| George Martin |
| * 3. Januar 1926 in London, England, als George Henry Martin • Arrangeur, Komponist, Dirigent • Biographie • |
Biographie
Man schrieb das Jahr
1950, als George Martin zum ersten Mal in Richtung Abbey
Road im Londoner Stadtteil St. John's Wood aufbrach, und zwar mit
dem Fahrrad. George Henry Martin war damals 24 Jahre alt und
trat seinen ersten Job bei Parlophone an, als Assistent des
Labelchefs. "Eigentlich hatte ich den Job nur als Zwischenstopp
betrachtet", erinnert sich Martin. "Ich wollte nämlich
Komponist werden." Dabei kam George Martin eigentlich aus
keiner musikalischen Familie, lediglich Weihnachten versammelte man
sich im trauten Kreis um ein Piano. "Ich hatte einen Onkel, der
Piano spielte, und ich fühlte mich unweigerlich zum Klavier
hingezogen. Ich kann mich gar nicht an die Zeit erinnern, als ich
noch keine Musik darauf spielen konnte. Ich hatte einige
Klavierstunden, als ich acht Jahre alt war, aber dann hat sich
meine Mutter mit dem Lehrer gestritten ? und das war es dann
fürs erste."
Mit 15 Jahren gründete George Martin seine erste Band, die Four Tune Tellers, die für die Vierziger typische Tanzmusik spielte: Foxtrott, Quicksteps und Walzer. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, fand die Band ein vorzeitiges Ende. Während des Krieges machte George Martin eine folgenreiche Bekanntschaft. Er lernte den Musikprofessor Sydney Harrison kennen, der George Martin fortan protegierte. Harrison arrangierte einen Termin an der Londoner Guildhall School of Music, wo Martin dank eines Stipendiums studieren konnte. 1950 lief der Kurs aus, der neben Komposition, Dirigieren, Orchestrieren auch das Erlernen der Oboe umfasst hatte. Zunächst nahm George Martin einen schlecht bezahlten Job in der Musikbibliothek des BBC an, doch dann war es erneut Sidney Harrison, der ihm eine neuen Job besorgte, bei Electric & Musical Industries Ltd., besser bekannt unter dem Kürzel EMI.
Sidney
Harrison hatte einem gewissen Oscar Preuss, dem
damaligen Artist und Repertoire Manager von Parlophone, den
Tipp gegeben, dass George Martin genau der richtige Mann
sei, den er als Assistenten gebrauchen könnte. "Ich hatte
damals keine Ahnung, was EMI eigentlich so machte, aber es war das
erste Mal, dass ich mit wunderbaren Musikern arbeiten konnte,
mithin den besten." Tatsächlich war einer seiner ersten Jobs,
mit dem damals renommierten London Baroque Ensemble zu
arbeiten. "Das waren wunderbare Menschen und es war sehr
stimulierend. Ich wollte im Studio zwar keine Karriere machen, aber
Aufnahmestudios sind sehr anziehende Orte und irgendwie hat's mich
gepackt."
Die Aufnahmebedingungen in einem Studio von 1950 hatten natürlich wenig gemeinsam mit den Möglichkeiten heutiger Digitalstudios. Vinyl lag noch in weiter Ferne, ganz zu schweigen von CDs oder Downloads aus dem Internet. Das zerbrechliche Schellack lief auf 78 Umdrehungen und die Aufnahmen wurden nicht auf digitales Material mitgeschnitten, sondern direkt auf analogen, sogenannten Wachsplatten, die Overdubbing unmöglich machten. Und so wundert es nicht, dass der Artist & Repertoire Manager auch gleichzeitig der sogenannte "recording manager" war, aus dem mit zunehmender Studiotechnik schließlich der Produzent hervorging.
Parlophone war Anfang der 50er eines von vier Plattenlabels
von EMI. Verglichen mit His Master's Voice,
Columbia und Regal Zonophone war es bis zum
Auftauchen der Beatles sogar recht unscheinbar, gleichwohl
das Artist Roster und die Musik, die auf Parlophone allein
in den frühen Fünfzigern erschien, eine erstaunliche
Vielfalt bot: Dance-, Jazz- und Swing-Formationen aller Couleur,
humorvolle bis bierernste Stimmen, Kinderplatten und
Jugendchöre, Filmmusiken und lateinamerikanische Rhythmen,
Sonaten, Serenaden, Symphonien und selbst schottische Folklore,
aufgenommen an Ort und Stelle ihrer Herkunft, bevölkerten das
Label. Und so wurde aus dem Greenhorn George Martin ein
Meister seines Fachs, der jedes Instrument in- und auswendig
kannte, wichtiger noch, mit jedem Musiker umzugehen wusste. Als
Oscar Preuss im April 1955 mit 65 Jahren seinen Ruhestand
antrat, übernahm George Martin mit 29 Jahren als bis
dahin jüngster Labelchef in der Geschichte von EMI das
Ruder von Parlophone.
