Götz George über Solo für Klarinette
Götz GeorgeFrage: Wie charakterisieren Sie die Figur des Bernie?

Götz George: Ich kann dazu gar nicht viel sagen, da ich die Rolle ja nur subjektiv beschreiben könnte. Es liegt am Zuschauer zu werten, was ich in dieser Figur hineingelegt und wie ich sie interpretiert habe. Bernie Kominka ist ein ganz normaler, einfacher Bürger, der mit dem Schicksal hadert. Dieser Film ist eine Tragödie. Nichts in ihm ist positiv, aber alles in ihm hat eine Notwendigkeit. Das ist sehr wichtig, und das macht ihn so spannend. Denn er zeichnet das Leben so wie es ist - als sehr freudlos, sehr armselig.

Frage: Würden Sie "Solo für Klarinette" als Krimi bezeichnen?

Götz George: Genre-Einordnungen sind stets sehr oberflächlich und zeugen ein erster Linie von Hilflosigkeit. Wirklich gute Filme lassen sich gar nicht auf einen Genrebegriff reduzieren. Dazu sind ihre Geschichten zu wechselhaft, und wie im echten Leben besitzen sie Humor, Spannung, Traurigkeit. Gerade bei dem Film, der die Dimension einer menschlichen Tragödie von Dostojewski besitzt, wäre diese Vereinfachung fahrlässig.

Frage: Sie spielen einmal mehr einen Kommissar. Der Vergleich mit Schimanski liegt da nahe. Wie gehen Sie damit um?

Götz George: Ha, und John Wayne spielt nur Cowboys, Clint Eastwood nur Detektive ...?! Nein, diese Fragen stellen sich nicht. Ich kann alles spielen: einen Schwulen, einen Mörder ... Natürlich wiederholen sich im Laufe einer so langen Karriere manche Charaktere, aber Bulle ist nicht gleich Bulle. Bernie ist in erster Linie ein Mensch, der mit sich selbst, seiner Beziehung und den Umständen zu kämpfen hat, nicht mit dem Kriminalfall. Eine tragische Figur. Und selbst wenn ich demnächst einen Polizisten spielte und es hieß: Schon wieder Schimanski! Schon wieder Bernie! dann sage ich: Na und! Ganz sicher wird die Rolle jedesmal anders ausfallen. Ich bin ja Schauspieler gerade deswegen geworden, um solche Facetten zu bedienen.

Frage: Der Film ist hochkarätig besetzt. Gibt es am Set Schwierigkeiten, wenn so viele Individualisten versammelt sind?

Götz George: Gerade das ist doch das Tolle! Konkurrenz belebt die Fantasie: Wie lotet mein gegenüber seine Figur aus, wie reagiere ich darauf? Schließlich hat man beim Film nicht die musse und die Zeit wie bei Theaterproben, alles muss spontan kommen. Dabei will ein Schauspieler wie ein Kind seinen Spieltrieb ausleben, will erst mal alles ausprobieren. Nico Hofmann ist ein toller Regisseur, der diese Positive Spannung fördert. Nichts ist schlimmer als einer, der wie ein Zirkusdirektor die Schauspieler mit der Peitsche dirigiert. Nico aber läßt zu, dass wir Schauspieler die Szenen erst einmal ausloten und Auflösungen anbieten, wobei er dem Ganzen natürlich so etwas wie eine "Überhandschrift" gibt.

Dies ist der vierte Film, den ich mit Nico drehe. Es ist immer gut, mit Leuten zu arbeiten, die man kennt. Man weiß um die Belastungsgrenze des anderen, stellt dieselben Fragen, muss nicht mehr allzuviele Worte über das verlieren, was letztendlich unterm Strich herauskommen soll. Zwischen uns herrscht einen kreative Spannung. Wir schätzen uns! Das ist wichtig. Denn es gibt auch Regisseure, die mag man zwar, aber man schätzt sie nicht.

Frage: Haben Sie Ambitionen, selbst als Regisseur zu arbeiten?

Götz George: Nico hat versprochen, dass er bei meinem ersten Film als Regie-Assistent arbeitet ... Ich habe einen starken Spieltrieb und löse sehr gerne Situationen und Szenen auf. Aber ich mag nicht die Vor- und Nacharbeit, die ein Regisseur auch zu erledigen hat und die sehr aufwendig und nicht kreativ ist. Ich will immer mitten in die Szenen reinspringen. Ich inszeniere im gewissen Maße ja ohnehin meine Filme mit - nicht aus Rechthaberei, sonder weil ich es kann und weil man mich fragt. Aber sicherlich gibt es in den nächsten ein, zwei Jahren auch ein Projekt, das ich selbst machen will. Schließlich muss man das auch mal ausprobieren. Wenn man schon einen Namen hat, nagt man ja nicht am Hungertuch, wenn es nicht hinhauen sollte. Aber das Buch muss auf jeden Fall sehr gut sein!

Frage: Werden Sie jemals Film-müde?

Götz George: Im Gegenteil! Ich kann mir ein Leben ohne diesen Beruf gar nicht vorstellen. Deswegen spielen viele Schauspieler ja auch, solange sie können, bis sie 85 oder 90 Jahre sind. Je mehr man spielt, desto schlechter kann man aufhören. Dieser Beruf ist lebenserhaltend und lebensverlängernd. Ich jedenfalls werde bis zum Ende spielen.

Dirk Jasper FilmLexikon
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