Interview mit Ian McKellen

"Richard ist ein sehr einnehmender Mann!"

Ian McKellen spielt in dem Film Richard III. die namengebende Hauptrolle. Bereits zuvor war das Stück auf der Theaterbühne erfolgreich aufgeführt worden. Frage: Spielte die Produktion des Royal National Theatre auch in den dreißiger Jahren?

Ian McKellen: Richard Eyre, Direktor des Royal National Theatre, hatte mich gebeten, die Besetzung für zwei Shakespeare-Stücke zusammenzustellen, die auf Tournee durch England, Europa und die Vereinigten Staaten gehen sollten. Ich entschied mich für "King Lear" und, da die selben Darsteller in beiden Stücken auftreten sollten, für Richard III., weil sich das aus der Besetzung ergab.

Dann hatte ich das Vergnügen, meinen Chef Richard Eyre zu bitten, für mich als Regisseur bei Richard III. zu arbeiten, was er auch tat. Wenn er, Designer Bob Crowley und ich über das Stück sprachen, geschah das immer in moderner Terminologie. Für mich war das nichts Neues, denn alle Shakespeare-Stücke, die ich in den letzten zwanzig Jahren gespielt hatte, fanden in einem modernen Umfeld statt. Shakespeare selbst war an historischen Fakten nur insoweit interessiert, als sie die Gegenwart beleuchteten.

Er war mehr an Politik im Allgemeinen interessiert als an historischen Fakten, die er eher seinen Geschichten anpasste. Wenn die Stücke heute in modernen Kostümen gespielt werden, dann wird damit die Modernität der Shakespeare-Stücke betont. Ein Klassiker ist definiert durch seine Relevanz, nicht durch sein Alter.

Frage: Aber warum die dreißiger Jahre?

Ian McKellen: Da Shakespeare in seinem Stück Ereignisse aus relativ junger Vergangenheit kommentierte, sollten wir da nicht ein Äquivalent aus unserer Zeit finden? Die dreißiger Jahre sind uns in den Neunzigern noch relativ nahe. Figuren, die in der Mode der dreißiger Jahre gekleidet sind, sind für uns einfacher zu identifizieren als Figuren in mittelalterlicher Kleidung, weil da alle gleich aussehen.

In Laurence Oliviers Film zum Beispiel kann man den Leuten nicht ansehen, womit sie ihren Lebensunterhalt verdienen, wie ihr sozialer Status ist. In den dreißiger Jahren hätte die königliche Familie, vielleicht zum letzten Mal, eine größere Rolle in der Politik spielen können. Es war eine Zeit, in der ein Tyrann in der Art Richards hätte auftauchen können.

Es war wichtig für die Glaubwürdigkeit des Stücks, nicht reale historische Ereignisse zu präsentieren, sondern Dinge, die so hätten geschehen können. Alles in allem gab es keinen Grund, das Umfeld der Bühnen-Produktion für den Film zu ändern.

Frage: Wann entschieden sie sich dazu, eine Filmversion von Richard III. zu machen?

Ian McKellen: Die Bühnen-Produktion war beim Publikum auf der ganzen Welt immens erfolgreich. Und ich dachte mir, wie können wir ein noch größeres Publikum erreichen? Warum können wir nicht einen Film daraus machen? Oder etwas für das Fernsehen? Ich sprach darüber mit Richard Eyre und er sagte, wenn du einen Film daraus machen willst, musst du ein Drehbuch schreiben.

Was ich dann unbewusst machte, war eine Version für die große Leinwand. Ein Kinofilm erfordert viel mehr Aufwand als eine Fernsehproduktion. Aber es war klar, dass ich mich an den filmischen Aspekten des Stückes orientierte und sie mit Richard Eyres Hilfe herausarbeitete. Das beschäftigte mich sechs Monate lang, bis die Welttournee in Los Angeles zu Ende ging.

Frage: Was ist denn so filmisch an dem Stück?

Ian McKellen: Zum einen kann man sich auf die Szenenfolge verlassen, so wie sie im Theater auf der Bühne stattfindet. Es ist schon fast ein Gemeinplatz zu sagen, dass bei Shakespeare eine Szene auf die andere nach dem Prinzip eines filmischen Schnitts folgt. Nichts wäre falscher für Shakespeare, als am Ende einer Szene eine große Pause für einen Szenenwechsel zu machen.

Schnelligkeit ist essentiell, für die Bühne wie für den Film. Zum anderen erwies sich das Dreißiger-Jahre-Ambiente als sehr fotogen, zumal davon in London noch sehr viel zu finden ist.

Frage: Wie verlief Ihre Zusammenarbeit mit Richard Loncraine, der doch aus einer ganz anderen Richtung kommt als Sie?

