Interview mit Horst Tappert

"Ich muss sagen, dass mich die Serie nie losgelassen hat."

Selten sind Rolle und Person aus der Sicht des Publikums mit den Jahren so nahtlos verschmolzen wie bei Horst Tappert. Von 1973 bis 1998 spielte er in insgesamt 281 Folgen den unerschütterlichen Münchner Oberinspektor Stephan Derrick. In dem Kino-Film "Derrick - Die Pflicht ruft" leiht er jetzt der Zeichentrick-Figur seine Stimme. Frage: Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie den Film zum ersten Mal gesehen haben? Was haben Sie gedacht?

Horst Tappert: Ich war überrascht, wie gut und professionell er gemacht ist. Das hätte ich nicht erwartet. Ein sehr schönes Erlebnis. Ich sehe da auch gar nicht mich selbst auf der Leinwand. Das Ganze hat ja eine gewisse Überhöhung. Unsere Absicht war es, sehr selbstironisch zu sein. Und das ist im Film auch sehr gut gelungen. Die Arbeit macht ungeheuer viel Spaß. Als Fritz Wepper und ich das Drehbuch gelesen hatten, haben wir sofort gesagt, dass wir das machen werden.

Frage: Die Produzenten waren sich zu Beginn nicht sicher, ob Sie bereit wären, bei dem Film mitzumachen. Matthias Walther sagte: Entweder findet Horst Tappert die Idee wunderbar - oder aber er haut mir eine runter.

Horst Tappert: Nicht doch. Ich bin doch ein zivilisierter Mensch und schlage andere Menschen nicht. Sicher, man kann das nie voraussetzen. Aber Sie müssen wissen, dass ich durchaus über Selbstironie verfüge und sehr humorvoll bin. Wenn ich Derrick durch den Film hindurchstolzieren sehe, dann finde ich das lustig. Wir haben 24 Jahre lang ununterbrochen sehr ernsthaft an der Serie gearbeitet. Und jetzt ziehen wir das etwas durch den Kakao. Das finde ich hervorragend.

Frage: Michael Schaack erzählte, seine Absicht sei es gewesen, respektvoll respektlos mit Derrick umzugehen.

Horst Tappert: Das war auch der richtige Ansatz. Den haben wir verstanden und unterstützt. Das Drehbuch hat mich überwältigt. Ich fand es so gut, dass ich keine Anmerkungen hatte. Ich habe sofort gesagt: Das mache ich. Und wenn ich es mache, dann mache ich es 100 Prozent. Das verlangt mein Ethos als Schauspieler von mir.

Frage: Gab es für Sie Voraussetzungen, die gewährleistet sein mussten, damit Sie mitmachen?

Horst Tappert: Eine gewisse Art der unterspielten Komik war mir wichtig. Wir müssen unfreiwillig komisch sein, auch in diesem Film. Das schätze ich besonders. Mein Sinn für Komik ist damit erfüllt. Wir agieren scheinbar ernsthaft, aber alles auf einem überhöhten Level. Ich will Ihnen ein Beispiel nennen: Derrick ist so stur, in seiner ganzen Haltung, wie er durch das Geschehen hindurchgeht. Aber er merkt nicht, wie hinter ihm ein Haus in die Luft fliegt, weil er immer nur auf das fixiert ist, was vor ihm liegt. Das ist überhöht, und es kann sehr amüsant sein.

Frage: Wie hebt sich das Drehbuch des Zeichentrickfilms von den Arbeiten Herbert Reineckers ab?

Horst Tappert: Es spielt sich auf einer ganz anderen Ebene ab. Es ist viel spritziger und spekulativer. Wir wollen ja auch die Jugend ansprechen. Die soll sich amüsieren und vor Lachen auf die Schenkel schlagen. Das ist der Sinn dieses Films. Und ich glaube, das ist uns gelungen.

Frage: Fielen Ihnen die Synchronarbeiten leicht?

Horst Tappert: Nun, zunächst muss man die Texte ja sprechen, bevor es Bilder dazu gibt. Das haben Fritz und ich in zwei Tagen Arbeit in Absprache mit dem Regisseur gemacht. Erst dann wird gezeichnet. Und zum Schluss ging es wieder ins Studio, um zu den entsprechenden Bildern Korrekturen zu machen. Es ist ein Kinofilm, und da muss man sehr präzise arbeiten.

Frage: Wie war es für Sie, nach mehrjähriger Pause wieder mit Derrick konfrontiert zu werden?

Horst Tappert: Wenn ich ehrlich bin, dann muss ich sagen, dass mich die Serie nie losgelassen hat. Ich habe mir auch die Wiederholungen im Fernsehen angesehen. Ich bin nicht immer nur absolut begeistert, bin durchaus sehr kritisch und sehe auch die Schwächen. Aber gerade die Zusammenarbeit mit Fritz Wepper war sehr, sehr gut. Wir waren zwei, die genau zueinander passten. Wir hatten ein blindes Verständnis in unserem schauspielerischen Ansatz, im Unterspielen, im direkten Spiel. Das ließ die ganze Schauspielerei oft einfach hinter sich. Im Grunde war es doch eine sehr erfolgreiche Arbeit, wenn Sie sich auch die Verkäufe ins Ausland ansehen. Ich kann es mir manchmal nicht erklären. Erfolg kommt von ungefähr, und man registriert es und ist sehr dankbar. Aber manchmal fragt man sich schon: Wieso eigentlich?

