Interview mit Jean-Hugues Anglade
Jean-Hugues Anglade Jean-Hugues Anglade ist der Hauptdarsteller in dem Film Mortal Transfer Frage: 15 Jahre sind seit Ihrer Hauptrolle in "Betty Blue" verstrichen. Hatten Sie erwartet, dass Jean-Jacques Beineix Ihnen wieder eine Rolle anbieten würde?

Jean-Hugues Anglade: Es war eine echte Überraschung! Wir hatten uns seit "Betty Blue" weitestgehend aus den Augen verloren. Während der Dreharbeiten zu "Betty Blue" hatten wir uns so intensiv miteinander beschäftigt, dass wir erst einmal Distanz gewinnen mußten, um so wieder Geheimnisse in der Persönlichkeit des anderen entdecken zu können. Ich hatte meine Vorbehalte dagegen, wieder mit ihm zusammenzuarbeiten. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass wir noch einmal so ein einmaliges Abenteuer durchleben würden wie damals bei "Betty Blue". Ich konnte mich erinnern, dass Jean-Jacques damals sehr freundlich und umsichtig mit seinen Darstellern umgegangen ist. Würde er Jahre später noch genauso sein? Für uns beide war es eine sehr positive Erfahrung, den anderen wiederzuentdecken. Wir beide sind älter geworden! Aber was mich besonders gefreut hat, war festzustellen, dass er immer noch so ein leidenschaftlicher Filmemacher ist!

Frage: Hat sich sein Regie-Stil geändert?

Jean-Hugues Anglade: Jean-Jacques ist selbstbewußter geworden. Er steht viel gelassener als früher zu seinen Standpunkten. Das ist zweifellos das Privileg der Reife. Er macht einfach das, was er will, ohne sein eigenes Urteil in Frage zu stellen. Ich weiß, dass Jean-Jacques um jedes kleine Detail in Mortal Transfer gekämpft hat, weil er einfach keine Kompromisse eingehen und sich nachher darüber ärgern wollte. Er ist ein Mann, der die Herausforderung sucht. Wenn er einen Film dreht, dann ist das, wie wenn ein Soldat in die Schlacht zieht - eine Schlacht gegen sich selbst. Aber diese Schlacht findet nie auf Kosten der Darsteller statt. Während der Dreharbeiten mit Jean-Jacques geht es immer sehr ernst und konzentriert zu, trotzdem aber meist recht gut gelaunt.

Frage: Er hat den Ruf, sehr präzise in seiner Regieführung zu sein. Gibt es bei ihm trotzdem noch Raum für Improvisationen?

Jean-Hugues Anglade: Nein, kaum. Jean-Jacques ist sehr rational, was die Herausarbeitung seiner Figuren betrifft. Bei ihm muß man genaustens aufpassen. Er setzt sehr detaillierte Richtlinien, innerhalb derer man als Schauspieler arbeiten muß. Das sind wie Zäune, über die man nicht springen darf! Da er selbst die Kamera bedient, kontrolliert er jede Einstellung. Er erwartet einfach von seinen Darstellern, dass sie ihm vertrauen und Teil seiner Vision werden. Er weiß genau, was er aus einer Szene herausholen möchte, auch wenn er sich manchmal nicht sicher ist, wie genau sie gespielt werden soll. Bei ihm muß man als Schauspieler einfach bereit sein, alles zu wagen und sich ganz und gar auf ihn zu verlassen. Das ist alles.

Frage: Als Sie zum ersten Mal das Drehbuch lasen, ist Ihnen da sofort die komische Dimension aufgefallen, die Jean-Jacques Beineix dem Film geben wollte?

Jean-Hugues Anglade: Ja. Aber ich habe nicht lange darüber nachgedacht. Ich wollte die Absurdität gewisser Situationen einfach ganz spontan entdecken. Die Situationskomik entsteht hauptsächlich dadurch, dass Michel Durand ständig versucht, alles, was um ihn herum passiert, zu kontrollieren. Ich habe mir immer vorgestellt: wie würde ich an seiner Stelle mit dieser scheinbar nie enden wollenden Pechsträhne umgehen? Wie würde ich versuchen, diesen schrecklichen Fehler, den ich dachte begangen zu haben, zu vertuschen? Michel Durand ist in der Tat ein wenig ungeschickt - aber er hat nun einmal keine Übung darin, Tote in seinem Teppich einzurollen!

Frage: Haben Sie recherchiert, wie sich Psychoanalytiker normalerweise verhalten?