Und er brachte mit typisch britischem Humor Schwung in den Laden, genauer gesagt mit einer Riege außergewöhnlicher Comedy-Stars, deren alleinige Nennung nicht nur Kennern des Genres ein spontanes Lächeln abfordert. Mit Peter Ustinov und Peter Sellers hatte er bereits zwei Zugpferde des Genres in seinem Stall. Von dem gerade eingeführten Multitrack-Aufnahmeverfahren profitierte auch die legendäre Goon Show, ein Radioprogramm, das George Martin als Plattform für Soundexperimente nutzte. Einer der ersten Künstler, der von diesen Experimenten profitierte, war Peter Sellers, dessen kuriose Adaptionen von Beatles-Songs erst vor einigen Jahren wieder entdeckt wurden. Zu dem erweiterten Kreis der Comedy-Stars gehörten außerdem Spike Milligan, Michael Bentine und Bernhard Cribbins sowie das aus Peter Cook, Dudley Moore, Alan Bennett und Jonathan Miller bestehende Comedy-Quartett Beyond The Fringe.
Doch auch
populäre Musik der späten Fünfziger stand bei
Parlophone nach wie vor auf dem Programm. So nahm George
Martin den ehemaligen Busfahrer Matt Monro unter
Vertrag, Englands Antwort auf
Frank Sinatra. Und auch erste Skiffle-Bands wie etwa die
Vipers Skiffle Group oder der singende Schauspieler Jim
Dale gehörten zum Kader der
Parlophone-Künstler zu Beginn der Sechziger. Skiffle
war auch der auslösende Faktor für einen 16-jährigen
Jungen aus Liverpool, seine erste Band zu gründen. Sein Name:
John Lennon.
Als die Beatles 1962 George Martin kennenlernten, konnte dieser schon auf elf Jahre Berufserfahrung als Produzent zurückblicken. Martin mochte den Humor und vor allem die Herzenswärme der vier jungen Burschen. "Für mich waren die Beatles die Chance, etwas intensiver an einen Act heranzugehen. Ich hatte direkt den Eindruck, dass sie enorm viel Talent hatten ? womit ich noch nicht einmal die Musik zum damaligen Zeitpunkt meine, auch wenn die sehr bald richtig gut kam ? es war mehr ihr Charisma, die Tatsache, dass ich mich in ihrer Nähe wohl fühlte. Und ich dachte mir, 'wenn sie diesen Effekt auf mich haben, dann wohl auch auf ihr Publikum.' Deswegen entschloss ich mich, sie unter Vertrag zu nehmen."
Innerhalb eines Jahres stellten die Beatles alles auf den
Kopf: Die Beatlemania des Jahres 1963 ist mit keiner anderen
musikalischen Entwicklung vergleichbar. Beatles-Manager
Brian Epstein engagierte zudem einige andere Liverpooler
Talente, mit denen George Martin Aufnahmen machen sollte,
darunter Gerry and the Pacemakers, Cilla Black,
Billy J. Kramer & The Dakotas und The Fourmost.
Um zu verdeutlichen, wie erfolgreich die Kombination Brian
Epstein - George Martin war: Allein 1963 gelangen ihnen mit
ihren Acts 85 Top-Ten-Chartplatzierungen und 32 Wochen die Nummer
eins.
Mitte der Sechziger machte sich George Martin mit einigen befreundeten Produzenten selbständig und gründete eine eigene Firma, Associated Independent Recordings, kurz AIR. Schon bald entstand an der Londoner Oxford Street ein erstes eigenes AIR-Studio. Einige Jahre später folgte ein weiteres AIR-Studio auf der Insel Montserrat, in dem Martin nach der Trennung der Beatles die ersten Soloalben von Paul McCartney produzierte und das für viele Künstler exotisches Aufnahmedomizil wurde ? bis Ende der Achtziger ein Hurrikan das Studio zerstörte und die Insel in den Neunzigern auch noch von einem Vulkanausbruch schwer in Mitleidenschaft gezogen wurde. Jüngst eröffnete George Martin in London eine Benefiz-Auktion, bei der wertvolle Lithographien mit dem Notenblatt von "Yesterday" versteigert wurden. Vom Erlös soll auf Montserrat ein Kulturzentrum entstehen.
