Interview mit Jacques Perrin
Jacques Perrin Jacques Perrin ist der Regisseur des Dokumentarfilms Nomaden der Lüfte Frage: Jacques, können Sie sich noch an die Situation erinnern, als Ihnen das Erste Mal die Idee für diesen Film in den Sinn kam?

Jaques Perrin: Vor einigen Jahren saß ich an einem Samstagabend vor dem Fernseher und sah mehr oder weniger zufällig einen kanadischen Dokumentarfilm über einen Mann, der mit Vögeln flog. Diese Amateurbilder des Vogelfluges, die einen der großen Träume der Menschheit streiften, haben mich sehr berührt. Zunächst hatte ich einen Spielfilm im Kopf. Es sollte eine Geschichte für Kinder werden. Doch dann kam mit "Amy und die Wildgänse" das Projekt eines anderen Regisseurs in die Kinos. Erstaunlicherweise stellte jedoch diese Geschichte eher die Menschen als die Vögel in den Mittelpunkt. In meiner Film-Phantasie sollten jedoch die Vögel die wirklichen Protagonisten sein.

Frage: Können Sie sich während dieser Dreijährigen Dreharbeiten an eine Begebenheit erinnern, die Sie nie mehr vergessen werden?

Jaques Perrin: In unserer Vogelschule in der Normandie haben wir Zugvögel geprägt, erzogen und trainiert. Eines Tages war bedecktes Wetter und die Wolkendecke hing sehr tief. Wir starteten unser Leichtflugzeug, stiegen auf und durchbrachen die Wolken. Die Vögel waren noch nicht zu sehen. Ich saß vorne auf dem Sitz des Kameramanns. Meine Füße waren in den Wolken und über uns war gleißendes Sonnenlicht und strahlend blauer Himmel. Plötzlich tauchten die Vögel aus den Wolken auf und wir schwebten gemeinsam mit ihnen über diesen dicken, weichen Wolkenkissen. Diese Zugvögel durchflogen das erste Mal in ihrem Leben die Wolken. Und es schien, als seien sie verstört. Sie kamen nah, ganz nah. Sie suchten regelrecht Tuchfühlung mit uns. Sie schienen ebenso beeindruckt von diesem Spektakel wie wir. Am liebsten wären wir stundenlang dort oben geblieben.

Auch eine andere Geschichte werde ich nie vergessen. Wir waren mit einem Schnellboot der französischen Marine auf dem Meer. An diesem Tag waren einige unserer Enten etwas müde. Wir hatten schlechtes Wetter und meterhohe Wellen. Offensichtlich kamen einige Enten einfach nicht mehr mit. Wir waren in einem Dilemma. Um möglichst schnell in ruhiges Wasser an der geschützten Küste zu kommen, konnten wir uns an den flugtauglichen Enten orientieren, die uns folgen konnten und die langsamen Tiere zurücklassen. Wir hatten keine andere Wahl.

Zurück an der Küste haben wir alles versucht, unsere Enten wiederzufinden. Vergeblich. Wir haben die Küstenwache informiert, den Funkdienst der Seeleute, die Leuchtturmwärter. Nach drei Tagen erlebte ein Fischer, der weit draußen seine Netze einholte, eine kuriose Geschichte. Plötzlich kamen drei Enten auf sein Boot. Sie setzten sich neben ihn, kamen immer näher, flogen nicht mehr davon. Der Fischer verstand gar nicht, dass diese Vögel die Angst vor Menschen verloren hatten. Der Fischer griff zum Funksprechgerät und rief die Küstenwache an. "Hey Leute, hier passiert gerade eine wundersame Geschichte. Ich habe drei Enten zu Besuch, die mich überhaupt nicht mehr verlassen wollen. Die watscheln mir beinahe auf den Schoss!" "Yeah", rief die Küstenwache, "die Enten sind wieder da." Wir wurden sofort benachrichtigt. Alle in der Gegend wussten schon Bescheid. Als wir zum Hafen fuhren, um den Fischer mit unseren Enten in Empfang zu nehmen, hatten sich hier schon Hunderte Leute versammelt. Wir erlebten ein Welcome für die Enten, wie für einen Weltumsegler, der nach einem Jahr von seiner Reise zurückkommt.

Frage: Sie sind seit 30 Jahren ein sehr bekannter Schauspieler und auch Regisseur. Macht es eigentlich einen Unterschied, mit Gefiedern statt mit menschlichen Schauspielern zu arbeiten?

Jaques Perrin: Mit richtigen Schauspielern realisieren wir eine Wirklichkeit, die wir uns vorher ausgedacht haben. Die Kunst besteht dann darin, die Phantasie des Drehs mit der Wirklichkeit des Drehbuchs zur Übereinstimmung zu bringen. Mit den gefiederten Schauspielern ist das ganz anders. Einmal in der Luft können wir unser Drehbuch vergessen. Ab jetzt sind die Zugvögel Schauspieler und Regisseure in einer Person. Wenn wir Glück haben, folgen uns die Vögel in unserem Leichtflugzeug. Jedoch viel häufiger fliegen die Menschen den Vögeln hinterher. Es sind sie, die sich mit der Aerodynamik auskennen und intuitiv spüren, wo die Flugbedingungen am besten für sie sind.

Frage: Was waren die größten Herausforderungen, die Sie im Zusammenhang mit diesem Film bewältigen mussten?

Jaques Perrin: Wenn die Zuschauer den Film sehen, sollen sie das Gefühl haben, gemeinsam mit den Vögeln unterwegs zu sein. Die Frage, wie unsere Aufnahmen wohl entstanden sind, ist für die Kinobesucher nicht so wichtig. Es wird ganz leicht und selbstverständlich anmuten, mit den Vögeln um die Erde zu fliegen. Für diese Erfahrung haben wir jedoch Monate und Jahre gearbeitet.

Um die Schönheit und Faszination des Fliegens sowie die instinktive Sicherheit und Navigation der Vögel erlebbar zu machen, mussten wir ebenso gut fliegen lernen wie unsere Schauspieler. Der Flugstil der Störche, Kraniche oder Enten ist jedoch völlig unterschiedlich. Für jeden dieser Flugstile brauchten wir die angemessene technische Ausrüstung und Flugerfahrung der Piloten. Die zehn Kameraleute unseres Teams mussten mit ihrer ganzen Person, mit ihren Gefühlen, ihrer Passion und ihrem Engagement bei der Sache sein. Ansonsten wären die Aufnahmen mit den Zuvögeln nicht gelungen.

Es sind auch das ungeheure Engagement und die vielfältige Kreativität so vieler unterschiedlicher Menschen in diesem Abenteuer, die die Faszination dieses Experiments ausmachen. Es gibt viele Kooperations-Partner in diesem Projekt, die sich die Kraft ihrer Träume erhalten haben.

Dirk Jasper FilmLexikon
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