Interview mit Fanny Ardant

"Kein Ehemann kann einer Fremden widerstehen, die eine Bar betritt."

Fanny Ardant ist eine der Hauptdarstellerinnen in dem französischen Beziehungsdrama Nathalie. Frage: Was war Ihr erster Eindruck, als Sie das Drehbuch gelesen haben?

Fanny Ardant: Das Drehbuch hat mich total verführt, aus mehreren Gründen. Es erzählt eine echte Geschichte. Sie packt uns, und wenn sie uns erst mal am Haken hat, müssen wir herausfinden, wie es weitergeht. Am Anfang steht die Untreue, eine Situation, die jeder von uns kennt, ich auch. Es handelt sich um eine normale französische Eskapade, eine Indiskretion, aber die Frau fühlt diesen Verrat, als hätte er ein Schwert durch ihr Herz gebohrt.

Mir gefiel auch, dass da immer noch so viel Anziehungskraft zwischen dem Paar ist. Catherines Kampfgeist mochte ich. Große Liebesgeschichten haben ihre harten Zeiten, ihre Krisen, und die normale Reaktion ist, solche Kränkungen schleifen zu lassen. Aber solche Kompromisse können die Liebe killen zwischen einem Paar. Wenn Catherine herausfindet, dass ihr Mann untreu ist, könnte sie rationalisieren und sich sagen: ?Ich bin nicht die erste und werde nicht die letzte sein. Ich arrangiere mich damit und mache einfach weiter.'

Aber Catherine weigert sich, sich in den Warteraum des Todes einsperren zu lassen. Niemals aufzugeben ist eine der grundlegenden Qualitäten der menschlichen Natur.

Frage: Sie verstehen diese Frau, haben Sympathien für sie ...

Fanny Ardant: Ja. Ich könnte mich nie mit jemandem in einer ähnlichen Situation identifizieren, der sich von Gier, Ehrgeiz oder sexueller Frustration leiten lässt. Diese Frau, die nur für die Liebe lebte, hat mich mit ihrer Großzügigkeit berührt. Viele glauben, Liebe sei nur etwas für junge Mädchen, aber Catherine ist eine reife, erfolgreiche Frau. Es ist wunderbar, wenn die Liebe die Intellektuellen und die Schickeria verzehrt.

Frage: Wir haben es mit einem sehr soliden Ehepaar zu tun.

Fanny Ardant: Sie haben dreißig Jahre lang zusammen gelebt. Sie haben alles geteilt, sie waren so verbunden wie Kastagnetten. Ich mochte besonders die Szene, als sie sich in einer Bar treffen. Später im Film lassen sie ihre Liebe wieder aufleben, indem sie Wein teilen. Ein sehr sinnlicher Akt.

Frage: Wie fühlt sie sich, als sie herausfindet, dass ihr Man sie betrogen hat?

Fanny Ardant: Sie ist wie vom Donner gerührt. Es ist schrecklich, herauszufinden, dass dein Partner dich betrügt, wenn du nichts ahnst. Das wird noch schlimmer dadurch, dass ihr Mann es abtut mit einem "Ist doch normal" - als sei das das Schicksal aller langfristigen Beziehungen. Vielleicht hat er ja gar nicht so unrecht. Paare können ihre Liebe abtöten, die Literatur ist voller Beispiele dafür. Madame Duras sagt: "Kein Ehemann kann einer Fremden widerstehen, die eine Bar betritt."

Frage: Für Männer zählt es nicht wirklich, eine kleine Affäre zu haben!

Fanny Ardant: In dieser Geschichte geht es nicht nur um den gelegentlichen Seitensprung eines Ehemanns, der sonst treu, nett und aufmerksam ist. Dieser Frau wird bitter klar, dass sie nach zwanzig Jahren des Zusammenlebens nie Zugang zur wirklichen Sexualität ihres Mannes hatte, und aus diesem Grund auch nicht zu ihrer eigenen.

Das ist ein Schock. Deshalb erlaubt sie sich, eine Beziehung mit Nathalie anzufangen. Sexualität entwickelt sich. Eigenartigerweise, auch wenn wir in einem Zeitalter der sexuellen Freizügigkeit leben, mit Porno-Shops an jeder Ecke, herrschen zwischen Paaren immer noch brüchige Beziehungen voller Heuchelei und Tabus.

