die Lady und der Herzog

Frage: Wie ist das Projekt Die Lady und der Herzog entstanden?

Eric Rohmer: Während eines Urlaubs vor ungefähr zehn Jahren stieß ich in einem historischen Magazin auf einen Bericht über die Memoiren der Grace Elliott, einer Engländerin, die die Mätresse des Herzogs von Orléans, Cousins König Ludwigs XVI., war und ihr Leben in der Zeit der Revolution aufgeschrieben hatte.

In dem Artikel war zu lesen, dass man das Haus dieser Frau noch heute in der Rue Miromesnil in Paris besichtigen könne. Dass das Gebäude noch existiert, dass man es lokalisieren kann, hat mich dabei besonders gereizt. Und so kam ich auf die Idee zu diesem Film, der sich genau dort abspielt und der seine Story bezieht aus der Polarisierung zwischen der friedlichen Wohnung, die Grace als Versteck dient und dem Rest der Stadt voller revolutionärer Turbulenzen. Das Seltsamste war, dass ich später herausfand, dass der Artikel in dem historischen Magazin nicht stimmte: das Haus in der Rue Mirmesnil war erst nach der Revolution erbaut worden. Also konnte Grace Elliott dort nicht gewohnt haben. Trotzdem, ohne diesen Fehler hätte der Artikel sicher nicht diese Filmidee in mir provoziert.

Frage: Ein Bild von der Stadt Paris zur Zeit der Französischen Revolution zu zeichnen war eine große Motivation für Ihren Film ...

Eric Rohmer: Ja, ich wollte unbedingt einen Weg finden, das Paris zu Zeiten der Französischen Revolution so zu zeigen, wie es tatsächlich war. Um das historische Paris nachzustellen, wird oft in Städten mit gut erhaltenen alten Stadtkernen wie Le Mans oder Uzès gedreht. Ich sehe sofort, wenn Aufnahmen nicht in Paris gemacht wurden. Jener Stadt, die ihre ganz eigene Architektur besitzt.

Ich wollte mich nicht mit zwei oder drei alten Pariser Toreinfahrten zufrieden geben, die man immer wieder in Historienfilmen sieht. Ich wollte eine große Stadt zeigen, weiträumige Plätze wie zum Beispiel den Place Louis XV., den heutigen Place de la Concorde, der ein wichtigen Ort der Revolution war - oder auch die Stadtteile, die Grace Elliott in ihren Memoiren zitiert: beispielsweise den Boulevard Saint-Martin oder die Rue Saint-Honoré, durch die sie fährt, als man sie unter Aufsicht stellt. Wenn sie beschreibt, wie sie zu Fuß vom Dômes des Invalides bis nach Meudon gegangen ist, muss sie auch irgendwo die Seine überquert haben!

Frage: Welche Lösung haben Sie sich vorgestellt?

Eric Rohmer: Ich habe bislang zwei historische Filme gedreht: "Die Marquise von O" (1975) entstand an Originalschauplätzen und "Perceval Le Gallois" (1978) wurde ausschließlich im Studio gedreht. Keine der beiden Varianten war geeignet, ein authentisches Paris darzustellen. So kam ich auf die Idee, Bühnenbilder werkgetreu nach der damaligen Topografie Paris anfertigen zu lassen und die Darsteller in diese gemalte Kulisse zu integrieren. Diese "Einlegearbeit" ist so alt wie der Film: Méliès war wahrscheinlich der erste, der diese Methode praktiziert hat. Aber vor zehn Jahren, als ich die Idee zu diesem Projekt hatte, war die Videotechnik noch nicht so weit entwickelt: hätte man diese "Einlegemethoden" auf Zelluloid gefilmt, hätte darunter die Bildqualität gelitten. Die Kineskopie, das heißt der Transfer von Video auf 35mm war zu dieser Zeit auch noch nicht ausgereift. Heute sind diese Techniken nahezu perfekt.

Frage: Wie haben Sie diese szenischen Hintergründe herstellen lassen?