Ian McKellen: Ich habe eine Menge Shakespeare gespielt, ich habe eine Menge Shakespeare gesehen, und ich bin von einer Menge Shakespeare sehr gelangweilt gewesen. Es ist so schwierig, es richtig hinzubekommen, aber ich dachte, wir hätten eine Chance. Es gab überhaupt keine Spannungen zwischen mir, der ich Shakespeare einem neuen Publikum zugänglich machen wollte, und Richard Loncraine, der mit dem Film ein möglichst breites internationales Publikum ansprechen wollte: Wir waren beide auf derselben Seite.

Es kam nie vor, dass er Shakespeare verzerren wollte, um es für den Film einfacher zu machen. Es hat ihm großen Spaß gemacht, Shakespeares Story und seine Texte auf die Leinwand zu bringen - und darum ging es auch mir. Also erzählte er mir dauernd, was möglich ist, und ich erzählte ihm, was erwünscht wäre. Wir machten keine Kompromisse, sondern trafen uns auf einer Ebene, was nicht so schwierig war, wie wir gedacht hatten.

Die Schwierigkeiten beginnen dann, wenn man sich von Shakespeare entfernt oder die Beschränkungen und die Möglichkeiten missachtet, die das Kino mit sich bringt. Aber man braucht sich nicht von Shakespeare zu entfernen, denn er hat viele Dinge erfunden, die Leute heute im Kino aufregend finden.

Frage: Worin bestanden die größten Herausforderungen bei der Adaptierung des Stücks?

Ian McKellen: Am schwierigsten war es, soviel von der Geschichte wie möglich zu bewahren, denn sie ist kompliziert - nicht, was Richards Aufstieg zur Macht anbetrifft, sondern was die Stadien anbetrifft, die er dabei durchläuft, und was die Anzahl der Menschen anbetrifft, die er dabei beeinflusst. Die Versuchung bestand darin, zu viele Details wegzulassen. Wir haben so viele wie möglich beibehalten, aber immer daran gedacht, dass das Publikum der Story folgen können muss.

Ein weiteres Problem besteht darin, dass Richards Pläne zur Machtergreifung schon in vollem Gange sind, wenn das Stück beginnt. Die Figuren kennen sich und haben eine gemeinsame Geschichte hinter sich. Das Kinopublikum muss sehr rasch begreifen, wie diese Beziehungen aussehen, um dem Film folgen zu können. Das dritte Problem liegt in der Struktur des Stücks. Bis zu dem Moment, an dem Richard zum König gekrönt wird, gibt es keine Probleme.

Das passiert alles sehr schnell und ist sehr aufregend, sehr sexy, sehr gewalttätig. Aber danach geht es bergab mit ihm. Abstürze sind nur dann interessant, wenn man versteht, warum sie passieren. Daher muss man bei seinem Aufstieg schon die Gründe für seinen Abstieg mit vermitteln und eine detaillierte psychologische Untersuchung seines Innenlebens mitliefern. Das hat mancher Schauspieler in der Vergangenheit falsch verstanden. Richard III. ist kein Massenmörder.

Er tötet niemanden selbst, weder im Stück noch im Film. Er lässt andere töten, die sich dazu bereit erklären. Er ist ein Tyrann. Wichtig ist auch, dass er sich zur Kamera wendet und den Zuschauern erzählt, was er tun wird. Er baut eine persönliche Beziehung zum Publikum auf. Das ist ein brillanter Trick im Theater und auch im Film, der oft vernachlässigt wird. Denn ein Hamlet oder ein Richard müssen mit dem Publikum sprechen, um ihre Geheimnisse mitzuteilen. Und was für Geheimnisse!

Frage: Finden Sie, das Publikum sollte Sympathien für Richard empfinden?

Ian McKellen: Ich will dem Publikum keine Vorschriften machen, aber wenn es gar nichts empfinden würde, wäre ich enttäuscht. Richard ist ein sehr einnehmender Mann. Ich möchte schon, dass die Zuschauer angesichts seiner Prahlerei den Atem anhalten. Ich hoffe, sie werden aufgrund seiner Schauspielerei gelegentlich vergessen, was er vorhat und deshalb muss er sich hin und wieder an das Publikum wenden um es daran zu, erinnern, was er gerade getan hat. Ich hoffe, die Zuschauer erkennen die vielen verschiedenen Seiten dieses Mannes und sein großes Potential, das er für absolut falsche Zwecke einsetzt - was nichts daran ändert, dass er eine attraktive Figur ist.

Ian McKellen
Ian McKellen in 'Richard III.'

Dirk Jasper FilmLexikon

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