Interview mit Fritz Wepper

"Es ist ein besonderes Gefühl karikiert zu werden."

Seinen ersten großen Erfolg feierte Fritz Wepper bereits im Alter von 18 Jahren in Bernhard Wickis legendärem Film "Die Brücke". 1964 wurde er mit dem Filmband in Gold für seine Darstellung in "Kennwort ... Reiher" ausgezeichnet. Den meisten TV-Zuschauern dürfte er jedoch als Harry Klein, Assistent von Stephan Derrick, bekannt sein. Klar, dass im Zeichentrickfilm Derrick - Die Pflicht ruft nur einer die Rolle des Inspektors sprechen konnte: der altgediente Harry Klein, Fritz Wepper selbst. Frage: Können Sie Ihre Eindrücke beschreiben, wie es ist, sich urplötzlich mit einem gezeichneten Alter Ego konfrontiert zu sehen?

Fritz Wepper: Es ist spannend, herausfordernd, amüsant. Spannend, weil der Zeichenstift natürlich die Realität verlassen kann und einen beweglicher macht, als man in Wirklichkeit ist. Er macht Dinge möglich, die im Leben nicht machbar sind, z. B. Fliegen oder akrobatische Klimmzüge. Herausfordernd, weil es sich um eine überhöhte Darstellung der Wirklichkeit, oder genauer: der Vorgabe "Derrick", handelt. Und amüsant, weil ich meine, dass hier absolut professionelle Zeichner am Werk sind und auch die Idee des Films als solches entzückend ist. Zum Teil ist das Gezeigte skurril, zum Teil glaubwürdig, zum Teil verlässt die Handlung natürlich die Schiene der Realität. Mir bereitet die Arbeit großen Spaß, weil alles so überhöht ist. Die Figuren bewegen sich ganz anders und haben dadurch auch ganz andere Möglichkeiten. Es ist natürlich so, dass Horst Tappert und ich durch unsere Figuren in der Serie "Derrick" Pate gestanden und diesen Film erst ermöglicht haben. Jetzt können wir das Ganze, 29 Jahre nach dem Anfang, abrunden, indem wir diesen Comicfiguren - in Klammern: Welche Ehre! - unsere Stimmen leihen und ihnen damit Leben einhauchen.

Frage: Empfanden Sie das ausschließlich als großen Spaß?

Fritz Wepper: Es ist auch anstrengend. Man muss kräftig Luft holen, wenn einer wie eine Achterbahn durch die Gegend donnert oder an 220 Volt über der Bühne hängt und zitternd und klirrend auf dem Boden aufschlägt und all die anderen Dinge macht, die man aus den Comics kennt. Man mag den Humor von Horst Tappert und mir während der Serie nicht erkannt haben, weil wir an unsere Aufgabe, unser Handwerk ja auch mit dem nötigen Ernst herangegangen sind. Aber Horst Tappert und ich haben uns schon damals nicht so ernst genommen, dass wir einzelne Drehtage nicht auch mit einer gewissen Selbstironie hinterfragt hätten. Deshalb war es jetzt so eine große Freude, die Sache in diesem Zeichentrickfilm gipfeln zu lassen, weil wir de facto beweisen können, dass wir in der Lage sind, selbstironisch zu sein und auch die eigene Karikatur anzuerkennen. Es ist ein besonderes Gefühl karikiert zu werden. Das macht man ja nicht mit jedem.

Frage: Haben Sie die Arbeit also als eine Art Befreiungsschlag empfunden?

Fritz Wepper: Unbedingt. Der Serie wird dadurch ja nichts genommen. Sie läuft nach wie vor in vielen Ländern als Wiederholung und bleibt auch von dem Zeichentrickfilm unberührt. Das eine ist Fernsehen, das andere ist Kino. Damit spricht man automatisch ein anderes Publikum an, das sich sicherlich auch in Teilen mit dem Fernsehpublikum überschneidet. Ich bin sehr gespannt, wie das Kinopublikum den Film annimmt. Für mich war das erst einmal gewöhnungsbedürftig, da bin ich ganz ehrlich. Mit "Derrick" assoziiert man ja zunächst ganz andere Dinge. Man muss doch nur die Augen schließen und die typischen Bilder Revue passieren lassen: Ein Mord geschieht; wir fahren durch die Stadt und erscheinen am Tatort; Derrick denkt angestrengt nach und Harry gibt ab und zu einen Kommentar ab und hat meistens unrecht. Das hat sich als sehr gelungene Form der Unterhaltung erwiesen. Der Zeichentrickfilm hebt sich durch seine Überzeichnung davon ab: Da muss man beim Synchronisieren schon mal ganz neuartige Töne von sich geben. Ich bin davor schließlich auch noch nie aus 40 Metern Höhe durch eine Glaskuppel gestürzt und mitten in einem Ledersessel gelandet. Diese Erfahrung macht die Angelegenheit auch amüsant. Ich bewege mich fortwährend zwischen Staunen und Schmunzeln.

