Interview mit Joan Plowright
Joan Plowright Joan Plowright , Darstellerin in dem Film Tee mit musssolini Frage: Wie sind Sie zu diesem Projekt gestoßen?

Joan Plowright: Es war schon lange eines von Francos Lieblingsprojekten; ich glaube, wir Sprachen vor zehn Jahren zum ersten Mal darüber. Er sagte: ?Es wird Rollen für euch alle geben. Alles Damen in einem gewissen Alter'. Dieser Film ist Teamarbeit, und die Schauspielerinnen müssen ihr Ego unter Kontrolle halten. Wir dürfen improvisieren, wenn man aber vier recht ausgeprägte Persönlichkeiten hat, die improvisieren wollen und eventuell der Meinung sind, die Hauptrolle spielen zu müssen, dann braucht man eine Übereinstimmung untereinander, dass nun eine die andere ins Rampenlicht rückt ... Trotz allem sind wir noch immer befreundet.

Frage: Wie ist die Arbeit mit Franco?

Joan Plowright: Franco arbeitet stark orientiert an Orson Welles Theorie der "glücklichen Zufälle" - also mit diesen spontanen Dingen, die auf dem Set geschehen. Er überlässt es einem selbst, sich die Reaktion auf eine bestimmte Situation auszudenken. Das macht Spaß und ist sehr amüsant. Andererseits aber, wenn es zum Beispiel Dialoge am Set gibt, spielt er uns unsere Rollen vor. Manchmal musss man vorsichtig sein, um ihn nicht zu kopieren, sonst wäre am Ende alle Figuren gleich.

Frage: Wer sind die Ladies im Film?

Joan Plowright: Sie sind eine Gruppe von Damen, die Florenz einfach liebten und dort lebten - die typische romantische Engländerin.

Frage: Wen spielen Sie?

Joan Plowright: Ich spiele Mary Wallace, die für Lucas Vater als Dolmetscherin arbeitete und auch Lucas Englischlehrerin war. Sie konnte den Gedanken nicht ertragen, Luca in einem Waisenhaus zu wissen und nahm ihn deshalb in ihrer Wohnung auf, erzog ihn für einige Zeit.

Frage: Konnten sie sich die Rolle aussuchen, die Sie wollten?

Joan Plowright: Nein, Franco hat Mary für mich ausgesucht. Wir haben oft gemeinsam Urlaub gemacht und er hat mich mit kleinen Kinder erlebt, mit einem Kind in meinen Armen auf einem Boot, oder er hat gesehen, dass ich nicht tanzen gehen konnte, weil das Kind mich nicht gehen lassen wollte. Deshalb hat er dieses mütterliche Image von mir. Er weiß aber, dass ich auch noch eine andere Seite habe.

Frage: Kennen Sie diese Gegen gut?

Joan Plowright: Ich bin hier für kurze Aufenthalte gewesen, aber wie alle anderen bin ich von der Schönheit absolut überwältigt. Ich hätte sogar eine kleine Rolle in diesem Film angenommen, nur um an dieser Schönheit teilhaben zu können.

Frage: Was bildet den Kern der Geschichte?

Joan Plowright: Zweitweise dachte man an den Titel "Damen von Florenz" und das ist es teilweise auch. Francos Leben war sehr eng mit ihnen verwoben. Sie vermittelten ihm seine ersten Erfahrungen mit klassischer Literatur und Malerei. Man sieht diese Damen durch die Augen des kleinen Luca, und sie sind eine sehr exzentrische Gruppe. Sie stechen einander aus, verstricken sich in ihre Eifersüchteleien u. s. w., und werden schließlich durch die tragische Umstände vereint. Diese Figuren und ihre Schicksale sind genauso wichtig wie Lucas Geschichte.

Frage: Wie kommt der junge Schauspieler Baird Wallace mit drei der besten englischen Schauspielerinnen der Gegenwart zurecht?

Joan Plowright: Was mich angeht, funktioniert es sehr gut. Er ist ein so Charmanter und wohlerzogener junger Mann. Er möchte es so sehr und bemüht sich, seine Sache gut zu machen. Trotzdem wird er sehr nervös, wenn Franco sechs Takes machen will. Wir wissen alle, was Franco für ein Perfektionist ist. Und Baird spielt ja Franco, das ist eine große Verantwortung. Er hat keinerlei Erfahrung und ist ein sehr natürlicher Darsteller, das ist im Film sehr wichtig. Beim Theater ist das anders, da musss man überlebensgroß sein und noch die hinterste Reiheerreichen. Im Film musss man vor der Kamera leben, die Kamera erreicht dann das Publikum. Baird macht seine Sache sehr gut.

Dirk Jasper FilmLexikon
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