Eric Rohmer: Gemalt hat sie Jean-Baptist Marot. Er hat die Bühnenbilder mit mir zusammen in Anlehnung an die damalige Ästhetik konzipiert. Hervé Grandsart oblagen die historischen Recherchen. Als Vorlage dienten uns nicht nur Malereien und Gravierungen, sondern auch Stadtpläne und Kartografien jener Zeit. Für die Innenaufnahmen hingegen gab es keine historischen Vorlagen. Die Kulissen dazu entwarf der Ausstatter Antoine Fontaine zusammen mit Jérôme Pouvaret.

Bei diesem Film ging es mir vor allem um Authentizität. Ich hatte gar keine Lust einen Film über die Revolution zu machen. Außerdem möchte ich mich als Regisseur nicht auf das 18. Jahrhundert festlegen lassen. Auch wenn man mich manchmal mit Marivaux vergleicht, das 18. Jahrhundert ist nicht gerade meine Lieblingsepoche.

Frage: Kann man Ihre Arbeitsmethode mit der vergleichen, die Sie bei "Perceval Le Gallois" angewendet haben: auf Bilder damaliger Zeitgenossen zurückzugreifen, um die Epoche selbst zu zeigen?

Eric Rohmer: Ja, die fotografische Wirklichkeit bedeutet mir wenig. In Die Lady und der Herzog zeige ich die Revolution wie sie jene gesehen haben müssen, die sie miterlebt haben. Und ich versuche, die Rezipienten so nah wie möglich an die visuelle Wirklichkeit heranzuführen. Der Film beginnt mit Gemälden, und ich fände es wunderbar, wenn ein Zuschauer sich vorstellt, dass es sich hierbei Dokumente jener Zeit handelt und dann überrascht ist, wenn diese Gemälde anfangen sich zu bewegen.

Frage: Die Lady und der Herzog erinnert an Ihre Arbeit für das Schulfernsehen ...

Eric Rohmer: Ich habe diesen Film nicht aus politischen Gründen gemacht. Ich vertrete keine Partei, weder royalistisch noch antiroyalistisch. Stattdessen würde ich gerne dazu beitragen, dem Publikum, ob alt oder jung, auf unterhaltsame, spielerische Weise Geschichtsbewusstsein zu vermitteln. Ich habe gehört, dass die meisten historischer Zeitschriften in Frankreich herausgegeben werden. In den angelsächsischen Ländern dagegen liegt der historischen Romanen vorn. Bei uns herrscht großes Geschichtsinteresse, aber in den historischen Filmen wird meist etwas nachlässig mit der historischen Wahrheit umgegangen. Aus Skrupel davor, habe ich nur drei solcher Filme realisiert. Ich bin sehr sensibel in Bezug auf die Sprache einer Zeit, und es ist sehr schwer, Dialoge einer vergangenen Epoche zu schreiben. Wenn ich in meinem eigenen Stil eine Geschichte aus der Vergangenheit schreiben würde, wäre das bloß nachempfunden, und das wäre nicht gut. Grace Elliotts Vorlage lieferte uns für den Film eine gute Basis, bis hin zu den Dialogen.

Frage: Haben Sie sich, bevor sie Die Lady und der Herzog gedreht haben, einige Historienfilme angesehen?

Eric Rohmer: Ich habe mir 3 angesehen: "Orphans Of The Storm" von D.W. Griffith, der zur Zeit der Revolution spielt; "Napoléon" von Abel Gance und Jean Renoirs "La Marseillaise". Alle drei Filme sind großartig und das aus verschiedenen Gründen. Zum Beispiel hat man Renoir lange Zeit dafür gelobt, dass er sich nicht um die Sprache des 18. Jahrhunderts gekümmert hat und die Darsteller so sprechen hat lassen, wie sie es in den 30er Jahren des 20. Jahhunderts eben taten. Ich halte das für bedenklich, es sei denn wir glauben, dass die Sprache von 1930 dem 18. Jahrhundert näher ist als unsere heute.