Jean-Hugues Anglade: Ja. Ich habe mich an einen echten Psychoanalytiker gewandt und ihn gefragt, wie man während einer Sitzung als Therapeut wirken sollte. Er meinte: "neutral, mit einem schwebenden Ohr." Das hat mir gereicht. Ich habe außerdem ein paar Bücher zu dem Thema gelesen, darunter auch eins über eine Analyse mit Jacques Lacan. Allerdings wollte ich mich nicht zu sehr mit der psychoanalytischen Problematik beschäftigen, weil ich Angst hatte, mich darin zu verlieren.

Frage: Jean-Pierre Gattégno, der Autor des Romans, auf dem Mortal Transfer beruht, sagt, jeder Psychoanalytiker hat die Patienten, die er verdient. Hat Michel Durand verdient, was ihm passiert?

Jean-Hugues Anglade: In erster Linie ist das, was ihm widerfährt, ein verrückter, aber trotzdem sehr wahrscheinlicher Schnitzer. Durand läßt sich von seinen eigenen Selbstzweifeln einen Streich spielen. Durch eine Reihe an Zufällen bringt Olga Michel Durand dazu, sich die Probleme seiner eigenen Kindheit vor Gesicht zu führen. Durch Olga muß er seine gewohnte Rolle als Psychoanalytiker hinter sich lassen und über seinen eigenen Schatten springen. Wir müssen dabei feststellen, dass es sich bei ihm um einen sehr empfindlichen Mann handelt, der plötzlich gezwungen ist, über sich selbst hinauszuwachsen.

Frage: In den Analyse Szenen sitzen Sie hinter Ihren Patienten und es besteht keinerlei Blickkontakt. Das muß eine seltsame Erfahrung gewesen sein ...

Jean-Hugues Anglade: Ja, das stimmt. Mir ist es sehr wichtig, meinem Schauspielpartner in die Augen sehen zu können, aber in diesen Szenen war das nicht möglich. Jede Figur lebt in ihrer eigenen kleinen Welt. Daher habe ich mich sehr darauf konzentriert, den Neurosen meiner Patienten zuzuhören. Das gehört auch zum Schauspielen - aufzuhören, darüber nachzudenken, wie man aussieht oder wirkt. Die Kamera muß einfach in den Hintergrund treten.

Frage: Sie haben gesagt, dass Sie sich nicht genügend vor der Figur des Michel Durand geschützt haben, und dass seine Persönlichkeit Spuren bei Ihnen hinterlassen hat - dunkle Spuren?

Jean-Hugues Anglade: Nein, nicht wirklich. Jean-Jacques hat ein echtes Talent dafür, die Dinge zu relativieren. Allerdings hat mich diese Rolle sehr viel Energie gekostet, denn ich war in fast jeder Einstellung. Gleichzeitig habe ich durch diese Rolle aber auch viel gelernt. Ich kann mittlerweile ganz entspannt über das Thema Psychoanalyse reden und hoffe, dass Mortal Transfer einige Vorurteile, die Leute gegen Psychoanalytiker haben, beseitigt. Mir war es wichtig zu zeigen, dass man Menschen helfen kann, indem man ihnen zuhört, sich mit ihnen unterhält und sie ernst nimmt. Und dass auch Psychoanalytiker nur ganz normale Sterbliche sind.

Frage: Im Halbdunkel von Michel Durands Büro stechen zwei rote Punkte hervor: seine Socken. War es Ihre Idee, dass er während des ganzen Films diese auffallenden Socken trägt?

Jean-Hugues Anglade: Nein. Da Michel Durand als Figur sehr statisch ist und dunkel gekleidet in seinem Sessel sitzt, mußte sich Jean-Jacques etwas einfallen lassen, wie er das Ganze visuell interessant gestalten konnte. Außerdem sind diese leuchtend roten Socken Ausdruck seiner persönlichen Form der Verrücktheit. So eine durchgeknallte Geschichte könnte nie jemandem passieren, der ab und zu mal nicht auch ein bißchen durchdrehen kann.

Frage: Jean-Jacques Beineix hat zunächst überhaupt nicht an Sie für die Rolle von Michel Durand gedacht. Jetzt sagt er, dass er noch nie so glücklich über seine Wahl eines Hauptdarstellers gewesen ist.

Jean-Hugues Anglade: Das nehme ich ihm schon ab. Aber gleichzeitig überrascht es mich auch! Ich kann wohl sehen, was ich ihm als Regisseur gebe, aber ich weiß auch, wieviel mehr ich ihm gerne geben würde. Vielleicht werde ich dazu bei unserem dritten gemeinsamen Film Gelegenheit haben!

Dirk Jasper FilmLexikon
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