Frage: Wie erklären Sie Catherines Reaktion, Nathalie ihrem Mann zu "schenken"?

Fanny Ardant: Es war nicht unbedingt eine vorsätzliche Aktion. Sie findet sich im Gespräch mit einem Mädchen in einer Bar, in die sie fast zufällig gerät. Sie sagt zu Nathalie: ?Ich glaube, Sie würden meinem Mann gefallen. Ich bezahle Sie, aber Sie müssen mir alles erzählen.' Diese Übereinkunft ist leicht pervers, sie ist sexuell und undurchsichtig. Aber sie besteht darauf, alles zu erfahren - andernfalls hätte sie auch schlichtweg um ein Wunder beten können.

Frage: Ihr Charakter ist sehr komplex. Das ist nicht die einfache Geschichte einer Frau, die auf Rache aus ist.

Fanny Ardant: Das stimmt. Ich habe oft über den Selbstzweifel nachgedacht, den man bekommt, wenn die Dinge aus den Fugen geraten. Wenn ein Mann betrügt, macht sich die Frau Vorwürfe wie ?Ich war nicht gut genug im Bett. Ich bin eine lausige Hausfrau, kein Wunder, dass er sich nach einer anderen umschaut.' Man hört selten: ?Habe ich ihn genug geliebt? Hab ich zu sehr an ihm herumgenörgelt?'

Als sie Marlene trifft, betritt Catherine eine völlig andere Welt, die sie nicht versteht. Es ist sehr schwer für sie, ihre sexuellen Gefühle auszudrücken. Zu hören, wie jemand anderes diese sexuellen Emotionen äußert, bringt sie ins Trudeln. Das ist das große Wunder von Filmen und Büchern - du bist tief bewegt von Madame Bovary, aber du könntest nie eine Geschichte wie Flaubert konstruieren.

Frage: Die Schilderungen der erotischen Beziehung zwischen Nathalie und ihrem Mann handeln ja auch von dem Mann, mit dem sie das Bett teilt!

Fanny Ardant: Die Tatsache, dass Nathalie so gut im Beschreiben dieser Zusammenkünfte ist, verleiht ihnen Zauber. Wenn du etwas in eine Form bringst, kannst du es entweder auf- oder abwerten. Die Konsequenz daraus, Sex zur Verfügung zu stellen - und das ist eine der Stärken des Films - wirkt wie ein unglaublicher Nachhall. Diese Frau ist ja keine Jungfrau, die vom Stuhl fällt, als sie von diesen erotischen Tollereien hört. Sie berühren sie zutiefst, verursachen Konfusion und Schmerz. Die Worte machen den Betrug ihres Mannes schwerwiegender und distanzieren sie mehr von ihm.

Frage: Ist das nicht ein Gefühl von Opfer, das Catherine bringt?

Fanny Ardant: Nein. Es ist nicht, als würde ein Freund ihr sagen: ?Du weißt schon, was dein Mann treibt.' Das bringt nur Leid und Demütigung. So lange sie die Situation kontrolliert und das Spiel in der Hand hat, leidet sie zwar auch, aber sie wird nicht gedemütigt. Mit unseren sozialen Tabus würden die meisten Frauen sagen: ?Mein Mann betrügt mich, aber ich will das gar nicht wissen.'

Sie will das exakte Gegenteil - alles darüber wissen. Und ich glaube, jeder, der schon mal eine ähnliche Erfahrung durchlitten hat, hat dafür Verständnis. Du kannst dich nur retten, wenn du dich zusammenreißt und einfallsreich wirst. Das ist ein Rat für alle betrogenen Frauen!

Frage: Am Ende verwandelt Catherine eine schmerzvolle Geschichte in die fantastische Erfahrung, eine andere Frau zu treffen.

Fanny Ardant: Es war wichtig für sie, die Freude zu erfahren, mit einer anderen Frau zusammen zu sein, ihr zuzuhören. Es gab eine Alchemie zwischen ihnen, die jeder erlaubte, etwas aus ihrem eigenen Leben zu retten. Sie hatten eine vertrauensvolle Beziehung, eine Anziehung, die weder homo- noch heterosexuell ist, einfach nur sexuell. Catherine hat sie nicht gewählt, weil sie irgendeine Frau ist, sondern weil sie Marlene ist.

