Interview mit Florian Schwarz

"Sex ist zu einer Art Strategie geworden."

Florian Schwarz ist der Regisseur des deutschen Kinofilms Katze im Sack, die gleichzeitig seine inzwischen vielfach prämierte Abschlussarbeit an der Filmakademie Ludwigsburg darstellt. Frage: Worum geht es in deinem Film?

Florian Schwarz: Katze im Sack ist ein Film über einsame Gestalten, die sich nach Zweisamkeit sehnen. Es geht also um die Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit. Die Charaktere haben aber Probleme mit Nähe und Aufrichtigkeit. Deshalb gibt?s jede Menge Schwierigkeiten.

Karl, Doris und Brockmann finden sich im Dschungel ihrer Gefühle und Sehnsüchte irgendwann nicht mehr zu recht. Nach und nach verlieren sie die Kontrolle über sich selbst und werden so zum Treibgut einer unerbittlichen Nacht.

Frage: Das hört sich nach schwerer Kost an.

Florian Schwarz: Der Film hat einen melancholischen Grundton. Das ist der Spätwestern-Touch (lacht). Und er erzählt ein Drama ? letztlich das Drama einer Sinnsuche. Das Besondere dabei ist, dass der Film, trotz des Themas, nicht schwer oder bleiern ist. Wehmütige und traurige Momente wechseln sich mit leichten, sowie humorvollen Augenblicken ab.

Das hat auch mit dem Anspruch an die Charaktere zu tun. Wir wollten Menschen mit ihrer ganzen Widersprüchlichkeit auf die Leinwand bringen. Diese Menschen haben Probleme. Das heißt aber nicht, dass sie neunzig Minuten lang Trübsal blasen und nur durch verregnete Fensterscheiben starren.

Frage: Wie hängt der Titel mit der Geschichte zusammen hängt?

Florian Schwarz: Katze im Sack ? das sind vor allem Karl und Doris. Keiner von ihnen offenbart sich dem anderen. Stattdessen verstellen sie sich, spielen Spielchen und lassen so nie die besagte Katze aus dem Sack. Der Titel deutet damit auf das Verborgene, auf das Geheimnis hinter den Charakteren hin.

Frage: Was sind die zentralen Bestandteile des Films?

Florian Schwarz: Auf jeden Fall das Schauspieler-Ensemble, das dem Film sein hoffentlich unverwechselbares Gesicht verleiht: Christoph Bach als melancholischer Herumtreiber Karl, Jule Böwe als Kellnerin Doris, die ihre Verletzlichkeit mit rauem Auftreten kaschiert und Walter Kreye als gescheiterter Sicherheitsspezialist Brockmann.

Aber auch die Musik ist ein wichtiger Bestandteil. Die Band SLUT hat einige Songs beigesteuert, die wie für unseren Film geschrieben sind.

Frage: Welchen Stellenwert haben die Songs?

Florian Schwarz: Von Anfang an war klar: ?Katze? ist ein Song-lastiger Film, der so sinnlich und direkt wie möglich sein soll. Die Songs von SLUT gehen sofort ins Blut und unterstreichen die Melancholie des Films. Sie sind aber auch sehr treibend und unterstützen die temporeichen und kraftvollen Szenen.

Frage: Wir erfahren wenig über die Charaktere. Wieso?

Florian Schwarz: Der Zugang zu den Charakteren sollte rein emotional sein, deshalb haben wir bewusst auf Psychologisierungen und auf eine analytisch-erklärende Vogelperspektive verzichtet. Wir wollten auf Augenhöhe der Charaktere erzählen. Schonungslos, aber auch respektvoll. Und respektvoll heißt für mich, dass man die Geheimnisse der Charaktere wahren muss.

Abgesehen davon ist es doch auch viel spannender, nicht alles erklärt zu bekommen. Als Zuschauer kann ich mir meinen eigenen Weg durch das innere Labyrinth der Charaktere bahnen und so zum ?Mitgestalter? der Erzählung werden.

Frage: Ein großes Thema des Films ist Sex.

Florian Schwarz: In der Welt unseres Films hat die Sexualität mit aufrichtigen Gefühlen nicht mehr viel zu tun. Sex ist zu einer Art Strategie geworden. Mit dieser Strategie werden eher egoistische Ziele verfolgt. Um Sinnlichkeit und Verschmelzung geht es dabei nicht mehr. Das ist ein Zeichen von Selbst-Entfremdung der Charaktere und auch von der immer größer werdenden Kluft zwischen Körper und Geist.

Frage: Ist das Ende als Happy End zu verstehen?

Florian Schwarz: Das Ende spielt, dramaturgisch gesehen, mit der Happy-End-Tradition des klassischen Melodramas der 40er/50er Jahre. Auf den ersten Blick die wiederhergestellte Idylle, auf den zweiten Blick nichts als Fragezeichen. Wie viele Minuten wird dieses Happy End anhalten? Bis zum nächsten Tunnel?

Frage: Kein Film für Romantiker, oder?

Florian Schwarz: ?Was aus Liebe getan wird, geschieht immer jenseits von Gut und Böse.? Das ist leider nicht von mir sondern von meinem Kameramann Philipp Sichler. Und so ist auch der Film. Bei allem rohen und selbst- zerstörerischen ist ?Katze? ein zutiefst romantischer Film, weil er an die Kraft der Liebe glaubt. Auch wenn sie vielleicht nur eine Utopie ist.

Florian Schwarz
Filmplakat

Dirk Jasper FilmLexikon

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