Interview mit Hanna Schygulla

?Da hat jemand sehr lange an seinem Lebenstraum vorbeigelebt.?

Hanna Schygulla spielt die Rolle der Martha "Mucky" Brenninger in dem deutschen Drama Winterreise von Hans Bierbichler.

Frage: Wie lesen Sie Drehbücher?

Hanna Schygulla: Ich schaue erst, ob ich der Frau, die ich spielen soll, begegnen möchte. Dann achte ich darauf, ob das Drehbuch mich reinzieht, oder ob ich schon nach der Hälfte nachschaue, wie viele Seiten es noch hat. Wenn es mich nicht gleich reinzieht, dann lege ich es zur Seite und schaue, was nach ein paar Tagen oder auch länger, hängen geblieben ist.

Frage: Wie bereiten Sie sich auf eine Rolle vor?

Hanna Schygulla: Meistens gar nicht, außer z. B. bei LILI MARLEEN, da habe ich jede Menge Dokumentationen aus der Nazizeit studiert. Aber ansonsten möchte ich mich einfach auf die Situation und die Mitspieler einlassen, so wie im Leben ja auch.

Frage: Was erwarten Sie von einem Regisseur?

Hanna Schygulla: Dass er einerseits führen kann ? aber dass er mich auch lässt!

Frage: Welcher Eindruck ist nach der Lektüre von WINTERREISE in Erinnerung geblieben?

Hanna Schygulla: Dass da jemand zuerst sehr lange an seinem Lebenstraum vorbei gelebt hat und dann sehr lange Amok läuft.

Frage: Was schätzen Sie an Ihrem Mitspieler Josef Bierbichler?

Hanna Schygulla: Bei ihm ist noch so eine Urkraft spürbar, wie bei dem Panther im Käfig in dem Rilke-Gedicht, ?der sich im kleinsten Kreise dreht, ein Tanz von Kraft um eine Mitte, in der betäubt ein großer Wille steht.?

Frage: Das Lebenskonzept Martha Brenningers, sich für ihren Mann und die Familie aufzuopfern, für ihre Liebe zu ihm, scheint überhaupt nicht Ihrem eigenen Leben zu entsprechen.

Hanna Schygulla: Ich habe zwar nie geheiratet und keine Kinder gekriegt, leider. Aber auch ich hatte lange Phasen des Dienens. Das gehört mit zum Leben. Neulich war ich Trauzeugin, und da wurde ein Satz der Marie von Ebner Eschenbach in den Raum gestellt: ?Nicht nur der, der gestützt wird, kann dankbar sein, sondern auch der, der stützen darf.? Die Liebe ist ja nicht bloß ein Naturereignis, sondern es gehört viel Bemühung dazu, sie am Leben zu erhalten, jeden Tag. Sogar soweit gehen können, auch die Schwächen des anderen zu lieben, ohne in resignierte Gewohnheiten zu verfallen. Dann braucht die Liebe nicht zu enden, sondern es kann auch sein wie das Versickern eines Flusses, der aber hier und dort doch immer wieder zum Vorschein kommt.

Frage: Martha sagt zu Brenninger: ?Du musst gehen!? Sollte nicht sie ihn verlassen?

Hanna Schygulla: Ja, das ist so eine Sache. Freilich, wenn es nach mir gegangen wäre, ja. Aber es ist eben sehr schwer, alles hinter sich zu lassen, wenn man ein Leben in etwas oder jemanden investiert hat. Das kann ich eigentlich mehr aus der Beobachtung anderer Leben sagen, weil ich selbst immer sehr schnell ?ausgezogen? bin. Ich habe nie so am Gewesenen gehangen.

Frage: Mit dem Lied ?Fremd bin ich eingezogen? interpretieren Sie Schubert auf unnachahmliche Weise. Was fasziniert Sie an diesen Liedern und Gedichten?

Hanna Schygulla: Ich glaube, wir haben Schubert alle schon mit der Muttermilch aufgesogen. Schubert hat ja ein kurzes Leben gehabt ? der Tod war schon früh sein Begleiter. Die ?Winterreise? ? die Lieder, wie der Film ? ist geprägt von der Ahnung unseres Endes, unserer Endlichkeit aber auch der Sehnsucht nach Aufbruch und Neubeginn.

Frage: Wie wird sich Marthas Leben nach Brenninger gestalten?

Hanna Schygulla: Die kann wieder gut laufen ? wird merken, dass sie ihre Krücke gar nicht braucht und sie irgendwann wegschmeißen. Wie in einem Gedicht von Brecht, in der ein Arzt zum Kranken sagt: ?Es sind die Krücken, die dich lähmen. Lass sie fallen, falle hin, kriech auf allen Vieren ? steh auf und geh!?

Frage: Von den vielen Rollen, die Sie spielten ? was bleibt für Sie persönlich?

Hanna Schygulla: Dass die wichtigste Rolle das Leben selbst spielt.

Hanna Schygulla
Filmplakat

Dirk Jasper FilmLexikon

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