Interview mit Gary Oldman
Gary Oldman, Regisseur und Produzent des Films Anastasia Frage: Es wird immer wieder betont, dass es sich bei Anastasia um einen "klassischen" Zeichentrickfilm handelt. Was muss man sich darunter vorstellen?

Gary Goldman: Klassisch bezieht sich vor allem auf die Art der Erzählkunst und den Stil der Zeichnungen. In diesem Sinne ist Anastasia für mich genauso klassisch wie "Schneewittchen", "Pinocchio" oder "Aschenputtel". Selbst aktuelle Disney-Produktionen würde ich noch als klassisch im Sinne der Animationstechnik bezeichnen. Mit Ausnahme von Hercules und Der Glöckner von Notre Dame. Die waren nicht lebendig genug und darauf kommt es an. Um von einem Zeichentrickfilm wirklich angetan zu sein, muss ich auch auf emotionaler Ebene angesprochen werden. Eine perfekte Technik reicht dazu nicht aus.

Frage: Haben Sie Disney verlassen, um zu eben jenen Wurzeln der Animation zurückzukehren?

Gary Goldman: Ganz genau in den siebzigern Jahren wurden Disney-Cartoons immer schlechter, und da wir das Management nicht davon überzeugen konnten, sich wieder auf die Traditionen zu besinnen, die Disney groß gemacht haben, entschlossen wir uns, eine eigene Firma zu gründen. Als wir damit reüssierten, haben die Disney-Leute versucht, uns zurückzugewinnen. Ohne Erfolg natürlich. Wir wollten unsere eigenen Ideen, unseren eigenen Stil umsetzen. Außerdem belebt Konkurrenz bekanntlich das Geschäft. Wer also hätte Disney dazu bringen können, wieder besser zu werden, wenn nicht wir?

Frage: Bei Anastasia haben Sie gemeinsam mit ihrem Partner Don Bluth Regie geführt.

Gary Goldman: Das Projekt ist für einen allein zu groß. Ich kümmere mich um die gesamte Produktion, während Don für die Vorbereitungen zuständig ist. Er bringt den Film auf den Weg, er arbeitet die Grundidee aus, und ich feile vor allem an den Details bis zum fertigen Film. So machen wir es schon seit 26 Jahren.

Frage: Anastasia ist eine europäische Geschichte. Haben Sie den Film auf amerikanische Sehgewohnheiten zugeschnitten?

Gary Goldman: Es ist ein modernes Märchen geworden. Wir haben Elemente aus der Anna-Anderson-Geschichte und dem Theaterstück, das auf diesem Fall basiert, mit der Story von "My Fair Lady" vermengt. Von dem gleichnamigen Film mit Ingrid Bergman aus dem Jahre 1956 war ich wenig begeistert, weil darin fast nur geheult wird. So etwas würde in den Neunzigern nie funktionieren, dachte ich. Aber mir gefiel der Titel: Es ist nur ein Wort und es ist der Name der Heldin. Also haben wir einige Änderungen vorgenommen und daraus eine Geschichte über Hoffnung, Liebe und den Erfolg einer jungen Frau, die herausfindet, wer sie wirklich ist, gemacht.

Frage: Ist der Film für Kinder nicht etwas schwer verständlich?

Gary Goldman: Nein, das glaube ich nicht. Kinder sind nicht an historischen Zusammenhängen interessiert, sie sehen, wie die Heldin aufwächst und was für Abenteuer sie besteht, bis sie schließlich Prinzessin wird. Im Grunde erzählen wir eine "Cinderella" Geschichte, und ich hoffe, dass wir vor allem Paare zwischen 14 und 25 mit diesem Film erreichen: Anastasia ist ideal für ein Rendezvous. Und Kinder wird der Film ebenfalls interessieren, weil er so "erwachsen" aussieht und Kinder ja immer für voll genommen werden wollen.

Dirk Jasper FilmLexikon
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