Frage: Wie würden Sie die Arbeit mit Fritz Wepper charakterisieren?

Horst Tappert: Da ist eine tiefe Verbundenheit zwischen uns. Wenn wir vor die Kamera treten, ist das sehr direkt. Das ist bar jeder schauspielerischer Impertinenz. Wir gehen sehr locker miteinander um, wie man sich das von zwei vernünftigen Menschen erwarten darf. Oft kommen Schauspieler in Ensembles zusammen und wollen sich erst einmal beweisen. Das gab es bei uns nicht. Das ging weit über Schauspielerei hinaus und hatte eine einmalige Selbstverständlichkeit.

Frage: Ist es Ihnen eine Last, ständig mit Derrick gleichgesetzt zu werden?

Horst Tappert: Das liegt an der Kontinuierlichkeit der Serie und schmerzt mich nicht. Wir haben ja sozusagen als Test die ersten beiden Folgen im Sommer 1973 gedreht, die 1974 mit ganz gutem Erfolg ausgestrahlt wurden. Das Publikum war etwas unzufrieden, weil es nicht mitraten konnte. Herbert Reinecker hatte die ersten Folgen ja so geschrieben, dass der Täter am Anfang enthüllt wurde und die Ermittlungsarbeiten im Mittelpunkt standen. Derrick hinkte immer hinterher, der Zuschauer war immer schlauer als er. Wie bei "Columbo" hätte man dann ein Feuerwerk abbrennen müssen. .. aber das war nur bedingt der Fall.

Frage: Ist es Ihnen möglich, Derrick nach all den Jahren zu beschreiben?

Horst Tappert: Das ist sehr schwer. Dazu müsste ich mich selbst beschreiben. Mein Ansatz war immer, Derrick so zu spielen wie ich bin. Nur so konnte ich die Rolle all die Jahre ausfüllen.

Frage: Wie hat sich Derrick im Lauf der Jahre als Figur entwickelt?

Horst Tappert: Er ist älter geworden. Dem habe ich nichts entgegen zu setzen. Das passiert nun mal im Leben, wenn man lange genug gesund und arbeitsfähig bleibt. Aber weil wir zwölf Folgen im Jahr drehten, blieb die Figur ja auch immer ganz nah bei mir. Mit meinem eigenen Älterwerden hat sich auch die Rolle verändert. Es war ja ein Novum für einen Fernsehpolizisten, dass er gar nicht so erfolgsversessen war und sich viele Gedanken gemacht hat. Und er hat auch manchmal Mitleid gehabt. Sehr oft, er war dann auch sehr nachdenklich. Das ist auch ein Teil des Erfolgsrezepts.

Frage: Warum sind Sie so lange dabei geblieben?

Horst Tappert: Weil der Erfolg und die Resonanz so groß waren. Als ich mit "Derrick" begann, war ich 50 Jahre alt. Ich habe gesagt: Das ist das letzte, was ich machen werde. Und ich werde es so lange machen, wie ich es durchhalte. Das waren nun mal 24 Jahre.

Frage: Warum diese Entscheidung?

Horst Tappert: Wissen Sie, ich war immer unterwegs gewesen, mein ganzes Leben lang. Ich hatte kein richtiges Zuhause. Ich war zu diesem Zeitpunkt sehr lange schon verheiratet gewesen mit meiner Frau, die ich immer nur in kleinen Pausen sehen konnte. Und nun eröffnete sich die Möglichkeit, dass ich künftig Zuhause bleiben könnte, dass ich nach getaner Arbeit nach Hause zurückkehren könnte. Das war für mich der Grund, mich für die Serie zu entscheiden. Es mag eine egoistische Entscheidung gewesen sein, aber ich habe sie nie bereut.

Frage: Gab es nie Momente, in denen Sie hinschmeißen wollten?

Horst Tappert: Nein, überhaupt nicht. Ich hatte ja immer eine Alternative. Ich habe Theater gespielt und bin auf Tournee gegangen, mit Stücken, die sehr anspruchsvoll waren. Das hat mir den Ausgleich gegeben. Ich hatte nie den Eindruck, dass ich nur Derrick bin, dass mich diese Rolle vereinnahmt.

Horst Tappert. Foto: ZDF
Horst Tappert im Film 'Derrick - Die Pflicht ruft'. Foto: UIP
Horst Tappert (r) als 'Derrick' mit Fritz Wepper. Foto: ZDF
Horst Tappert als 'Derrick'. Foto: ZDF
Horst Tappert als 'Derrick'. Foto: ZDF
Horst Tappert als 'Derrick' 1998. Foto: ZDF

Dirk Jasper FilmLexikon

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