Interview mit Helge Schneider

?Komödie ist das einzige Ausdrucksmittel, mit dem man so eine Geschichte vorführen kann.?

Helge Schneider spielt die Hauptrolle des Adolf Hitler in der deutschen Komödie Mein Führer. Es ist seine erste Charakterrolle.

Frage: Wie haben Sie reagiert, als man Ihnen angeboten hat, Adolf Hitler zu spielen?

Helge Schneider: In meinen Augen ist es reizvoller, einen bösen Menschen zu spielen. Ein Mörder gibt immer mehr her als ein Prokurist, der zuhause seinen Kindern Englisch-Unterricht gibt, zum Essen geht und Bötchen fährt. Und je größer der Verbrecher ist, umso größer ist der Reiz, das zu spielen.

Frage: Glauben Sie, dass man mit den Stilmitteln der Komödie eine Geschichte über Hitler und den Nationalsozialismus erzählen darf?

Helge Schneider: Das Lachen ist entlarvender und revolutionärer als betretenes Schweigen und verklemmtes Vertuschen. Komödie ist das einzige Ausdrucksmittel, mit dem man so eine Geschichte vorführen kann, weil sie der Realität sehr viel näher kommt, als eine realistische Darstellung, die jedoch nie an das Original herankommen kann.

Der zeitliche Abstand macht es leichter, sich als Künstler an die Geschehnisse im Dritten Reich zu wagen. Die Unfähigkeit über den Nationalsozialismus zu lachen, hat häufig damit zu tun, dass die Menschen aus Mitgefühl ernst sind. Sie sind oft unsicher, weil sie nicht wissen, wie weit man gehen darf. Im Umgang mit Humor gibt es ja diesen Gemeinschaftszwang, der nach hinten losgehen kann.

Viele Menschen lachen in der Gemeinschaft, aber viele auch gerade nicht, aus Angst etwas falsch zu machen. Auch eine unglaubliche Ernsthaftigkeit kann zum Lachen reizen, es gibt Leute, die sind so ernst und so verbittert und verbiestert, so fies, dass man auch zwangsläufig darüber lachen muss, grotesk, wie eben auch Adolf Hitler zum Beispiel.

Frage: Was war für Ihre Herangehensweise wichtiger, der echte Hitler in den Wochenschauen oder die verschiedenen Darstellungen von Charlie Chaplin bis Bruno Ganz?

Helge Schneider: Wenn überhaupt, dann habe ich nur an die Wochenschauen gedacht, aber auch das nicht. Ich habe mir Tonbänder bringen lassen, an die man normalerweise nicht rankommt, auf denen man Hitler in möglichst privater Atmosphäre erleben kann. Davon gibt es sehr wenig, und diese Aufnahmen haben mir mehr über den Menschen verraten, als die Masse der Aufnahmen von öffentlichen Auftritten auf der großen Bühne, bei denen er seine Stimme so erhebt und so rumbölkt.

Der Botschafter von Dänemark oder Schweden und Hitler unterhalten sich, das heißt, der andere sagt gar nichts, und Hitler gibt unheimlich an, wirft mit Zahlen um sich, von Panzern und Kriegern, wie so ein Kind im Sandkasten, das sagt ?das ist aber meins?, ?das hab aber ich gebaut?, ?das bin ich?. Die Art, wie er sich da präsentiert, aber zugleich unsicher und fahrig ist, hat mir diese Figur sehr gut erschlossen.

Frage: Wie haben Sie sich denn ansonsten auf diese ungewöhnliche Kinorolle vorbereitet?

Helge Schneider: Die Vorbereitung für diesen Film findet für mich schon seit Jahrzehnten statt. Diese ganze NS-Vergangenheit wird ja im Fernsehen immer wieder bis zum geht nicht mehr durchgekaut. Es vergeht eigentlich kein Tag auf der Welt, an dem er nicht im Fernsehen zu sehen ist, Unmengen von Bildern mit Hitler.

Ich habe ein fotografisches Gedächtnis und habe diese ganzen Bewegungsabläufe verinnerlicht, ohne etwas dafür zu tun. Schwer war das auswendig lernen des Textes, das war neu für mich. Bei meinen Büchern setze ich mich hin und schreibe, und dann ist das auch wieder vergessen, aber so einen Text muss man immer wiederholen.

Frage: Nachdem Sie in allen bisherigen Filmen und Auftritten immer Variationen Ihrer Selbst vorführen, lehnen Sie sich bei dieser Rolle schon sehr weit raus ...

Helge Schneider: Das macht nichts, das Spiel von Adolf Hitler ist mir leicht gefallen, weil mir durch meine Lebenserfahrung mittlerweile klar ist, dass Gut und Böse dasselbe Zuhause haben, und dieses Zuhause ist der Mensch.

Frage: Sie haben vor jedem Drehtag lange Zeit in der Maske verbracht: In welchem Maße hilft so eine Prozedur?

Helge Schneider: Ich dachte gar nicht an eine Maske, als ich die Rolle annahm. Als es dann anders kam, habe ich mich darauf gerne eingelassen.

Frage: Waren Sie in der Versuchung, die Rolle derber zu spielen, stärker zu übertreiben?

Helge Schneider: Wenn vom Regisseur die Anweisung gekommen wäre, zu übertreiben, hätte ich mich geweigert. Ich wollte es so authentisch wie möglich spielen, ohne Koketterie, ganz ernst. Ich habe mich in diese Rolle versetzt, ohne zu werten. Für mich war wichtig morgens die Maske anzulegen, das hinter mich zu bringen und dann der zu sein, und dann war ich das auch.

Man muss genau wissen, wie die Maske wirkt und sie darüber hinaus zum Leben erwecken, die ist ja so ein bisschen dick, und alle Bewegungen müssen etwas plakativer sein, man muss von vornherein etwas mehr mit dem Gesicht machen, mehr lachen, böser schauen, etwas übertreiben.

Es hat mich gereizt, das so zu machen, dass es nicht wie Maske aussieht, dass sie zum Leben erweckt wird, immer Hand in Hand mit der Motorik, der Bewegung, der Sprache, und natürlich ganz wichtig mit der Kamera, der man sich öffnet, im Wissen, dass man hinter der Linse, dem Kameramann, dem Filmmaterial für die Leute spielt, die nicht merken sollen, dass man das spielt.

Helge Schneider. Foto: X-Filme
Filmplakat

Dirk Jasper FilmLexikon

© Fotos: Archiv © 1994 - 2010 Dirk Jasper