Die Liste der Stars, mit denen George Martin in den 80er und
90er Jahren gearbeitet hat, ist beeindruckend: Jeff Beck,
die Bee Gees, Jon Bon Jovi, Kate Bush,
José Carreras, Cher, Phil Collins,
Celine Dion, Dire Straits, Peter Frampton,
Peter Gabriel, Stan Getz, Cleo Laine, Meat
Loaf, Carly Simon, Sting, Pete Townshend
und John Williams. Aber George Martin hat noch mehr
in petto: Er betreute eine von der Kritik gelobte Adaption von
Dylan Thomas' Under Milk Wood, produzierte Alben wie
The Glory Of Gershwin, eine Hommage an George
Gershwin, die er gemeinsam mit Larry Adler
aufnahm.
Und zu seinem Ruhestand nahm er als Abschied das Album In My Life auf, Beatles-Interpretationen von Stars wie Sean Connery, Robin Williams und Goldie Hawn. In den letzten Jahren hat er unter anderem an der Anthology-Serie der Beatles mitgewirkt, war Gastgeber in Fernsehdokumentationen wie The Making Of Sgt. Pepper. Er hat Konzerte dirigiert, Vorlesungen gegeben und Bücher veröffentlicht. Und 1997 produzierte er zum Gedenken an die tödlich verunglückte Lady Di die neue Version von Elton Johns Song Candle In The Wind, die zur bestverkauften Single aller Zeiten avancierte.
In seinem Leben hat George Martin alles erreicht, was man als Produzent erreichen kann. Die CD-Box Produced By George Martin ist der klingende Beweis der enormen Vielfältigkeit des wohl berühmtesten Plattenproduzenten in der Geschichte der Popmusik.
Es gibt keine
Zweifel, dass die Beatles und George Martin eine
kreative Allianz bildeten, die die populäre Musik auf ewig
revolutioniert hat. Die endlose Suche nach neuen Sounds und das
stetig steigende Niveau der Aufnahmen von den Fab Four waren
auch stets eine neue Herausforderung für den Produzenten und
alle anderen Mitarbeiter in den Studios. George Martins
Rolle als Produzent entwickelte sich schnell vom Arrangeur und
Garanten für optimale Aufnahmequalität hin zum
Ideenlieferanten, der sich mit Loops und variablen Speeds ebenso
auskennen musste wie mit erlesener Orchestrierung oder was es sonst
noch an Extravaganzas erforderte, mit der die Beatles die
Möglichkeiten der Popmusik auf ewig definieren
sollten.
Natürlich wird eine Frage immer wieder gern gestellt: Was wäre gewesen, wenn George Martin und die Beatles sich nicht begegnet wären? In den umfangreichen Linernotes, die Beatles-Kenner Mark Lewisohn schrieb, gibt George Martin eine zurückhaltend höfliche Antwort: "Oh, natürlich wären sie ohnehin erfolgreich gewesen. Da gibt es keinen Zweifel, denn sie waren unglaublich talentiert." Das kann wohl auch Sir George Martin mit Fug und Recht von sich selbst behaupten.
Sir George Martin feierte am 3.
Januar 2001 seinen 75. Geburtstag. Mit dem sechs CDs umfassenden
Boxset Produced By George Martin ? 50 Years Of
Recording erschien dazu eine würdige Hommage an den Mann,
der als Produzent fast aller Studioaufnahmen der Beatles
Geschichte gemacht hat und als der berühmteste Produzent
seiner Zunft gilt. Die 150 Tracks umfassende Werkschau wirft ein
ganz anderes Licht auf den Mann, der gerne als der fünfte
Beatle bezeichnet wurde, lässt ein neues und umfangreiches
Bild entstehen, das weit über die Arbeit mit den
Beatles hinausgeht.
In den fünf
Dekaden seines aktiven Schaffens betreute er Klassik- und
Jazz-Ensembles, avancierte zum Spezialisten für Comedy und zum
Giganten des Pop, arbeitete mit zahllosen Weltstars, war nicht nur
Arrangeur und Produzent, sondern auch Dirigent und Komponist. Zum
Ritter geschlagen, mit dem CBE ausgezeichnet, dem höchsten
britischen Orden, hat sich der smarte Brite seinen Stammplatz in
der Rock'n'Roll Hall of Fame redlich verdient.
|
|
| © 1994 - 2010 Dirk Jasper |
