Interview mit Jean Reno

"Für mich zählt einzig und allein, gute Filme zu machen!"

Jean Reno ist Hauptdarsteller in der französischen Abenteuer-Komödie Jaguar! Frage: Kannten Sie Francis Veber schon vor den Dreharbeiten zu Jaguar?

Jean Reno: Wir hatten uns zwar schon ein paar Male getroffen, uns aber nie richtig kennengelernt. Ich kannte seine Filme, vor allen Dingen "L'Emmerdeur". Aber ich glaube, er hat sich in den vergangenen zehn Jahren sehr verändert. Die Stimmung im "Jaguar" ist nicht so wie in seinen früheren Filmen. Als ich das Drehbuch gelesen habe, fand ich es sehr schön. Campana ist in dieser Geschichte ein bißchen so wie ein "Deus ex machina". Er begleitet Perrin auf seiner Reise und steht ihm bei der schrittweisen Einführung in die Riten der Indianer hilfreich zur Seite. Ich habe diese Rolle aus zwei Gründen angenommen: Einmal weil Vincent Lindon, der ursprünglich für diese Rolle vorgesehen war, nicht frei war. Zum anderen entspricht dies sehr meiner Natur, nämlich eine Rolle in einem Abenteuerfilm, der in Brasilien spielt, zu übernehmen.

Frage: Wie würden Sie den Film definieren und hatten Sie den Eindruck, eine Aufgabe zu übernehmen, die vorher von anderen Schauspielern, nämlich Lino Ventura oder Gérard Depardieu wahrgenommen wurde?

Jean Reno: Ich denke, dass "Jaguar" eine romantische Komödie ist, die das Zusammentreffen zweier unterschiedlicher Temperamente, zweier vollkommen gegensätzlichen Persönlichkeiten zeigt. Einer gilt als der starke Mann, der andere als Schwächling. Diese Konfrontation ist die Triebkraft, der Schlüssel zur Welt von Francis Veber. Es ist allerdings nicht meine Aufgabe, mich mit den großen Schauspielern, die schon mit Veber gedreht haben, zu vergleichen. Ich habe versucht, ich selbst, also Jean Reno, zu sein, das ist alles.

Frage: Haben Sie persönlich ein offenes Ohr für die Anliegen und die Religiösität der Indianer, wie sie ja auch im Film angesprochen werden?

Jean Reno: Zuerst einmal waren diese Dreharbeiten für mich sowohl ein Kulturschock als auch eine Begegnung mit einer anderen Kultur, denn ich bin vorher nie in Südamerika gewesen. Ich habe also weder Brasilien noch Venezuela gekannt, die beiden Länder, in denen gedreht wurde. Die indianischen Sitten und Gebräuche sind mir vertraut, denn ich habe Sting während der Dreharbeiten zum Film "Subway" von Luc Besson kennengelernt. Und seitdem verfolge ich aufmerksam seinen Kampf für die Ökologie, der ja unter anderem dazu geführt hat, dass er die Reise von Raoni nach Europa und in die USA organisierte. Ich wäre also sehr stolz und glücklich, wenn dieser Film dem Publikum diese Probleme unterschwellig bewußt machen würde. Aber ich glaube auch sehr an magnetische Wellen, die Menschen unbewußt miteinander verbinden, zum Beispiel diese geheimnisvolle Anziehungskraft, die zwischen dem Indianer und Perrin besteht. Ich habe das Gefühl, dass sehr viel Wahres daran ist. Ja, in diesem Sinne bin ich ganz und gar mit den Botschaften des Films einverstanden.

Frage: Wie hat sich Ihre Zusammenarbeit mit Patrick Bruel gestaltet?

Jean Reno: Patrick und ich sind uns vorher schon einige Male begegnet, wir waren uns also nicht fremd. Er ist einfach ein verrückter Hund, das amüsiert mich immer sehr. Beim Drehen der verschiedenen Szenen, bei den Umzügen zum nächsten Drehort oder bei der Fahrt in der Piroge durch den Dschungel haben wir sehr viel miteinander geredet und uns auf eine Art und Weise kennengelernt, wie das vorher nie der Fall war. Diesen Film haben wir wirklich beide zusammen vorbereitet und gedreht, und ich hoffe, dass man das auch auf der Leinwand sehen wird.

Frage: Mit Francis Veber eine Komödie zu drehen - unterscheidet sich das von den Dreharbeiten zu andern Filmen, die sie gemacht haben?

Jean Reno: Francis ist jemand, der jedes Wort und jeden Satz mit der Präzision eines Uhrmachers aufschreibt. Er liebt den Text und das muss man respektieren. Der Schauspieler muss die Szene so spielen, wie er sie sich vorgestellt hat. Seine Dialoge sind sehr farbig und wir müssen sie zum Leuchten bringen, denn alles ist fast bis auf das letzte Komma vorher festgelegt. Ich habe mich deswegen bemüht, seine Wünsche voll und ganz zu erfüllen. Ich glaube, dass es in allen Filmen darauf ankommt, ob man den gleichen Rhythmus findet, und das gilt in einer Komödie für alle Schauspieler.

Frage: Der Film scheint für alle, die an ihm beteiligt waren, ein besonderes Erlebnis gewesen zu sein. Wie war das für Sie?

Jean Reno: Ich fand es einfach wunderschön, für so lange Zeit in diese andere Welt eintauchen zu können und alles andere zu vergessen. Sicher, als Schauspieler ist es natürlich viel bequemer, am Place de la Concorde oder im Foyer des Hotel Crillon zu drehen, als mitten im tropischen Regenwald. Aber im nachhinein gehören die Erlebnisse im Dschungel zu meinen schönsten Erinnerungen, trotz der Hitze und den ganzen anderen Schwierigkeiten. Bei meiner Begegnung mit den Indianern habe ich festgestellt, was Erziehung aus den Menschen macht. Ich habe eine Lektion in Rousseau'scher Weltanschauung bekommen, weil ich mich einfach den "freundlichen Wilden" auslieferte. Sie gehen unglaublich ungezwungen miteinander um, es gibt keine Tabus, weder beim Tanz noch in der körperlichen Liebe. Nach meiner Rückkehr muss ich sagen, dass ich sehr stolz auf diesen Filmepos bin, das mir sehr viel gegeben hat und überhaupt nicht banal war.

Frage: Bei Ihrer Rückkehr sahen Sie auf der Titelseite der Zeitschrift "Premiere" Ihr Foto und die Initialen JR, was hat das bei Ihnen ausgelöst?

Jean Reno: Das hat mir einen Schrecken eingejagt, glauben Sie mir! Sicher, Film ist auch eine Industrie und die Einspielergebnisse, das Starsystem und die Erfolgsrezepte gehören dazu. Ich habe das bei meinen Dreharbeiten mit den Amerikanern sehr gut beobachten können. Aber das kann ja nicht alles für einen Schauspieler sein. Für mich zählt einzig und allein, gute Filme zu machen und dabei zu versuchen, den Nerv des Publikums zu treffen, ob man nun einen Liebesfilm, ein romantisches Märchen, eine Komödie oder einen Spionagethriller dreht.

Jean Reno
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Dirk Jasper FilmLexikon

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