Interview mit Dr. Gilles Vallet
Dr. Gilles Vallet ist Psychoanalytiker und Berater des Films Mortal Transfer Frage: Was war Ihre Aufgabe im Film?

Dr. Gilles Vallet: Jean-Jacques Beineix brauchte den Rat eines Psychoanalytikers, um sicher zu gehen, dass die Geschichte auch glaubwürdig war und um das psychopathologische Profil der Patienten zu entwickeln. Wir haben besprochen, welche Gestik für Jean-Hugues Anglade wohl angemessen wäre - welchen Ritualen und welchen Aus-drücken man in der Psychoanalyse oft begegnet, und wie Analytiker bestimmte Wörter betonen, um die Patienten zum Reden zu bringen.

Frage: Was halten Sie von Jean-Jacques Beineix' Darstellung eines Psychoanalytikers?

Dr. Gilles Vallet: In diesem Film erfahren wir, dass auch Psychoanalytiker von Selbstzweifeln und Begierden geplagt werden und keine Heiligen sind - auch sie können korrupt und unseres Vertrauens unwürdig sein. In der Psychoanalyse gibt es bestimmte Verhaltensregeln und eine gewisse Ethik. Diese ist die Grundlage des Vertrauensverhältnisses zwischen Analytiker und Patient. Nicht immer wird sich daran gehalten. Das ist eben das menschliche Element. In Mortal Transfer zeigt Jean-Jacques Beineix Psychoanalyse aus einer völlig neuen Perspektive. Er macht sich in dem Film auch Gedanken über die Länge einer Therapie und das Geld, das der Patient dem Analytiker dabei zahlt. Beineix macht auch keinen Hehl daraus, dass die Therapeut/-Patient Beziehung manchmal mehr einer Beichte als echtem Gedankenaustausch ähnelt.

Frage: Im Film schlafen die Analytiker während einer Sitzung ein - passiert so etwas häufig?

Dr. Gilles Vallet: Das passiert schon, natürlich. Aber das ist nie vergeudete Zeit. Der Analytiker muß sich dann fragen, warum er in bestimmten Momenten eingeschlafen ist. Im Fall von Michel Durand kann ich mir vorstellen, dass er eingeschlafen ist, weil ihm das, was Olga ihm erzählte, einfach zu brutal war. Und vielleicht wollte er sie auch im Traum treffen, um sie zu erwürgen!

Frage: Jean-Jacques Beineix ist der Meinung, dass jeder Regisseur ein Psychoanalytiker ist. Was halten Sie davon?

Dr. Gilles Vallet: Im Kino kann man in der Tat seine Gedanken, Fantasien und Träume in Bilder verwandeln. In Mortal Transfer werden verschiedene Konzepte der Psychoanalyse in Bildern verarbeitet, die auf unterschiedlichste Weise interpretiert werden können. Kino und Psychoanalyse entstanden zur selben Zeit und haben dasselbe Ziel: den Menschen zu helfen, ihr Leben mit neuen Augen zu sehen. Gleichzeitig stehen sie beide vor einem ähnlichen Problem: dem ständigen Druck, effizient und profitabel zu sein. Psychoanalyse wird ständig dafür kritisiert, dass eine Therapie mehrere Jahre dauern kann. Filmemacher haben das gleiche Problem - es geht nur noch darum, wieviel ein Film einspielt. Die künstlerische Dimension eines Films fällt dabei oft unter den Tisch ...

Frage: Der Film gibt einem einen Einblick in die Rituale der Psychoanalyse ...

Dr. Gilles Vallet: Je mehr man sich als Psychoanalytiker zurückhält und je lankonischer man ist, desto freier kann ein Patient reden. Manche Analytiker sind etwas gesprächiger, aber der Grundgedanke ist der, den Patienten zu helfen, tief in sich hineinzuschauen. Ein Analytiker kann einem kein Patentrezept fürs Leben geben. Man geht hauptsächlich deshalb zur Analyse, um sich selbst und seine psychologischen Konflikte besser zu verstehen. Jean-Jacques Beineix hat gezeigt, dass man sich während einer Psychoanalyse in eine völlig andere Dimension begibt - sowohl was die Zeit als auch die Kommunikation anbelangt. Das ist eine völlig andere Atmosphäre, als wenn man seine Probleme mit einem Freund bespricht und genau diese einzigartige Stimmung hat Jean-Jacques Beineix eingefangen.

Dirk Jasper FilmLexikon
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