Griffiths Film hat mich inspiriert. Ich habe mich gefragt, wie ich die Aussenaufnahmen filmen sollte; wie ich die Charaktere in die gemalte Szenerie einfügen sollte: Sollte ich lange Sequenzen wählen oder mit Schuss-Gegenschuss-Einstellungen arbeiten, was den Prozess des Schichtens nur erschweren würde? Als ich mir "Orphans Of The Storm" ansah, stellte ich fest, dass die Stärke des Films auf den statischen Einstellungen beruht. Also drehte ich solche statischen Aufnahmen und die Nahaufnahmen mit einer zweiten Kamera.

Frage: Waren Sie immer sicher, dass der Prozess des Schichtens, des Einfügens so funktionierte, wie Sie es wollten?

Eric Rohmer: Wir haben Proben gemacht. Man musste vorher wissen, wie die Schauspieler in die Szenerie "eintreten". Wir probierten mit Komparsen, die durch eine Toreinfahrt gingen, und es funktionierte.

Manchmal erforderte es ein bisschen Bearbeitung, vor allem wenn die Tiefe der Szenerie über die Länge des Studios hinaus reichte. Zum Beispiel musste der Blick auf die Rue Saint-Honoré 200 m lang sein, während das Tonstudio nur 40 m maß. Diese Sequenz mussten wir in mehreren Teilen drehen, mit Schnittmaterial dazwischen. Normalerweise mache ich meine Einstellungen von der Ausstattung abhängig. Hier musste ich sehr präzise vorab planen. Der Vorteil ist, dass das Resultat der Wahrheit näher ist, als wenn ich lauter kleinen Einstellungen aneinander gereiht hätte, um beispielsweise zu verhindern, dass man auf den Dächern die Fernsehantennen sieht.

Ich will die Szene so zeigen, wie sie aussieht. Oft höre ich am Set Sätze wie "...da tricksen wir ...". Also, ich trickse nicht gern. Ich nehme lieber die Wirklichkeit, wie sie ist, selbst wenn, wie hier, ich es bin, der sie auf dem gemalten Bild produziert hat. Die Wahrhaftigkeit kommt aus den Bildern und nicht aus der Montage. Ich halte mich treu an Bazins These, auch wenn er bei der Tiefenschärfe und den langen Einstellungen zu systematisch gewesen ist. Ich bin der Überzeugung, dass der Einsatz eines extrem sichtbaren Kunstgriffs Wahrhaftigkeit verleiht.

Frage: Zurück zu der Geschichte selbst - was hat Sie an Grace Elliotts Memoiren gereizt?

Eric Rohmer: Mein Dokumentarist stieß auf eine komplette Ausgabe des Textes, der mehrfach in Frankreich erschienen ist. Grace Elliott ist 1760 geboren und starb 1823. Ihr Tagebuch beginnt am 14. Juli 1789 und endet kurz vor ihrer Befreiung, nach dem Fall von Robespierre.

Mal abgesehen vom Inhalt, der zweifelsohne von historischer Bedeutung ist, erstaunte mich der Aufbau des Buches. Es ist wie ein Skript verfasst, mit Szenen, Sequenzen und sogar Dialogen. Es hat einen ganz anderen Ton als die Tagebücher die ich bisher gelesen habe. Normalerweise erzählen die Memoiren-Autoren von sich selbst, vor allem von ihren Ängsten und Hoffnungen. Grace Elliott dagegen dokumentiert ihr Leben eher aus der Perspektive eines Zeitzeugen - mit Diskretion und aus einer gewissen Distanz heraus. Trotzdem zeichnet sie ein lebendiges Bild von ihrem persönlichen Umfeld, besonders vom Herzog von Orléans, über den es kaum Berichte aus erster Hand gibt.

Frage: Hat Sie die Loyalität und das Engagement dieser Frau eingenommen?

Eric Rohmer: Nein. Es war vielmehr ihr britisches Phlegma, was mich fasziniert hat: eine gewisse Bescheidenheit, eine Reserviertheit, die Art, wie sie von sich selbst spricht. Meist überrollt die Historie die individuellen Schicksale. Selten kommen uns historische Personen so nahe, selten können sie uns so berühren.

