Interview mit Gillian Anderson
Gillian Anderson Gillian Anderson über ihre Rolle in Haus Bellomont Frage: Lily ist eine sehr komplexe Rolle. Mochten Sie sie eigentlich?

Gilian Anderson: Ich liebe ihre Sehnsucht, moralisch gut zu sein, obwohl es ihr nicht gelingt. Sie macht immer noch hässliche Bemerkungen und behandelt viele Menschen falsch. Bei ihrem Versuch, das Richtige zu tun, macht sie einen Fehler nach dem anderen.

Frage: Worin lag für Sie der Reiz, mit Regisseur Terence Davies zu arbeiten?

Gilian Anderson: Bereits bei der ersten Probe wurde deutlich, wieviel Zeit und Energie er in die Drehbuchbearbeitung des Romans gesteckt hatte. Obwohl ich das erste Mal mit ihm arbeitete, erkannte ich sofort, dass ihm der Text in Fleisch und Blut übergegangen war und dass er auf eine ganz bestimmte Weise fühlte, wie die Dialoge zu führen waren, um dem magischen Stil von Edith Wharton zu entsprechen. Mich faszinierte vor allem seine Begeisterung für den Stoff und diese einmalige Erfahrung, dass wir Schauspieler an seiner Vision teilhaben konnten, nur indem wir das Drehbuch lasen. Das war für mich etwas völlig Neues.

Frage: Was haben Sie als die größte Schwierigkeit bei der Verfilmung empfunden?

Gilian Anderson: Das größte Problem war die Brillanz von Edith Whartons Roman. Besonders aus der Perspektive von Lily Bart, denn alles geschieht ja quasi in ihrem Kopf. Ihre ganze Wahrnehmung, wie sie die Welt empfindet, die Persönlichkeiten der Menschen, die sie umgeben, die Etikette, alles ist durch ihr Denken gefiltert, nur nicht notwendigerweise im Dialog. Es war also die Aufgabe von Terence Davies, ohne den Luxus von Worten, diese Gefühle und diese inhaltliche Substanz im Drehbuch sichtbar zu machen. Das ist ihm absolut gelungen. Er visualisiert Poesie durch die Arbeit der Kamera.

Frage: Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?

Gilian Anderson: Ich habe über die Politik, das soziale Klima und die Etikette der Zeit gelesen. Es gibt jede Menge Bücher, die sich damit auseinandersetzen. Und dann habe ich mich natürlich auf den Roman gestürzt. Ich hätte wohl keine bessere Vorbereitung haben können. Denn Edith Wharton schreibt über Lily Bart wie ein Drehbuchautor Notizen zu seinen Personen macht: Lily ist wirklich in jedem Moment sichtbar. Alles, was um sie geschieht, ist wichtig bei der Zeichnung ihrer Persönlichkeit und ihres Charakters.

Frage: Verbinden Sie glückliche Erinnerungen mit den Dreharbeiten in Schottland?

Gilian Anderson: Ich wohnte in einer Pension, einem "Bed and Breakfast", das von den exzentrischsten Menschen geführt wurde, die ich je kennen gelernt habe. Es war ein Ehepaar: Ronni und Mari. Sie besaßen einen Papagei, der Opern sang und einen riesigen, fransigen Hund, der sich immer auf den Rücken legte und die Pfoten weit von sich streckte. Stundenlang lag er wie gekreuzigt am Boden. Dann gab es noch einen kleinen Hund, der von dem Papagei regelrecht terrorisiert wurde. Wenn das Hündchen am Käfig vorbeilief, rief der Vogel: "Gassi gehen? Gassi gehen?" Das machte den Hund völlig fertig.

Frage: Welche Publikumsreaktion auf Haus Bellomont erwarten Sie?

Gilian Anderson: Ich denke, man kann sich mit der ganzen Geschichte identifizieren. Die wirklich substanzielle Erkenntnis bei der Figur von Lily ist, dass wir uns nicht wirklich von unserem Ego und unser Egozentrik lösen können, wie sehr wir auch immer nach der Wahrheit suchen. Egal, welches Wertesystem wir anerkennen und das moralisch Richtige zu tun glauben.

Frage: Was war die größte Herausforderung bei der Rolle?

Gilian Anderson: Die größte Herausforderung war für mich, Scully, eine Rolle, die ich seit sieben Jahren nonstop fürs Fernsehen gespielt habe, aus diesem Film heraus zu halten. Ich hatte immer Angst, wie Scully zu lachen. Oder wie Scully zu weinen. Und natürlich, mit meiner Recherche die Rolle zu bewältigen, gleichzeitig ganz im Moment präsent zu sein und die Arbeit mit meinen wunderbaren Kollegen zu genießen. Das alles, ohne vor Selbstkritik paranoid zu werden, war ganz schön fordernd.

Frage: Sehen Sie Parallelen zwischen der von Geld und Statussymbolen besessenen Welt von Edith Wharton und dem modernen Hollywood?

Gilian Anderson: Der Film handelt vom Überleben in einer Gesellschaft, deren Kodex voll grausamer Fallen steckt. Trotzdem will jeder zu dieser Gesellschaft gehören. Menschen, die versuchen, ihre moralische Integrität zu bewahren, haben schon verloren. All diese Parallelen kann man nicht übersehen. Einen Unterschied sehe ich, was die Stellung der Frauen betrifft. Da gibt es glücklicherweise mehr Möglichkeiten als damals. Heute gibt es zwar immer noch eine lächerliche Diskrepanz zwischen Reichen und Armen. Aber in den meisten Ländern sind Frauen nicht mehr auf Leben und Tod von der gesellschaftlichen Etikette abhängig.

Dirk Jasper FilmLexikon
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