Sie haben diese Türen nicht geöffnet, um über Stricken oder Rezepte zu reden - sie haben über Sex gesprochen in einer einzigartigen Weise. Sie fühlen sich gut miteinander, wenn sie sich im Nachtclub treffen und Martini drinken. Und dann unterstützen sie sich gegenseitig, als sie ihren Plan weiter verfolgen. Sie versuchen, gemeinsam etwas aufzubauen, das größer ist als sie beide.

Frage: Im Grunde sind alle drei Protagonisten sehr einsam.

Fanny Ardant: Ja, und da kommt dann tatsächlich die Realität ins Spiel. Unsere Gesellschaft hat nie so offen über Sexualität gesprochen, weder in der Psychoanalyse noch in Talkshows oder in Filmen, die immer dreister werden - trotzdem bleibt es immer ein wenig geheimnisvoll, dunkel und unbekannt. Unser sexuelles Leben ist immer versteckt, und selbst wenn du es an die Öffentlichkeit zerrst, entspricht es nie der Wahrheit.

In dem Moment, wo die öffentliche Diskussion über Kondome einsetzte, wurde klar, dass die meisten jungen Menschen sie nicht verwenden, weil sie entweder scheu oder prüde sind, keiner weiß warum. Man sollte meinen, dass die Menschheit sehr viel freizügiger geworden ist. Überhaupt nicht. "Gefährliche Liebschaften" oder andere freizügige Werke haben überhaupt nichts verändert.

Frage: Sind die Figuren in diesem Film auf der Suche nach Leidenschaft?

Fanny Ardant: Diese Suche ist das Hinterherrennen hinter einer Illusion, und eine Jagd, die damit endet, ihnen Lust zu bringen. Wenn ich auf Marguerite Duras zurückkommen darf, ist der, der nach Liebe verlangt, bereits in ihrem Besitz. Die Anspannung, die Hoffnung und der Wunsch sind stärker als die Realität. Davon handelt dieser Film. Es ist ein sehr französischer Film.

Ich habe dasselbe versteckte Leiden im Marquis de Merteuil in "Gefährliche Liebschaften" entdeckt. Die stille Qual besteht in ihrer schönsten Form bei Marivaux und bei Menschen, die sich nie in ihrem Leid suhlen. Ausdruck und Gedanken müssen immer niedrige Bedürfnisse übersteigen. Dort erreicht die Sprache ihre Perfektion. Und unter Catherines Oberhand ist das eine Freude.

Frage: "Eifersucht ist ein Reflex für einen Mann," sagt Catherine. Und für eine Frau?

Fanny Ardant: Eifersucht ist wie eine Trophäe, die man einer Frau darbringt: Die Krone der Liebe. Carmen, eine der größten Liebenden der griechischen Bühne, war nicht eifersüchtig. Eifersucht ist eindimensional - jemand ist immer eifersüchtig, so wie das Opfer seinen Vollstrecker verhöhnt. Eifersucht fördert die unmöglichsten Verhaltensweisen zutage. Einige Menschen können nie zugeben, eifersüchtig zu sein. Weil sie es als Verlust ihrer Würde ansehen, würden sie lieber tot umfallen als ihren Partner einem Verhör zu unterziehen.

Andere haben keine Hemmungen, sämtliche Taschen zu durchwühlen und zu fragen: ?Was ist das für eine Telefonnummer?' Catherine findet durch Zufall heraus, dass ihr Mann sie betrügt. Von diesem Moment an ist sie davon besessen. Als Bernard mit einer jungen asiatischen Kollegin plaudert, flippt sie aus - überzeugt, dass das leiseste Lächeln einer Frau ihren Mann einwickelt wie wilder Efeu.

Frage: Catherine hatte - und hat immer noch - ihre eigenen Abenteuer. Sie hat mit einem Bartender am Ende einer Party eine schnelle sexuelle Affäre.

Fanny Ardant: Marlene hat ihr diesen Geschmack von Freiheit eröffnet. Das ist auch das Problem mit ihrer Beziehung - sie wollte etwas in Gang setzen. Es hat ihren Körper, ihre Bedürfnisse wieder erweckt. Die Affäre mit dem Barkeeper hätte nie stattgefunden, wenn Catherine nicht unter den Einfluss der verführerischen Bar-Atmosphäre mit den Mädchen geraten wäre, das leichtbekleidete Fleisch, die schönen Schenkel. Sie sagt sich: ?Das Leben muss nicht immer ernst sein. Ich kann einen Mann finden um Spaß zu haben, wenn ich will.' Sie wird nicht vom gleichen Motiv geleitet wie ihr Ehemann, und zum Glück landet sie nicht bei einem seiner Freunde.

