Interview mit Joachim Król
Joachim Król Joachim Król über den TV-Film Es geschah am hellichten Tag

Frage: Wenn Ihnen vor fünf Jahren jemand gesagt hätte, Sie spielten einmal eine Rolle, in der schon Heinz Rühmann brillierte, was hätten Sie ihm geantwortet?

Joachim Król: Ich hätte erst einmal gefragt welche - längst nicht alle hätte ich mir gewünscht. Und dann hätte ich wahrscheinlich gesagt: "Warum denn nicht ..." Ich habe Es geschah am hellichten Tag vor über zwanzig Jahren gesehen. Der Film soll bei seiner Erstaufführung ja ein echter Schocker gewesen sein. Das hatte sicher mit dem Tabuthema und den 50er Jahren zu tun. Mit der heutigen Seherfahrung wirkt die alte Verfilmung fast ein bißchen wie Theater.

Frage: Thema Kindesmißbrauch: Wie haben Sie sich dem Thema genähert, den psychischen Druck während des Drehs bewältigt?

Joachim Król: dass wir durch diese schreckliche Geschichte in Belgien so aktuell wurden, war ganz schlimm. Zeitweise hatte ich das Gefühl, unter Schock zu stehen. Ich habe das einfach nicht aus dem Kopf gekriegt - so entsetzlich ist mir das Thema noch nie vor Augen geführt worden. Ansonsten habe ich mich wie immer vorbereitet. Zuerst baue ich den Charakter, versuche mir vorzustellen, wo er herkommt, warum er da ist, wo er ist. Und dann stimme ich mit dem Regisseur ab, ob er sieht, was ich meine.

Frage: Wie war die Zusammenarbeit mit Nico Hofmann?

Joachim Król: Nico Hofmann ist 'ne Kanone, da bereue ich keine Minute. Schon am Telefon musste ich über seinen kleinen, feinen Akzent lächeln, und es war schnell klar, dass wir miteinander können. Er ist einfach glasklar und so professionell, wie man es sich nur wünschen kann. Wenn eine Produktion so harmonisch zu Ende geht, ist das ein Zeichen, dass man gut gearbeitet hat.

Frage: Regisseur Nico Hofmann beschreibt Matthäus als eine aktuelle Gestalt, einen modernen Single. Welche Geschichte hat dieser Mann?

Joachim Król: Ich habe während des Drehs immer von der unerzählten Geschichte gesprochen: Wo ist Matthäus' Familie geblieben, warum lebt er in diesem lausigen Zimmer und hat so ein eigentümliches Verhältnis zu seinem Vorgesetzten? Sicher ist er ein Mann von heute, aber er ist nicht so oberflächlich, mit dem sogenannten "Zeitgeist" hat er wahrscheinlich Probleme. Sein Kollege aus der Stadt hat sich für die Karriere entschieden - Matthäus eher fürs Neinsagen.

Frage: Anfänglich hat Matthäus das Recht auf seiner Seite - in der Entwicklung wird sein Verhalten fanatisch. Die introvertierten Züge der Figur wechseln zu starker Emotionalität. Eine interessante schauspielerische Herausforderung?

Joachim Król: Ja, sicher. Aber laute Töne sind oft gefährlich, Trompetenstöße ohne Bedeutung. Bei großen Emotionen im Fernsehen bin ich eher mißtrauisch. Fernsehen ist ein riesiges Vergrößerungsglas - da ist weniger oft mehr.

Frage: Junge Regisseure wie Detlev Buck, Sönke Wortmann und Nico Hofmann drehen gerne mit Ihnen. Was macht für Sie die Arbeit mit diesen Regisseuren reizvoll?

Joachim Król: Es ist eine gleichberechtigte Arbeit - biografische Berührungspunkte und eine gemeinsame Sprache machen vieles leichter. Das Gleiche gilt am Theater für Leander Haußmann. Er ist kein 68er-Superstar-Intendant, mit ihm kann man anders reden, weil wir keine Probleme mit Distanz und Hierarchien haben.

Frage: Sie haben dem Theater nach Ihren Kino-Erfolgen nie den Rücken gekehrt, spielen zur Zeit am Bochumer Theater. Eine Art Kontrastprogramm zu den Film-Rollen?

Joachim Król: Es ist für mich unbedingt notwendig, von Zeit zu Zeit Theater zu spielen. Aber im Moment wäre es unklug, mich an ein Haus zu binden. Ein festes Engagement macht es unmöglich, spontan auf Filmangebote zu reagieren. Außerdem sind die Bedingungen an den Stadttheatern um ein Vielfaches härter geworden. Die Gagen stehen in keinem Verhältnis zu der Arbeit, die SchauspielkollegInnen da leisten. Natürlich ist das Arbeiten ganz anders - z. Zt. spiele ich den Sosias in "Amphitryon" - da lege ich jeden Abend einen Zehntausendmeterlauf hin.

Frage: Sind Sie ein arbeitsamer Mensch, Schauspiel-Workaholic?

Joachim Król: Süchtige haben nirgendwo einen besonders guten Ruf, warum gerade Workaholics in Deutschland so ein hohes Ansehen genießen, ist mir ein Rätsel. Ich kann mir das Warum-Fragen nicht abgewöhnen: Warum soll ich die Rollen spielen - das niedrigste Motiv wäre Geld. Drei Dinge sind für mich wichtig: dass eine anspruchsvolle Geschichte verfilmt wird, dass der Dreh eine gewisse Erlebnisqualität hat und dass ich ein paar Dinge dazulerne. Ich reagiere gern spontan, wenn sich Türen öffnen. Hoch dekoriert zu Hause zu sitzen und auf Schmankerln zu warten, macht dick. Die Vorstellung 2-3 Jahre im voraus verplant sein zu können, bereitet mir Unbehagen.

Frage: Was verbindet Sie noch mit Ihrer Ruhrpott-Heimat?

Joachim Król: Ich identifiziere mich immer noch gerne mit dem Ruhrgebiet - Identität ist wichtig für einen Schauspieler. Wenn man wohin will, muss man wissen, woher man kommt. Auch deshalb bin ich nach vier Jahren Film zurück ans Theater in Bochum gegangen - ein Kreis musste sich wieder schließen. Meine Mutter lebt noch da, ich pflege alte Freundschaften und Borussia Dortmund ist noch immer mein Favorit.

Frage: Was sind für Sie die Vorzüge der Berühmtheit?

Joachim Król: Die meisten assoziieren natürlich Der bewegte Mann mit meinem Erfolg - danach landeten alle deutschen Komödien-Drehbücher auf meinem Tisch. Wenn jemand über "Tödliche Maria" spricht, ist das für mich fast wichtiger, weil der Film nicht so ein großes Medienfeedback hatte. Ein Erfolg wie Der bewegte Mann macht einen Schauspieler nicht unbedingt besser, kann aber vieles möglich machen. Ich wünsche einigen KollegInnen mal so einen Kracher!

Das Interview führte Bettina Gries.

• Dirk Jasper FilmstarLexikon
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