Interview mit Hans-Peter Schnitzler
Hans-Peter Schnitzler Hans-Peter Schnitzler, 56, ist Südosteuropa-Korrespondent bei SAT.1 Seit 1985 ist Hans-Peter Schnitzler Südosteuropa-Korrespondent für SAT.1, sein Schwerpunkt ist seit 1991 das Krisen-Gebiet des ehemaligen Jugoslawien. Ab Anfang 1999 wird Hans-Peter Schnitzler Leiter des neuen SAT.1-Südosteuropa-Büros in Wien.

Frage: Ihr erstes Highlight im journalistischen Leben?

Hans-Peter Schnitzler: Als ich 1971, kurz nach Ende meines Volontariates, vom Südwestfunk den Auftrag bekam, den österreichischen Bundeskanzler Bruno Kreisky zu interviewen.

Frage: Ihr größtes Highlight als Journalist?

Hans-Peter Schnitzler: Wir waren 1994 in Pale als einzige live dabei, als Karadzic zusammen mit dem russischen Unterhändler Tscurkin verkündete, dass der Krieg in Bosnien und damit Sarajewo beendet sei. Es war purer Zufall. dass sich der Krieg dann noch über ein Jahr hinzog, ist eine andere Sache. Aber es war wohl der politische Wendepunkt.

Frage: Was reizt Sie an der Arbeit als Auslandskorrespondent?

Hans-Peter Schnitzler: Nach acht Jahren im ehemaligen Jugoslawien würde ich sagen: Durch die Arbeit fremde Menschen und Fremde Länder kennenzulernen. Ein Gefühl für die Menschen zu bekommen, wie sie wirklich leben. Das ist etwas ganz anderes, als in in einem fremden Land Urlaub zu machen.

Frage: Ihre gefährlichste Recherche als Auslandskorresponden?

Hans-Peter Schnitzler: Vielleicht Tusla 1993, als wir dort eingeschlossen waren und erst dank eines britischen Konvois aus der Stadt herauskamen. Bedingung war: Wir mussten unser rotes Auto weiß anmalen, damit wir hinter den anderen weißen UNPROFOR-Fahrzeugen nicht auffielen. Während der Fahrt wurde es sehr still im Auto, denn wir kamen an zahlreichen serbischen Panzern vorbei, deren Kanonen recht bedrohlich auf uns gerichtet waren. An den Angstschweiß im Nacken kann ich mich noch gut erinnern. Sicherlich genauso gefährlich war es, als wir 1994 im Majevica-Gebirge in einer serbischen Stellung in den Beschuß moslemischer Artillerie gerieten. Eine Granate schlug nur wenige Meter von uns entfernt ein. Wir überlebten nur, weil der Waldboden so durchnäßt war, dass die Granate tief im Boden explodierte. Es war mein zweiter Geburtstag. In der Region des ehemaligen Jugoslawien zu arbeiten, bedeutet zur Zeit, immer wieder in bestimmten Situationen von der Angst begleitet zu werden. Denn es gibt kritische Augenblicke, in denen das Risiko nicht mehr kalkulierbar ist. Aber man kann mit der Angst fertig werden, wenn man sie in Vorsicht ummünzt. Nicht ohne Grund sind wir immer mit Kugelwesten und Helmen unterwegs, manche Kollegen auch nur im gepanzerten Auto.

Frage: Der größte Unterschied zwischen dem Land, in dem Sie Arbeiten, und der Bundesrepublik?

Hans-Peter Schnitzler: Wenn man die Grenze zu Serbien überschreitet, dann betritt man einen Polizeistaat. Jeder, der eine Uniform anhat, kann Herrschaft über dich ausüben. Und wenn es das ist, für unerlaubtes Parken 10 000 DM zu verlangen oder unsinnigeste Anweisungen zu geben. Hier muss man im Prinzip ständig seine Unschuld beweisen. Das geht nur mit einer gewissen Gelassenheit.

Frage: Sie arbeiten seit vielen Jahren in Südosteuropa, welches deutsche Element fehlt ihnen?

Hans-Peter Schnitzler: Es ist schon so: deutsches Bier und echtes Schwarzbrot. Als ich nach mehreren Wochen im Kriegsgebiet einmal nach Ljubljana kam und dort das Schild sah 'Villach 60 km', bin ich schnell über die Grenze gefahren, ins nächste österreichische Gasthaus gegangen und habe mir ein Schnitzel und ein Bier bestellt. Wunderbar: Man hat mich verstanden, mir das Essen gebracht, was ich bestellt hatte, und schmecken tat es auch. Ein weiterer Unterschied: Die Menschen handeln und reagieren in Südosteuropa einfach völlig anders, als wir Westeuropäer es erwarten.

Frage: Was gefällt Ihnen an dem Land, in dem Sie Arbeiten, am meisten, was am wenigsten?

Hans-Peter Schnitzler: Viele Landstriche, z.B. Montenegro, sind wunderschön und sehr ursprünglich. Und die ungeheure Gastfreundschaft vor allem der einfachen Menschen, wenn sie Vertrauen zu einem gefaßt haben, ist beeindruckend. Schlimm aber ist die Intoleranz in diesem Landstrich - und der Hang der Serben zum Depressiven. Sie weiden sich geradezu an dem Gefühl, von Feinden umgeben zu sein. Meine persönliche Meinung: Die Menschen im ehemaligen Jugoslawien sind - zur Zeit - nicht friedensfähig.

Frage: Welches persönliche Fazit ziehen Sie aus all den Jahren im Ausland?

Hans-Peter Schnitzler: Arbeiten und Reisen im Ausland ist tödlich für Vorurteile.

Frage: Was machen Sie, wenn Sie Heimweh nach Deutschland haben?

Hans-Peter Schnitzler: Heimweh habe ich eigentlich nicht. Aber es ist schon schwierig, wenn die Familie in Deutschland lebt. Da bleiben für Monate manchmal nur Telefongespräche.

Frage: Wo feiern Sie in diesem Jahr Weihnachten?

Hans-Peter Schnitzler: Ich hoffe, ich kann nach Hause. Während des Bosnien-Krieges 1993/94 habe ich zwei Weihnachten in Sarajewo verbracht. Dann aber im Fernsehgebäude zu sitzen ohne Wasser, ohne Strom, ohne Heizung, während es rundum schepperte und krachte, das waren schon prägende Erfahrungen.

Dirk Jasper FilmLexikon
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