Interview mit Gérard Depardieu

"Es ist sehr schwer, echtes Glück im Sexualakt zu finden."

Gérard Depardieu spielt die männliche Hauptrolle in dem französischen Beziehungsdrama Nathalie. Frage: Sie sagen, die Geschichte hat Sie sofort gepackt.

Gérard Depardieu: Als ich das Drehbuch gelesen habe, hat mich dieses Ehepaar sehr gerührt. Catherine und Bernard erleben, was einem normalerweise nach 25 Jahren Ehe widerfährt. Boom - die Ehe, die Kinder, alles wird plötzlich in Frage gestellt. Das Verhör durch die Frau ist besonders schön und mutig. Wenn eine Frau Kinder hat, verändert sich ihre Sexualität meist, und das gilt auch für Paare. Ich fand schon immer Frauen interessanter als Männer, in jeder Hinsicht, angefangen mit den Werten, die sie uns geben. Für mich verhält sich der Ehemann zu diesem Zeitpunkt seines Lebens wie ein Dorftrottel.

Frage: Bernard, Ihr Charakter, bezeichnet seine außerehelichen Beziehungen, die harmlosen kleinen Affären, als "banal, sie zählen nicht". Die meisten Männer denken so.

Gérard Depardieu: Das stimmt. Ein Kerl geht zu einer Nutte, er will ein Sexualobjekt - er macht nicht wirklich Liebe. Bernard macht Liebe mit seiner Frau, und er fickt die anderen. Für die Mädchen ist das ihr Beruf.

Frage: Was hat er in Beziehungen gesucht? Er sagt zu seiner Frau "Wenn du wüsstest, was ich durchmache ..."

Gérard Depardieu: Wenn er das Glück finden würde, würde er weggehen. Er hat keine Angst. Er liebt seine Frau.

Frage: Man fühlt die Liebe zwischen ihnen. Es ist eine solide Partnerschaft. Vielleicht ist eines ihrer Probleme, dass sie sich nicht trauen, das zu sagen.

Gérard Depardieu: Das ist das Problem von Paaren generell. Die Momente der Stille wachsen langsam, bis totale Stille herrscht. Dann herrscht das große Rätselraten. Wie versuchst du, jemanden wieder zu verführen, in der Stille? Das ist schwierig. Balzac hat das treffend beschrieben. Aber Balzac hat allein gelebt, mit seiner Kaffeetasse und seinem Tisch. Es ist viel interessanter, sich das auszumalen, als es zu leben.

Frage: In dieser Beziehung hat die Frau die Fantasie.

Gérard Depardieu: Das ist ein weiterer Grund, warum Frauen interessanter sind. Männer sind etwas, wie soll man sagen ...

Frage: Immer auf Action aus?

Gérard Depardieu: Nicht nur das. Es ist sehr schwer, echtes Glück im Sexualakt zu finden. Dieser Film ist wunderbar, weil er diese Fragen und diese Lüge untersucht. In einem bestimmten Alter, mit der Zeit, kommt der Moment, wo die Lüge zur Wahrheit wird.

Frage: Verstehen Sie das Experiment, das Catherine anzettelt?

Gérard Depardieu: Das ist genau das, was Männer und Frauen unterscheidet. Eine Frau kann so etwas machen. Catherine hat ihr eigenes Leben, aber sie fühlt, dass es ihr entgleitet. Sie braucht eine Herausforderung, eine Konfrontation, wenn man die Liebe so bezeichnen kann. Sie muss ihr Verlangen wieder entzünden. Ich denke, es ist richtig, dass sie danach sucht. Das ist exakt die Art von Geheimnis, die den Menschen Schönheit einhaucht.

Frage: Die Schwierigkeit Ihrer Figur liegt darin, seine Doppeldeutigkeit zu zeigen, während er zärtlich und ernst erscheint. Man kann ihn sowohl als hundsgemeinen Womanizer als auch als äußerst ansprechenden Mann sehen.

Gérard Depardieu: Er ist wie jeder von uns. Manchmal finden wir uns wunderbar, und dann sind wir wieder verabscheuungswürdig, zumindest für die, die uns lieben. Wenn du verliebt bist, kannst du das nicht unterbrechen. Das macht die Dinge schwierig, sowohl für die anderen als auch für dich selbst.

Frage: Wie haben Sie sich auf Ihre Rolle vorbereitet?

Gérard Depardieu: Ich arbeite nicht wirklich an einer Rolle. Ich bin ehrlich, total ehrlich, und das ist beunruhigend. Es stört mich, denn ich kann den Leuten nichts vormachen.

Frage: Als Bernard zeigen Sie uns eine andere Seite - Sie geben mehr von sich preis, setzen nur das Wesentliche ein.

Gérard Depardieu: Wenn ich weniger exzessiv und weniger überschwänglich wäre, könnte ich vielleicht mehr von mir enthüllen und das Spiel besser spielen. Das ist eine andere Art von Romanitizismus, den ich mir erhalte.

Frage: Wie schaffen Sie es, ehrlich zu bleiben?

Gérard Depardieu: Das ist kein Spiel, es ist nur das Leben. Wenn du spielst, betrügst du bereits das Leben. Ich kann nur jeden Tag voll ausschöpfen - ich nehme ihn und umarme ihn.

Frage: Also führen Sie die Figur auf sich selbst zurück?

Gérard Depardieu: Unbedingt. Ich habe den Vorteil, dass ich das Leben liebe, aber nicht in mich selbst verliebt bin. Was wirklich wunderbar ist, wie andere dich wahrnehmen, und du im Gegenzug die anderen.

Frage: Es gibt wunderschöne Inkarnationen der Weiblichkeit in dem Film.

Gérard Depardieu: Fanny ist ein Schatz, ich habe eine lebenslange Freundschaft mit ihr. Wir sind zusammen um den Block gezogen. Wir haben eine sehr direkte Beziehung zueinander. Aber Fanny ist keine Schauspielerin, sie ist eine Frau. Eine wunderschöne, großzügige Frau. Emmanuelle hat diese Qualitäten ebenfalls, aber mit anderen Schwerpunkten. Und dann haben wir Anne - superb. Ihr besonderes Talent, Geschichten aus den alltäglichsten Situationen zu erschaffen, ist fantastisch.

Frage: Ohne das Ende des Films zu verraten, stellen Sie sich vor, dass Catherine Bernard später von ihrer Strategie erzählt. Wie würde er reagieren?

Gérard Depardieu: Catherine spielt ein gefährliches Spiel. Wenn du nämlich liebst, erwartest du das ebenfalls vom anderen. Das passiert in dem Film, und das ist wunderbar. Da ist nichts, und zur gleichen Zeit alles. So sind alle Liebesgeschichten, aber jedesmal stellen sie sich anders dar. Wir können verwundet sein, versehrt von einem Missverständnis oder wenn etwas in die Brüche geht. Aber wenn einer diese befreiende Kraft hat, zu verstehen und zuzuhören, was der andere will - das braucht Zeit, aber es ist herrlich. Es ist das Paradies auf Erden.

Gérard Depardieu in 'Nathalie'
Plakat von 'Nathalie'

Dirk Jasper FilmLexikon

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