| Interview mit Joanne K. Rowling |
Gespräch mit der
Harry Potter-Autorin Joanne K. Rowling über Kriterien für
gute Kinderbücher - und ein 'Ministerium für
Leseförderung'.
Als Strafarbeit musss
er zwar nicht Unkraut jäten - aber dafür Gnome aus dem
Garten verjagen. Der Zauberlehrling Harry Potter erlebt nicht nur
spektakuläre Abenteuer, sondern auch die Tücken eines
typischen Kinderalltages. Die Britin Joanne K. Rowling, 34,
schildert beides so spannend und humorvoll, dass sie Millionen
Kinder und Erwachsene in begeisterte Harry Potter-Leser verwandelt
hat. Und sich selbst in eine Mischung aus Kinderbuch-Autorin und
Popstar. Der Film nach dem ersten
Buch wird jetzt gedreht.
Frage: Die leidenschaftlichste Leserin in Ihren Harry Potter-Büchern heißt Hermine - und wird auf den ersten Blick sehr spröde. Macht Lesen Kinder zu Einzelgängern?
Joanne K. Rowling: Hermine ist in doppelter Hinsicht ein ironisches Selbstporträt: Ich habe als Kind fast meine ganze Freizeit mit Lesen verbracht. Und ich fühlte mich außerdem nicht besonders attraktiv. Aber man sollte das nicht miteinander verknüpfen und damit überbewerten.
Frage: Was geht in Kindern vor, die viel lesen?
Joanne K. Rowling: Das Klischee von dem kleinen Bücherwurm, der vereinsamt und vor der realen Welt flieht, passt meiner Erfahrung nach oft einfach nicht. Lesen ist keine Flucht, sondern ein Abenteuer. Das wiederum setzt Mut und Aktivität voraus. Und es hat zur Folge, dass Leser auch besondere Fähigkeiten erwerben: zum Beispiel das Eintauchen in die Gedankenwelt anderer Menschen.
Frage: Harry Potter lieben nicht nur Bücherfans, sondern auch viele Kinder, die mit Lesen gar nichts am Hut haben. Wie erklären Sie sich das?
Joanne K. Rowling: Da müssen Sie die Kinder schon
selbst fragen. Ich finde das auch erstaunlich - und freue mich
über diesen Aspekt des Erfolges fast am meisten. Nur über
eine Reaktion war ich noch glücklicher: als ich mich endlich
getraut habe, meiner Tochter die Bücher vorzulesen. Sie hat
sie sofort gemocht. Da war ich sehr erleichtert.
Frage: Was macht Ihrer Meinung nach ein gutes Kinderbuch aus?
Joanne K. Rowling: Kinderbücher dürfen nicht vorgaukeln, dass Erwachsen-Werden bedeutet, endlich vollkommen zu werden. Das passiert leider relativ häufig. Ich finde es stattdessen wichtig zu zeigen, dass Erwachsene ebenso oft in Krisen geraten können wie Kinder.
Frage: Wird Harry Potter also auch als erwachsener Zauberer Schwächen zeigen?
Joanne K. Rowling: Mich reizt die Herausforderung, Harry in den folgenden Bänden langsam erwachsen werden zu lassen. Aber danach ist die Erzählung beendet: Es wird definitiv keinen Harry Potter geben, der sich mit de Problemen der Midlife Crisis herumschlägt.
Frage: Für die Welt von Harry Potter haben Sie sich ein Zauberministerium ausgedacht. Was würden Sie empfehlen, wenn die Politiker auf einmal ein Ministerium für Leseförderung einrichten würden?
Joanne K. Rowling: Als ehemalige Lehrerin fällt mir als erstes ein: Macht die Klassen kleiner, sorgt für bessere Lehrer - und bezahlt sie auch besser. Hier kann ich allerdings nur für Großbritannien sprechen.
Frage: Und wie sehen Sie die Rolle der Eltern bei der Leseerziehung?
Joanne K. Rowling: Die Begeisterung für Bücher habe ich mir bei meiner Mutter abgeschaut - einer besessenen Leserin mit einer riesigen Büchersammlung. Ebenso wichtig war für mich die Erfahrung, dass meine Mutter keine Zensur ausgeübt hat. Ich durfte alles, was mich interessierte, aus dem Regal nehmen.
Frage: Was kann Ihrer Meinung nach Leseförderung leisten?
Joanne K.
Rowling: Wenn man die Unterrichts-Bedingungen verbessert, sind
Schulen sicher in der Lage, Kinder zum Lesen motivieren. Und einige
Schulen leisten in dieser Hinsicht sicher schon jetzt gute Arbeit.
Aber wir können den Kindern gegenüber nicht viel mehr tun
als Angebote machen. Ein englisches Sprichwort lautet: 'Du kannst
ein Pferd zur Tränke führen. Aber du kannst es nicht
zwingen zu saufen.'
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