Heinrich George ?
* 9. Oktober 1893 in Stettin, Deutschland • ? 26. September 1946 im KZ Sachsenhausen, Deutschland • Schauspieler • Biographie • Filmografie •
Heinrich George Biographie Über zwei Jahrzehnte lang war er einer der größten deutschen Schauspieler, für viele gar der größte: Heinrich George. Er arbeitete mit den Galionsfiguren des linken Theaters zusammen, mit Bert Brecht und Erwin Piscator. Die enge Verbindung von Kunst und proletarischer Gesinnung war für ihn selbstverständlich.

Als Götz von Berlichingen, als Richter von Zalamea oder als Kurfürst im Prinz von Homburg war er ein Riese der Bühnenkunst, als Franz Biberkopf oder als Postmeister auch im Film. Dann ließ er sich ein Theater von Adolf Hitler bauen und spielte für die Propagandamaschinerie des Joseph Goebbels - Heinrich George, ein deutsches Künstlerleben.

Der Postmeister ist einer der berühmtesten Filme des großen deutschen Schauspielers Heinrich George. Jürgen Fehling schrieb über Georges Darstellung des getäuschten, liebenden Vaters: "Ich habe ihn geliebt wie keinen anderen Schauspieler deutscher Zunge. Er war ein elementarer Schauspieler (...) der heisere Rabe konnte wie ein Troubadur zur Laute bestrickend singen, und im Postmeister tanzte er wie ein (...) mozärtlicher Elephant (...) ein Granitblock, dem diamantene Tränen entfallen (...) mit einem Ausmaß an Phantasie, das Gott in hundert Jahren nur ein paarmal an Schauspieler verschenkt."

Der Postmeister ist nicht nur einer der berühmtesten Filme Heinrich Georges, sondern auch eines der besten Beispiele für Filmpropaganda während des Dritten Reiches, auch wenn der Filminhalt scheinbar ganz unpolitischer Natur war. Denn nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 verschwand "Der Postmeister" schnell aus den deutschen Lichtspielhäusern, weil er vom nunmehrigen Feind ein zu menschliches und freundliches Bild zeichnete. In der Zeit vor dem "Unternehmen Barbarossa", der Zeit des Nichtangriffspakts zwischen Hitler und Stalin, war es genau umgekehrt. Das Bild vom freundlichen Russen diente indirekt der Bekräftigung hochpolitischer Entscheidungen vor dem Volk.

Heinrich George nahm Schauspielunterricht in Stettin und spielte ab 1912 auf den Bühnen seiner Heimatstadt. Im Ersten Weltkrieg wurde er verwundet. Nach Kriegsende erhielt er Bühnen-Engagements in Dresden, Frankfurt/Main und Darmstadt, ab 1922 dann in der Hauptstadt Berlin. Dort war er zusammen mit Elisabeth Bergner und Alexander Granach Initiator des Schauspielertheaters. Er wurde ein renommierter Theaterdarsteller in modernen Stücken und als Wallenstein, Falstaff, Faust und Götz von Berlichingen. Ab 1921 spielte er kleinere Rollen in Stummfilmen, ab 1927 führte er auch Regie am Theater.

Heinrich George heiratete die Schauspielerin Berta Drews, die häufig mit ihm auf der Bühne stand. Sohn Götz George kam 1938 zur Welt, sein Bruder Jan wurde später ebenfalls Schauspieler.

In den 20er Jahren war Heinrich George aktiver Kommunist, wandelte sich jedoch mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten zum bereitwilligen Unterstützer der neuen Ideologie. Er spielte Hauptrollen in notorischen Propagandafilmen wie Hitlerjunge Quex, Jud Süß und Kolberg. Schließlich wurde er als "Staatsschauspieler" ausgezeichnet und bekam die Intendanz des Berliner Schillertheaters übertragen.

Durch beeindruckende Leistungen in Literatur- und Theaterverfilmungen, wie Der Postmeister und Der Biberpelz etablierte sich Heinrich George in den 30er Jahren als führende Persönlichkeit des deutschen Films.

"Er war ein so besessener Schauspieler, dass er ohne Theater nicht hätte leben können", urteilt Will Quadflieg über seinen ehemaligen Kollegen und Intendanten Heinrich George. Mehr als 50 Jahre nach dessen Tod am 28. Juni 1946 im NKDW-Lager Sachsenhausen plädieren mit Quadflieg, Gisela Uhlen und vielen anderen nicht zuletzt auch Georges Söhne Götz George und Jan George für ein Ende der Verurteilung Heinrich Georges als Nazi und Staatskünstler des Dritten Reiches.

Tatsächlich war George nie Mitglied irgendeiner Parteiorganisation der NSDAP, tatsächlich hat seine Moskauer Akte kein belastendes Material hervorgebracht. Beifall und Begünstigung der braunen Elite hat er freilich gern genossen, hat ihr formell gehuldigt und in den meisten "großen" Propagandafilmen wichtige Rollen gespielt.

Er, der einst mit Piscator linkes Agitationstheater machte, stieg in der rechten Diktatur zum Intendanten des Schillertheaters und (nach Gründgens) zum Generalintendanten der Berliner Bühnen auf. Aber er bezahlte auch bitterer als andere, die der Macht nicht ferner standen als er. Er hatte seine Hand schützend über Bedrohte gehalten; ihn konnte niemand vor Not und tödlicher Krankheit in der Haft der Russen schützen.

Heinrich George hatte Pech. Die Russen verhafteten ihn nach Kriegsende und ließen ihn im KZ Sachsenhausen, das ihnen nach dem Sieg über die Nazis in die Hände gefallen war, an einer Blinddarm-Entzündung sterben. Er war der einzige unter Deutschlands bedeutenden Künstlern, der ein solches Ende fand. Zurück blieb das häßliche Bild eines Mitläufers.

Ihm bot sich nicht wie seinen Kollegen die Chance, durch neue Arbeiten das einstige Bild verblassen zu lassen und Korrekturen einzufordern. Vor über 100 Jahren wurde er geboren, vor über 50 Jahren starb er. Überlebt hat er in den Erinnerungen, in den Filmen - und in seinem berühmten Sohn Götz George.

Und lebendig geblieben ist die Frage nach dem Standort des Künstlers im totalitären System, nach dem Verhältnis zwischen Künstler und Diktator. Eine endgültige Antwort wird es nicht geben. Aber darüber nachzudenken sollte möglich sein.


Filmografie
Dirk Jasper FilmLexikon
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