Interview mit Fatih Akin

"Ich mag guten Kitsch sehr gerne."

Fatih Akin ist der Regisseur und Drehbuchautor des deutschen Kinofilms Im Juli. Frage: Man sagt, der zweite Film sei der schwerste, weil der Erfolgsdruck so hoch sei. Hast du das so empfunden?

Fatih Akin: Ja, das war eine große Belastung. Aber ich denke Im Juli war das Konsequenteste was ich nach Kurz und schmerzlos machen konnte, denn der Film ist genau das Gegenteil von meinem Erstlingswerk: ein bunter Liebesfilm, in dem niemand stirbt, mit zwei deutschen Heldenfiguren, gespielt von Stars. In Kurz und schmerzlos ging es um Realität, in Im Juli um Illusion. Ich will nicht in eine Schublade gesteckt werden, denn ich will den Cross-over, will raus aus der Nische und ein kommerzieller Filmemacher sein. Ich versuche, so vielfältig zu sein, wie ich nur kann. Trotz des Drucks, der auf mir lastete, gehören die Dreharbeiten für Im Juli zu meinen schönsten Erfahrungen, sie waren ein regelrechtes Abenteuer. Jeden Tag gab es extreme Situationen - mal Unmengen von Statisten, mal Green-Screen-Technik, Moritz hat eine Menge Stunts gemacht. Ich habe viel über mich und das Filmemachen gelernt.

Frage: Im Juli erinnert auch an ein Märchen.

Fatih Akin: Ganz klar, ja. Das war natürlich eine Mutfrage. Wir haben die Tatsache der vielen Zufälle in der Geschichte diskutiert und kamen zu dem Schluss: Wenn das Publikum diesen Schritt mitmacht, macht es auch den mit. Mag es die Geschichte und die Figuren, wird es auch den nächsten mitmachen. Es entsteht eine Art Konsequenz in diesen Zufällen. Ein wenig shakespearemäßig, so im "Sommernachtstraum"-Stil. Darauf muss man sich als Zuschauer natürlich einlassen.

Frage: Wo verläuft dabei die Grenze zwischen Poesie und Kitsch?

Fatih Akin: Da gibt es keinen allgemeinen Maßstab. Jeder muss selbst für sich entscheiden, wo es ihm peinlich wird. Ich mag guten Kitsch sehr gerne.

Frage: Und wie denken Moritz Bleibtreu und Christiane Paul darüber?

Fatih Akin: Die Beiden hätten nicht mitgespielt, wenn sie ein Problem mit dem Kitsch in dem Film gehabt hätten. Christiane und Moritz sind zwar sehr unterschiedlich, aber sie hatten schnell einen gemeinsamen Nenner gefunden. Und die Chemie zwischen den beiden hat gestimmt: Schon in den Proben gab es einen Moment als sich die beiden in die Augen geguckt haben, da hat es gefunkt.

Frage: Im Juli ist ein gefühlsbetonter Film, du sprichst Deutsch und Türkisch - kam dir mal der Gedanke, Im Juli nicht in deutscher Sprache zu drehen?

Fatih Akin: Deutsch ist meine Mutersprache und ich finde nicht, dass sie weniger geeignet ist, Emotionen zu vermitteln - mal abgesehen vom Beamtendeutsch. Trotzdem möchte ich gerne irgendwann einmal einen Film in türkischer Sprache drehen.

Frage: Der Monat Juli kommt nicht nur im Filmtitel vor, sondern ist auch der Name der Figur, die von Christiane Paul gespielt wird. Wie erklärt sich diese auffällige Präsenz?

Fatih Akin: Es war immer mein Lieblingsmonat - früher schon alleine wegen der Schulferien Er wird durch die Zahl 7 symbolisiert und liegt genau in der Mitte des Jahres. Als ich jünger war, fuhr ich jedes Jahr im Juli in die Türkei - zu der Zeit noch über die Jugoslawien-Route - beim Schreiben des Skripts hatte ich all die Bilder von damals vor Augen.

Frage: Haschisch rauchen kommt in allen deinen Filmen vor, auch Im Juli. Hältst du das nicht für problematisch?

Fatih Akin: Ich glaube nicht, dass ich damit Drogen verherrliche, ich bilde das Leben ab - Alkohol und Gewal werden auch ganz selbstverständlich in Filmen gezeigt. Meine Hauptfigur Daniel fährt nicht nur in die Türkei, sondern unternimmt auch eine Reise in sich selbst hinein. Das LSD, dass ihm seine Reisebekanntschaft Luna in der zweiten Drogensequenz in seine Cola schüttet, verursacht bei Daniel einen großen Schub auf der Reise in sein Unterbewußtsein, ist also auch dramaturgisches Element.

Fatih Akin
Filmplakat

Dirk Jasper FilmLexikon

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