Interview mit Heino Ferch

Schlagzeile / wichtiger Satz

Einleitung Gleich die unvermeidliche Frage: Wie haben Sie sich im Körper eines Hermaphroditen gefühlt, oder: Wie war es, Titten zu haben? Das war eine ganz besondere Erfahrung. Es war sehr anstrengend. Ich hab in der Zeit eine Menge gelernt über die Fixierung der Menschheit auf ein gewisses Körperteil. Nicht nur die Männer befassen sich mit der Oberweite, die Blicke der Frauen waren genauso fasziniert. Anfangs bin ich überall angestoßen mit meinem Vorbau, weil ich mich erst daran gewöhnen musste. Aber meine zwei Prachtexemplare waren so gut gemacht, dass sie dann irgendwie zu mir gehörten. Natürlich gaben sie Anlass für viele Geschichten und Gelächter. Aber sechs bis sieben Stunden täglich in der Maske, das war auch eine Tortur. Die Rolle strahlt eine gewisse Traurigkeit aus ... Hermes ist ein tief trauriger Gott, der seit Jahrtausenden in der Unterwelt lebt, der Mann und Frau zugleich ist und dessen größte Sehnsucht ist, die ewige Liebe zu finden. Deshalb holt er sich Mimi, weil es für ihn nichts Wundervolleres gibt als jemand, der sich aus Liebe umgebracht hat, und versucht, bis zur Lächerlichkeit, ihn für sich zu gewinnen. Zuerst tut er das charmant, mit menschlichen Mitteln, setzt seine üppige Weiblichkeit ein, aber er verfügt auch über die entsprechende Männlichkeit zur sexuellen Erfüllung. Das überfordert natürlich jeden. Er kann alles bieten, sich in jede(n) verwandeln, aber nichts erzwingen. Das muss er erfahren, deshalb ist er eine zutiefst traurige, aber auch lächerliche Figur. Wovon handelt der Film? Das sagt am besten der Titel! Davon, dass Liebe ein zerbrechliches Glück ist, auf das aufgepasst werden muss. Dass Liebe sich verändert, wie Menschen sich verändern, wie Menschen in einer Beziehung sich verändern. Dass Liebe ihre Zeit braucht. Dass Liebe auch wieder geht und dass man sie, wenn sie geht, nicht halten kann. Eine Essenz der Geschichte mit Hermes ist, dass Liebe, die zum falschen Zeitpunkt kommt, etwa während man mit dem Schmerz einer Trennung befasst ist, nicht angenommen werden kann. Wie war es, eine Rolle zu spielen, in der Sie auf Anhieb niemand erkennt, in doppelter Verkleidung quasi? Das war die Herausforderung schlechthin. So eine Rolle bekommt man einmal im Leben, es gibt sie in der Oper oder auf dem Theater, aber ganz selten im Film. Für mich lag ein großer Reiz darin, etwas zu spielen, mit dem mich niemand in Verbindung bringt. Wie haben Sie sich die Rolle erarbeitet? Ich habe mich mit Mythologie beschäftigt, auch mit der Oper Orpheus und Eurydike. Es war ein schwieriger, langwieriger Prozess, mit mir als Person diese Doppelgeschlechtlichkeit herzustellen, mit meinem Körper, meinem Gesicht eine glaubhafte Möglichkeit zu entwickeln, die mit Kostüm und Maske nicht in die Travestie abrutscht. Die Figur musste rührend und lächerlich zugleich sein, daran haben wir zwei bis drei Monate gearbeitet. Hat das Ihr privates Suchen und Finden beeinflusst? Nicht wirklich. Die Situation, gleichzeitig Mann und Frau zu sein, werden wir nie kennen lernen, die Unsterblichkeit werden wir nie kennen lernen, weil es sie nicht gibt. Auch die Situation nach dem Tod werden wir nicht kennen lernen. Hermes ist eine mythische Figur, die in unserer Fantasie lebt. Aber das, was sie durchmacht, haben wir irgendwann auch schon erfahren. Haben Sie eine andere Sichtweise auf Moritz Bleibtreu, ihr Objekt der Begierde, erlangt? Nein, mit Moritz habe ich keine andere Ebene betreten, das blieb strikt professionell! Gibt es etwas Zeitgemäßes an Hermes? Er steht für eine Position im Film, genau wie jedes Liebespaar für eine Position von Liebe steht, Harald Schmidt eine Position von miteinander leben und lieben vertritt: er steht für eine glückliche Liebe, die sich arrangiert hat, anders als die von Helena und Theo. Hermes steht für jemanden, der die Liebe, die er sich vorstellt, nicht finden kann, weil er sie sich nimmt. Er wird sie nicht bekommen, weil er sie erzwingen möchte. Das ist doch sehr zeitgemäß ...
Heino Ferch

Dirk Jasper FilmLexikon

© Fotos: Constantin Film © 1994 - 2010 Dirk Jasper