Frage: War Ihnen sofort klar, dass Sie bei dem Film mitmachen würden? Bei den Produzenten herrschte zunächst große Sorge, Horst Tappert und Sie könnten ablehnend reagieren.

Fritz Wepper: Horst Tappert und ich haben 24 Jahre einen sehr engen Kontakt gepflegt. Deshalb haben wir uns natürlich sofort gegenseitig verständigt, als man die Möglichkeit eines Zeichentrickfilms an uns herantrug. Eigentlich musste man sich erst einmal klar werden, ob wir unsere Figuren in solch einem Film nicht verraten würden oder ob wir für dumm verkauft werden. Der auslösende Funke für uns war der ansteckende Enthusiasmus von Matthias Walther, der ja bis zum heutigen Tag unvermindert anhält. Das sprach uns sofort an. Sicher, wir fanden auch die Idee witzig, aber das war ein Zeitpunkt, an dem noch alles Knetmasse ist. Jetzt das Resultat zu sehen, ist eine große Freude, weil es beweist, dass wir mit unserer Einschätzung richtig lagen.

Frage: Was haben Sie empfunden, nach fünf Jahren Pause wieder in die Schuhe des Harry Klein zu schlüpfen?

Fritz Wepper: Es war genau der richtige Zeitpunkt. Unmittelbar nach der Serie hätte man den Film nicht machen können. Aber in fünf Jahren wäre es wohl zu spät gewesen. Jetzt befinden wir uns noch im Rahmen der Glaubwürdigkeit. Wir schöpfen aus unserem Repertoire mit der Bereitschaft zur Selbstironie. All das kann nur über einen gewissen Wiedererkennungseffekt funktionieren. Die Vertrautheit muss unmittelbar von der Leinwand herunter springen.

Frage: Sicherlich ist das Einsprechen einer Rolle für einen Zeichentrickfilm eine vollkommen andere Erfahrung als das klassische Schauspiel ...

Fritz Wepper: Ja, das Wort gibt die Form vor. Zunächst spricht man den kompletten Text ein. Erst dann werden die ersten Bilder gezeichnet. Die fertige Fassung wird dann von den Sprechern noch einmal verbessert, intensiviert. Es kam ganz entscheidend auf die Gestaltung jedes einzelnen Satzes oder Dialogs an. Das war zunächst nicht so einfach. Wir wussten zuerst nicht so recht, wohin die Reise geht. Anhand der Texte war uns aber bewusst, dass es sich um Karikaturen handelte, ohne dass man die Figuren ins Messer laufen lässt. Wir können uns glücklich schätzen, dass wir diesen Film in dieser Form unterstützen durften, weil alles sehr würdevoll und professionell über die Bühne ging.

Frage: Entspricht das Endergebnis der Vorstellung, die Sie sich zu Beginn der Arbeit gemacht hatten?

Fritz Wepper: Die Vorstellung wurde uns in einer Art Salami-Taktik vermittelt. Zunächst wurde die Figur von Derrick gezeichnet. Da haben wir einen ersten Eindruck gewonnen, wie die Übersetzung von realem Derrick zu gezeichnetem Derrick aussehen würde. Da werden ja nur markante optische Merkmale vergrößert und karikiert, aber auch nicht veräppelt. Es ist einfach nur die Figur in ihrer Essenz zu Papier gebracht. Entsprechend wurde Harry an Derrick angepasst. Mit Übertreibungen setzt man gewisse Gewichtungen und lässt die Erscheinung schräger werden. Ich kann nur sagen, dass wir die Situationen zwar anfangs eingesprochen haben, um eine Blaupause zu schaffen. Aber erst jetzt, mit den richtigen Bildern vor Augen, beginnt unsere eigentliche Arbeit. Die Vorgabe, die gezeichnete Partitur, die immer wieder die wirklichen Möglichkeiten verlässt, macht Spaß, weil jetzt anschaulich wird, was man sich vorher eher mühevoll vorstellen musste.

Fritz Wepper. Foto: ZDF
Fritz Wepper als Harry Klein in 'Derrick - Die Pflicht ruft'. Foto: UIP
Fritz Wepper. Foto: ZDF
Fritz Wepper. Foto: ZDF

Dirk Jasper FilmLexikon

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