Interview mit Jean Reno

"Sein Universum ist faszinierend."

Jean Reno ist der Darsteller des Jean-Louis Schiffer in dem französischen Kinofilm Das Imperium der Wölfe. Frage: Wer ist Jean-Louis Schiffer?

Jean Reno: Schiffer ist ein verdorbener Mensch. Er ist ein unkontrollierbarer Hitzkopf. Jemand, für den der Zweck die Mittel heiligt. Er hat es nie geschafft, sich einen Rahmen für sein Leben zu schaffen, der ihm auch so etwas wie Geborgenheit bieten könnte. Sein Zuhause sind die Klamotten, in denen er gerade steckt.

Frage: Sie kannten den Roman bereits lange vor dem Film. Haben Sie sich vorstellen können, diesen Schiffer zu verkörpern?

Jean Reno: Ich denke seit langem nicht mehr in diese Richtung. Als ich jung war, habe ich das anders gesehen, aber irgendwann habe ich mir abgewöhnt, Bücher im Hinblick auf mögliche Rollen zu lesen. Ich bin für meinen Geschmack zu oft enttäuscht worden. Inzwischen bin ich ein sehr gelassener Leser.

Frage: Inzwischen denken aber andere Leute diese Gedanken. Ihr Name ist zu einem wesentlichen Faktor geworden, dass Projekte überhaupt in Angriff genommen werden.

Jean Reno: Nun gut, ich habe schon häufig Personen dieses Schlages verkörpert. Aber eine Rolle wie Schiffer ist für mich nur reizvoll, wenn ich diesen Hintergrund zwar einbringen kann, mich aber nicht in einer Endlosschleife von Wiederholungen ergehen muss. Schiffer ist jemand, der vor langer Zeit mal durchgebrannt ist - wie eine Sicherung. Und seither läuft er unter permanenter Überspannung.

Er ist ein Typ, der breitbeinig, schwitzend und mit fetten Pranken seine Fälle gelöst hat und aufs Abstellgleis verfrachtet wurde. Mit seinem lächerlichen Mantel und seinem geblümten Hemd ist er ein Gräuel für jeden, der etwas von Stil, Finesse oder Diplomatie versteht. Wahrscheinlich denkt man, ja in Mexiko, da gibt's solche Typen, aber bei uns? Doch ich versichere Ihnen, diese Sorte Polizeibeamte gibt's auch bei uns, nur dass sie hier ständig mit dem Regen leben, was sie natürlich noch bitterer erscheinen lässt.

Dieser permanente Regen verdankt sich übrigens ganz und gar dem Stilwillen von Chris Nahon. Es ist die Konfiguration der ganzen Story und offenbart sein Universum.

Frage: Schiffer und Nerteaux sind beide von Jean-Christophe Grangé erfunden worden. Gibt es Parallelen zwischen Figuren und Autor?

Jean Reno: Jeder Held von Grangé ist auch ein Teil von Grangé selbst. Oder vielmehr ein Schatten, der aus den Buchseiten hervortritt. Sein Universum ist faszinierend. Es gelingt ihm, alles was er gesehen, erlebt, erfahren hat in seinen Fiktionen zu verarbeiten und in eine aufregende Form zu bringen.

Alle Figuren seiner Romane verkörpern Facetten des vielgestaltigen menschlichen Wesens. Seine Bücher sind voller Wissen, aber was viel wichtiger ist: auch voller Weisheit. Er ist eigentlich viel zu jung für die Bücher, die er schreibt.

Frage: Eine gewalttätige Figur wie Schiffer zu spielen, bedeutet das für Sie auch eine Art Exorzismus für eigene innere Konflikte?

Jean Reno: Schiffer zu spielen ist tatsächlich ein harter Brocken. Natürlich mag es Momente geben, in denen man eine solche Person benutzt und seine privaten und fiktiven Rachefeldzüge führt, weil man irgendwelche kleinen Demütigungen oder Kränkungen zu kompensieren hat. Im richtigen Leben ist man ja meist viel zu höflich, dem Affen Zucker zu geben. Für mich war es wichtig, die Herkunft und den Hintergrund von Schiffer zu verstehen.