Wenn ich über meine Filme spreche, kann nur über meine Intentionen sprechen, nicht über das Resultat. Um einen realen Effekt zu erwirken, habe ich ein paar Details von Grace Elliotts Privatleben im Film verwand. Ich denke zum Beispiel an diesen Moment, wo Orléans auf seine Uhr schaut: man ist in der Gegenwart, auf den Punkt, und das ist filmisch. Die Vergangenheit ist die Zeit des Romans, die Gegenwart die des Films.

Frage: Sie waren auch interessiert an dem Licht, das die Personen auf die Ereignisse der Revolution werfen ...

Eric Rohmer: Was mich interessiert ist, dass sie nicht fanatisch sind. Grace verteidigt den König, aber sie ist keine Extremistin. Sie will Frankreich nicht verlassen. Sie hat republikanische Freunde, wie Orléans und Biron. Sie ist wahrscheinlich tatsächlich weniger Royalistin als sie behauptet zu sein: sie hat ihr Buch im anti-revolutionären England geschrieben. Was Orléans betrifft, ist er oft in einem total negativen Licht gezeigt worden, doch da ist ein Geheimnis, eine Ambiguität, eine Dualität in ihm, die mich interessiert. Er war nachtragend und mochte Ludwig XVI. nicht, aber er war auch aufrichtig interessiert an neuen Ideen. Ich habe einiges hinzugefügt aus seiner eigenen Korrespondenz und den Aussagen seines Sohnes Louis-Philippe.

Frage: Das Publikum könnte, wie auch Grace, dazu neigen, die Exekution des Königs zu missbilligen ...

Eric Rohmer: Ich glaube, damals war jeder für den Tod des Königs, aus Angst, sonst reaktionär zu erscheinen. Das war die Tendenz derzeit, ein bisschen so wie sich heute jeder gern als Ökologe bezeichnet. Der Film basiert auf Grace Elliotts Memoiren. Es ist ihre Sicht der Dinge, die ich verfilmen wollte. Wenn man ein historisches Urteil abgeben möchte, so muss man ihr Buch, nicht aber meinen Film kritisieren.

Frage: Wie haben Sie die Darsteller ausgewählt?

Eric Rohmer: Wie immer, ganz intuitiv! Ich lasse die Schauspieler vorsprechen, sie lesen den Text - das war's! Die richtige Besetzung für die Engländerin Grace Elliott zu finden, war nicht ganz so leicht. Ein Casting-Agent, der mit Margret Menegoz bekannt ist, hat mir Fotos und Tonbänder von Darstellerinnen geschickt. Die einzige Tonaufnahme, die mir gefiel, war die einer Schauspielerin, die sagte, sie würde den Text von Grace Elliott kennen und diese Rolle gerne spielen. Die Stimme hat besser gefallen als das Foto.

Als ich sie dann traf, fand ich sie viel attraktiver als auf dem Foto. An Jean-Claude Dreyfus habe ich nicht von Anfang an gedacht, aber ich suchte eine starke Persönlichkeit. Ich brauchte jemanden, der groß ist und kräftig, auch wenn er nicht unbedingt physisch genau dem Herzog von Orléans ähnelt. Ich bin mit der Besetzung sehr zufrieden. Meine Führung der Schauspieler hat sich, wie immer, auf technische Angaben beschränkt. Das Gefühl für die Rolle ist Sache der Darsteller. Ich gebe mich damit zufrieden, ihnen zu sagen, dass sie sich gut artikulieren, damit man sie versteht. Sie haben mich nicht enttäuscht.

Frage: Glauben Sie, dass dieser Film die Fans der Komödie und Sprichwörter oder der "Vier Jahreszeiten" überraschen wird?

Eric Rohmer: Nein. Auch wenn ich etwas andere Filme gemacht habe, historische oder politische, wie beispielsweise "Der Baum, der Bürgermeister und die Mediathek" (1992) ist das Publikum mir gefolgt. Ich möchte mich nicht nur auf psychologische Themen oder Liebeskomödien beschränken, auch wenn mir persönlich solche Filme sehr nahe gehen. Ich möchte da mal von Zeit zu Zeit raus.

(Interview: Aurélien Ferenczi)

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