Interview mit Hannelore Elsner

"Die Rollen finden mich. Sie kommen zu mir. Ich suche keine Rollen."

Hannelore Elsner ist die weibliche Hauptdarsstellerin in der deutschen Komödie Alles auf Zucker!. Frage: Was hat Sie am Drehbuch von Alles auf Zucker! inspiriert?

Hannelore Elsner: Ich wollte schon immer einmal mit Dani Levy zusammen arbeiten. Ich habe also das Drehbuch von Alles auf Zucker! bekommen und gelesen und es hat mir auf Anhieb ausgesprochen gut gefallen. Ich habe so gelacht bei beim Lesen, es war wunderbar! Das einzige, was ich nach der Lektüre bedauert habe, war, dass ich kein Mann bin und nicht Jaeckies Rolle spielen kann!

Frage: Die Rolle von Marlene mag zwar etwas reduzierter angelegt sein, charakterlich aber ist sie Jaeckie ebenbürtig. Dennoch unterscheidet sich die Figur der Marlene von den Charakteren, für die Sie sonst besetzt werden ...

Hannelore Elsner: Wenn ich eine neue Rolle spiele, will ich etwas machen, das mich inspiriert. Ich werde immer häufiger gefragt, ob ich mir bewusst andere Charaktere aussuche. Darauf antworte ich immer: Die Rollen finden mich. Sie kommen zu mir. Ich suche keine Rollen. Und so ist auch dieses Drehbuch und die Figur der Marlene zu mir gekommen.

Ich finde es unglaublich fantasievoll von Dani Levy, dass er bei dieser Rolle an mich gedacht hat. Natürlich war es eine Herausforderung für mich, Marlene zu spielen, eine Blondine, die berlinert. Das habe ich noch nie gemacht. Aber eine Kollegin hat mir gezeigt, wie man berlinert. Und ich hab? das in Lautschrift in mein Buch geschrieben: ?Haste?, ?weeste?, ?kannste? und ?vastehste?. Das habe ich dann wie eine Fremdsprache gelernt.

Frage: Als Familienkomödie trifft Alles auf Zucker! bei vielen Konflikten genau ins Schwarze. Was verkörpert Marlene für Sie?

Hannelore Elsner: Eigentlich sind Marlene und Jaeckie das ideale Ehepaar, ein Traumpaar. Ich denke, dass die beiden immer wieder so einen Knatsch haben wie am Anfang des Films. Dass Marlene des öfteren sagt: ?Jetzt reicht es mir! Hau endlich ab!? Trotzdem kommen sie immer wieder zusammen, weil sie sich so nah sind und sie eine große Liebe verbindet.

Aber: Marlene ist natürlich Jaeckies Frau. Und sie ist genau so schlau und gewitzt wie er. Das ist ja das Liebenswerte an beiden: Sie wollen nie jemanden betrügen, aber irgendwie schwindeln sie immer. Und Marlenes Engagement für den jüdischen Glauben hat weniger mit der Religion zu tun als vielmehr mit dem Willen, die Familie wieder zusammenzubringen.

Natürlich geht es dabei immer auch um das Erbe, aber nicht ausschließlich! Jeder unterstellt ja jedem, alles nur wegen des Erbes zu tun. Trotzdem hat sich der Zweck erfüllt, weil die Familie wieder zusammenkommt. Und das finde ich einfach hinreißend.

Frage: Alles auf Zucker! begegnet dem Jüdischen recht unverblümt, bisweilen sogar frech. Für eine deutsche Produktion ist das noch immer relativ ungewöhnlich ...

Hannelore Elsner: Ich weiß gar nicht, was an einer jüdischen Komödie so ?neu? sein soll. Woody Allen hat schon immer solche Geschichten gemacht. Viele jüdische Geschichten haben diesen speziellen Humor, den typisch jüdischen Witz. Der findet sich auch bei Alles auf Zucker!. Unglaublich, was in diesem Drehbuch alles steckt. Und trotzdem kommt es so leicht daher, so normal ? einfach toll, wie Dani Levy das geschrieben hat!

Die Annäherung an das Jüdische habe ich ja im Prinzip genauso erlebt wie meine Figur Marlene. Staunend habe ich mir die ganzen Regeln angeguckt, was es alles gibt, was man alles beachten muss. Und dachte mir schon manchmal, wie schwierig es sein muss, die Kühlschränke zu trennen, das Milchige vom Fleischigen und so weiter ...

Frage: Angesichts der zunehmenden Feindlichkeit in Deutschland gegen Ausländer und Minderheiten ? hat das jüdische Element in Alles auf Zucker! Sie zusätzlich motiviert?

Hannelore Elsner: Nein, diesen Auftrag erfülle ich woanders. Zum Beispiel bin ich in Frankfurt für das Fritz-Bauer-Institut gegen das Vergessen des Holocausts tätig und halte in diesem Rahmen viele Lesungen. Eben hatte ich eine Lesung von Anna Seghers ?Das siebte Kreuz? im Jüdischen Museum.

Frage: Und wie war die Arbeit während des Drehs?

Hannelore Elsner: Wir alle sind angesteckt worden von diesem bittersüßen Witz des Drehbuchs und hatten großen Spaß während der Dreharbeiten. Wir waren einfach glücklich. Es war zum großen Teil Dani Levy zu verdanken, dass diese heitere, verschmitzte Stimmung am Drehort herrschte.

Alles auf Zucker! ist eines der Projekte, die ich als Glücksfall empfinde. Wie überhaupt die Zusammenarbeit mit allen X-Filmern und Manuela Stehr. Oder die Zusammenarbeit mit Oskar Roehler, Oliver Hirschbiegel, Rudolf Thome. Das sind meine ?Verbündeten?.

In dieser Welt fühle ich mich einfach zu Hause. Vorhin erwähnte ich, dass die Rollen mich finden. Das gilt auch für Filme. Filme wie Alles auf Zucker! müssen sich einfach durchsetzen ? und jetzt kommt Alles auf Zucker! sogar ins Kino, wenn das keine Auszeichnung ist!

Hannelore Elsner

Dirk Jasper FilmLexikon

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