In jedem Moment des Spiels trifft man Entscheidungen darüber, wer eine Person ist. Wohin man dadurch geleitet wird, lässt sich häufig nicht genau sagen, aber man weiß meist sehr schnell, wohin man sich nicht leiten lassen will. Und mit diesem ?Kompass' ist man ja nicht allein: Sie gleichen sich ab mit den anderen Schauspielern und vor allem mit dem Regisseur. In diesem gemeinsamen Prozess nimmt die Vorstellung, die man sich von einer Person macht, erst Gestalt an.

Frage: Wie lässt sich der Inszenierungsstil von Chris Nahon beschreiben?

Jean Reno: Er ist kein lauter Regisseur, und er kann störrisch sein. In vielem ähnelt er Luc Besson. Chris ist ein absoluter Bildernarr. Das macht es für sensible Darsteller manchmal schwer, sich ihm gegenüber zu öffnen. Ich glaube aber, er hat in diesem Punkt einen großen Weg während der Dreharbeiten zurückgelegt. Sicher gibt es einfachere Regisseure, aber Chris weiß, wohin er will und das hat die Zusammenarbeit sehr produktiv gemacht.

Frage: Chris Nahon wollte eigentlich auch, dass Schiffer eine Perücke trägt ...

Jean Reno: Das war zum Beispiel eine der erwähnten Fährten, von denen ich wusste, dass ich sie nicht legen wollte. Etwas in dieser Art fand ich aber interessant, und bei den gemeinsamen Überlegungen, was es sein könnte sind wir auf Fotos eines tätowierten Puerto Ricaners gestoßen und haben diesen Körperschmuck für Schiffer übernommen. Im Roman ist übrigens weder von Tätowierungen noch von einer Perücke die Rede.

Beim Lesen habe ich mir die Geschichte komischerweise immer in Schwarzweiß vorgestellt. Genau diese Fantasien, Assoziationen und unbewusst wirkende Zeichen aus Schwarzweiß-Zeiten sind in die Optik von Das Imperium der Wölfe integriert, wurden aber einer sehr effektiven Verjüngungskur unterzogen. Über die Tätowierung wird Schiffer auch zu einer Person, die einem bestimmten ?Stamm' angehört: Jemand der vom Meer, von den Kolonien und Tropen geprägt ist.

Einer, der vielleicht mal in der Fremdenlegion war, jedenfalls aber ein Zwielichtiger und Abenteurer, auch wenn er lange einen regulären Job hatte.

Frage: Woher kommt Schiffers Verbindung zur Türkei?

Jean Reno: Auch so ein dunkler Fleck in seiner Vergangenheit. Eine Türkin spielte in seinem vergangenen Leben eine große Rolle. Die genauen Zusammenhänge und Hintergründe bleiben im Dunkeln, aber es könnte sein, dass er einfach in Konflikt geraten ist mit den Ehe- und Moralvorstellungen dieses Landes. Immer noch werden Mädchen getötet oder geächtet, wenn sie voreheliche Beziehungen haben. So begegnet er dieser Kultur mit gemischten Gefühlen aus Zuneigung und Ablehnung.

Frage: Wie verlief die Zusammenarbeit mit Jocelyn Quivrin?

Jean Reno: Unsere Rollen haben es leider schon ein bisschen vorgegeben, dass wir es schwierig haben würden miteinander. Schiffer sieht in dem jungen Kommissar so etwas wie einen harmlosen Nachwuchsbullen, und er behandelt ihn auch so. Wenn ein Take zu Ende war, ist immer ein bisschen davon in den Alltag rübergeschwappt.

Für Jocelyn war diese Konstellation natürlich schwieriger als für mich. Immer wieder hat er sich mir gegenüber wie ein scheuendes Pferd verhalten. Es war anfangs sehr schwierig, über unsere Filmfiguren zu kommunizieren, aber das hat sich gottlob schnell gelegt.

Frage: Wie erklären Sie sich, dass man Ihnen so häufig Polizistenrollen anbietet?

Jean Reno: Vielleicht ist es eine Frage der Autorität. Vielleicht kann ich "Stehen bleiben, keine Bewegung!" so gut rüberbringen, dass sich keiner mehr zu widersprechen traut. (Lacht). Aber ich bekomme ja häufig auch ?Weicheier' angeboten. Nehmen Sie nur meine Rolle in "Die Besucher" oder in der Neuverfilmung von "Der Rosarote Panther". Möglicherweise ist es auch so, dass ich das eine nur spielen kann oder will, weil ich weiß dass es hoffentlich bald den Ausgleich durch das Gegenteil gibt.

Jean Reno
Filmplakat

Dirk Jasper FilmLexikon

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