Frage: Wir erfahren, dass Catherine früher einmal eine Liebesgeschichte erlebt hat, die stärker war als die mit Bernard.

Fanny Ardant: In jeder Frau steckt etwas von einer Pfadfinderin und einer Hure. Keine ist entweder ausschließlich Gesellschaftsdame oder emanzipierter Freigeist. Wenn wir plötzlich in das Geheimnis von Catherines Vergangenheit eingeweiht werden, verändert sich das Prisma des Kaleidoskops: Es zeigt, wie wenig wir wirklich über einen anderen wissen. Wir alle haben diese tickenden Molotow-Cocktails im Ärmel. Keiner in diesem Film ist eine eindimensionale Karikatur, weder Ehemann, Frau oder Geliebte. Ich finde auch Judith Magre ideal als Mutter - wir verstehen sofort, dass sich eine Spur von Wahnsinn durch diese Familie zieht.

Frage: Selbst mit dem musikalischen Ambiente einer Sonatine klingt der Film wie eine Symphonie.

Fanny Ardant: Ja, der Film schäumt von Leidenschaft, ohne überzukochen. Es ist eine Geschichte, die in der Tiefe unserer intimen Wünsche widerhallt. Wir fühlen uns immer den großen Geschichten verbunden. Liebe, Sexualität, daraus sind die großen Geschichten gemacht.

Frage: Wie haben Sie sich Ihrer Figur angenähert?

Fanny Ardant: Wir haben mit Anne Fontaine stark an der Definition der Charaktere gearbeitet. Catherine sollte keine Figur vom Reißbrett sein, sollte aber auch nicht ihr Geheimnis verlieren. Ich mag meine Figur gar nicht zu genau kennen. Wenn die Dinge etwas unscharf bleiben, kann ich mich auf meinen Instinkt verlassen und mich mit meinem Charakter auf einem intuitiven Level treffen.

Frage: Wie war die Zusammenarbeit mit Anne Fontaine?

Fanny Ardant: Ich liebe die Arbeit mit Regisseuren, die ihre Schauspieler nicht auf eine bestimmte Rolle festlegen. Wir würden uns immer nur selbst wiederholen. Bei Anne fühlen sich die Schauspieler beschützt. Sie ist schnell, bissig, ironisch, visuell versiert. Sie führt sehr klar Regie, benutzt ein präzises Wort, um einen Ausdruck oder eine Bewegung zu korrigieren. Unsere Charaktere geben einen falschen Eindruck wider, wenn wir nicht gut geführt werden.

Ein guter Regisseur lässt die Schauspieler in einem begrenzten Rahmen arbeiten. Wir sind gezwungen, an uns zu zweifeln und uns in Frage zu stellen während wir filmen, aber wenn mir das nicht mehr Befriedigung geben würde als Schmerz, würde ich es nicht tun. Das Fontaine-Fieschi-Team ist unglaublich. Ihr Skript war gründlich und genau.

Frage: Erzählen Sie von Ihren Kollegen.

Fanny Ardant: Emmanuelle und ich sind Freunde, seit wir zusammen an "8 Frauen" gearbeitet haben. Ich wusste, dass mir ihre Mischung aus Strenge und Zerbrechlichkeit gefällt. Und ich war überwältigt von ihrer extremen Großzügigkeit. Ich arbeite gerne mit großzügigen Schauspielern. Es gibt diese schnellen Blicke, ein unerwartetes Lächeln, das unausgesprochene Teilen. Ich habe mich sehr wohl gefühlt mit ihr.

Gérard ist fähig, abwesend zu erscheinen, während er immer ganz genau auf seinem Punkt ist, genau dort, wo das Licht sein Gesicht trifft. Er ist in Kontakt mit der Wahrheit und seinen Emotionen. Eines Tages machte Gérard eine Bemerkung, die sich mir ins Gedächtnis eingegraben hat: "Ich bin ein Grashalm". Das ist eine perfekte Analogie, der Schauspieler tief verwurzelt wie Gras, aber gleichzeitig fähig, sich im Wind zu drehen.

Fanny Ardant
Poster von 'Nathalie'

Dirk Jasper FilmLexikon

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