Interview mit Heino Ferch
"Was für ein Mensch, der diese Wucht in sich hat"
Heino Ferch Im Westberlin der frühen 60er Jahre entschließt sich eine mutige Gruppe von Studenten zu einem Atem beraubenden Unterfangen: Sie wollen den Eisernen Vorhang unterwandern - und das im wahrsten Sinne. Dieser Sat.1-Zweiteiler lässt keinen kalt. Die Besetzung ist bis in die kleinste Rolle herausragend besetzt - an der Spitze: Heino Ferch! Frage: "Der Tunnel" ist eine historische Geschichte. Was ist da Aktuelle daran?

Heino Ferch: Das aktuelle ist der Thriller. Dass es Menschen gibt, die ihr Leben aufs Spiel setzen, um andere aus einem Krisenherd rauszuholen. Solche Geschichten, solche Menschen gibt es überall auf der Welt. Ständig kann ihnen etwas passieren, sie können entdeckt werden, sie können verschütt gehen oder mit einer Kugel rausgetragen werden.

Frage: Sie wohnen in Berlin. Spüren Sie noch die Relikte aus der Mauerzeit?

Heino Ferch: Ich bin seit zwölf Jahren in Berlin, kenne es mit und ohne Mauer, genauso wie die direkte Zeit des Mauerfalls. Ich finde, es gibt noch eine ganze Menge Anhaltspunkte. Man wird immer noch ständig mit der Teilung konfrontiert, auch wenn das langsam nachlässt.

Frage: Sehen Sie durch die Dreharbeiten die Arbeit und die Leistung der damaligen Fluchthelfer mit neuen Augen?

Heino Ferch: Ich kann mir immer noch nicht vorstellen, wie man so was machen kann. Die Energie und den Mut aufzubringen, so was zu planen, ist unglaublich.

Frage: Was macht das Besondere des Drehs für Sie als Schauspieler aus?

Heino Ferch: Für uns alle bedeutet der Dreh auch eine große physische Herausforderung. Die Gruppe der Tunnelbauer arbeitet unter klaustrophobischen Bedingungen, die Roland Suso Richter im Film ähnlich wie "Das Boot" beschreibt. Ständig droht die Gefahr von außen, ums Leben zu kommen. Es besteht die Möglichkeit, dass sie in dem Moment, in dem sie oben durchstoßen, in zwei Gewehrläufe blicken und man ihnen entgegen ruft: "Auf Sie haben wir gewartet." Solche Momente sind als Schauspieler höchst interessant.

Frage: Wie bereiten Sie sich darauf vor, Hasso Herschel, eine reale, noch lebende Person zu spielen? Haben Sie dabei, im Gegensatz zu fiktiven Charakteren, Angst, die Person zu beschädigen oder ihr nicht gerecht zu werden?

Heino Ferch: Ich kann ihm nur in die Augen sehen und danach schauen, was ist das für eine Energie, die da rausguckt? Was ist das für ein Mensch, der diese Wucht in sich hat? Er hat die ganze Truppe immer noch weiter voran getrieben, wenn sie schon fertig waren, wollte immer noch weiter arbeiten. Gerade was seine Zeit in Bautzen betrifft - er war ja viereinhalb Jahre im Gefängnis - hält er sich aber sehr bedeckt. Da muss ich meiner Fantasie freien Lauf lassen und muss mir vorstellen, wie das ist, wenn man so lange Zeit im schlimmsten Männergefängnis der DDR sitzt. Er war ein prominenter Schwimmer und ist mehr oder weniger zufällig beim Aufstand am 17. Juni 1953 verhaftet worden, eben weil er eine bekannt Persönlichkeit war. Interessant ist, wie ihm seine Schwester in dieser Zeit psychologisch den Rücken gestärkt hat. Die beiden haben eine außergewöhnlich enge Verbindung, und das spürt man auch.

Frage: Orientiert sich die Adaption dieser wahren Geschichte dramaturgisch stark an den Erfordernissen eines TV-Movies?

Heino Ferch: In der Figurenfindung nicht. Die Liebesgeschichte zwischen Nicolette und mir ist eine erfundene. Dere dramatische Showdown, in dem sich Harry als Vopo tarnen muss, ist ebenfalls frei erfunden und pures Kintopp.

Frage: Wo waren Sie beim Mauerfall?

Heino Ferch: Auf der Autobahn zwischen Bremen und Hannover. Ich hab's im Radio gehört, alle haben auf der Autobahn angehalten und gehupt. Wir sind sofort auf die nächste Raststätte gefahren und haben es uns im Fernsehen angesehen. Wir konnten das gar nicht glauben. Am nächsten Tag in Berlin haben wir uns dieses riesige Tohuwabohu angesehen.

Dirk Jasper FilmLexikon
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