Interview mit Hayo Freitag
Hayo Freitag "Animation bedeutet Beseelung" - Hayo Freitag über Käpt'n Blaubär Frage: Wie sind Sie zu Käpt'n Blaubär gekommen?

Hayo Freitag: Ich habe damals noch an zwei Projekten gearbeitet: Ich habe meine Serie "Pigs Next Door" vorbereitet, die jetzt in Amerika für Fox Family produziert wird, und ich habe noch einen Werbefilm fürs Kino gemacht. Diese beiden Dinge hatte ich am Hut, als Mitte September '98 die Anfrage kam: Hast du nicht Lust, die Regie von Käpt'n Blaubär zu übernehmen? Natürlich hatte ich Lust, und trotz meiner Arbeitsauslastung habe ich nach einer kurzen Bedenkzeit zugesagt. Auch, weil ich Walter Moers schätze, und zwar über alle Maßen. Käpt'n Blaubär ist mein erster langer Kinofilm - vorher hatte ich weder Lust noch Mut, einen Spielfilm zu machen, aber Käpt'n Blaubär hat mich sehr gereizt. Und so bin ich auch ein bißchen über meinen eigenen Schatten gesprungen. Ich musste mich wirklich häuten, um zu diesem "Ja" zu kommen. Jetzt bin ich unglaublich froh darüber. Es war eine sehr beglückende Zeit, und die Produktion hat von Anfang bis Ende einfach Spaß gemacht.

Frage: Wie sind Sie an Ihren ersten Spielfilm herangegangen?

Hayo Freitag: Als erste Amtshandlung habe ich die ursprüngliche, sehr lange und komplexe Drehbuchfassung von Walter Moers ziemlich radikal überarbeitet. Nach dem ersten Schock über meine massiven Kürzungen hat Walter dann seinerseits das Buch an anderen Stellen überarbeitet. Mein "Gewaltakt" war also im Prinzip die Initialzündung für ein verfilmbares, in cineastischer Hinsicht machbares Skript.

Frage: Wie eng haben Sie mit Walter Moers zusammengearbeitet?

Hayo Freitag: So eng, dass ich die Zusammenarbeit gern noch enger gehabt hätte. Käpt'n Blaubär ist ein echter Walter Moers-Film, der sehr werkgetreu den Geist des Autors auf die Leinwand bringt. Walter dagegen behauptet steif und fest, es sei ein Hayo Freitag-Film; ich deute das als nettes Kompliment für meine Arbeit. Aber ich weiß - und ich werde es auch beweisen - dass Käpt'n Blaubär ein Walter Moers-Film ist!

Frage: War der visuelle Stil von Käpt'n Blaubär - die Verbindung von Realismus, Theaterhaftigkeit und Walter Moers' Minimalismus - Ihre Vision?

Hayo Freitag: Das ist in der Tat meine Vision gewesen. Darum brauchte ich nach dem Angebot für Käpt'n Blaubärauch etwas Bedenkzeit um darauf zu kommen, dass es nur so und nicht anders geht. Der zeichnerische Minimalismus, das Markenzeichen von Walter Moers, füllt nun mal nicht die Leinwand, und ich glaube, wir haben eine prachtvolle, opulente Form gefunden, um diesen Minimalismus - sozusagen über Bande - nun doch rüberzubringen. Viele unserer Bilder sind klappsymmetrisch, alles ist "gebaut", sehr artifiziell, und dennoch bedeuten die Bilder mehr Leben als so mancher naturalistisch gemeinte Film.

Frage: Was macht in Ihren Augen die Faszination von Käpt'n Blaubär aus?

Hayo Freitag: Ich lese gern, und eines meiner Lieblingsbücher ist seit meiner Kindheit "Alice im Wunderland", weil es auch ein Buch für Erwachsene ist - was man freilich erst als Erwachsener merkt. Gute Bücher verändern sich mit dem Leser und funktionieren sowohl als Kinder- wie auch als Erwachsenenbücher. Diese Qualität, diese Kunst hat auch Käpt'n Blaubär von Walter Moers. Darum habe ich den Film hemmungslos so inszeniert, wie ich ihn gerne sehen möchte. Und dabei habe ich entdeckt, dass verdammt viel Kind in mir und den anderen Beteiligten steckt.

Frage: Von "Der rote Korsar" bis "Das Schreckenskabinett des Dr. Phibes" sind in Käpt'n Blaubär etliche filmhistorische Anspielungen zu finden ...

Hayo Freitag: Ja, da haben sich zwei Überzeugungstäter gefunden, nämlich Walter Moers und ich. Wir sind beide große Fans von parodistischen Anspielungen und vom spielerischen Umgang mit dem "Kulturgut der Väter". Ich habe großen Respekt vor dem, was unsere Altvorderen gemacht haben. Gleichzeitig nehme ich das gern als Geschenk an und spiele auch damit. Gerade das Genre des Piratenfilms haben wir natürlich genußvoll abgegrast. Aber wir zitieren nicht nur Filme, sondern auch Theater. Zum Beispiel haben wir den berühmten "Hamlet"-Monolog in erkennbarer Form untergebracht.

Frage: Sie haben Ihre berufliche Laufbahn als Zeichner begonnen. Vermissen Sie jetzt beim Regieführen den eigentlichen Prozeß des Zeichnens?

Hayo Freitag: Überhaupt nicht. Denn da bin ich auch noch beteiligt. Es ist während der Produktion oft passiert, dass ich mich nach zwölf Stunden Arbeit nochmal zwei Stunden an den Zeichentisch gesetzt und eine kleine Animation neu gestaltet habe, die mir in der vorliegenden Form nicht so gut gefiel. So habe ich meine innere Ruhe wiedergefunden, bin wieder etwas friedlicher geworden.

Frage: Strebt der Zeichner und Regisseur Hayo Freitag nach Perfektion?

Hayo Freitag: Das kann nicht mein Bestreben sein. Ich glaube, dass man sich damit kaputt macht und sich selbst Ketten anlegt, die man nicht wieder los wird. Das was zählt, sind die kreativen Köpfe, die eine Geschichte zum Blühen bringen, zum Leben erwecken und ihr die Seele einhauchen. Schließlich bedeutet Animation "Beseelung".

Dirk Jasper FilmLexikon
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