Interview mit John Bayley
John Bayley Regisseur Richard Eyre spricht mit John Bayley dem Ehemann von Iris Murdoch über den Film Iris Frage: Haben Sie die Bücher über Iris geschrieben, um das Erlebte verarbeiten zu können?

John Bayley: Ja, in der Tat, genau so ist es, nur noch viel kruder: Ich suchte nach einem Weg mich aufzuheitern, als alles ganz, ganz schlimm war.

Frage: Haben Sie damit auch versucht, eine Art von Lebenssinn zu finden?

John Bayley: So habe ich das damals nicht gesehen. Ich wollte ganz einfach nur etwas zu Papier bringen. Ich rede so viel mit Alzheimer-Gruppen, die sich wirklich bemühen. Da sage ich immer: 'Ich bin sicher, dass es das wichtigste ist, eine Stunde am Tag zu haben - bei mir kam sie immer ganz früh am Morgen - in der man etwas tut, was nichts mit dem Bemühen um den Patienten zu tun hat. Am besten ist es, wenn man niederschreibt, wie das ist, was da vorgeht. Auch wenn es keine gute Erfahrung ist, ist es das immer noch wert.

Frage: Finden Sie, dass die Darstellung von Judi Dench der wahren Iris körperlich nahekommt?

John Bayley: Ich fand, dass sie ganz nah dran war. Als sie uns das Bild für den Titel der neuen Ausgabe meines Buchs schickten, dachte ich, es sei Iris. Aber es war Judi Dench. Es ist unheimlich, wie sehr sie Iris ähnelt. Sie ist solch eine wundervolle Schauspielerin. Je länger der Film dauert, desto ähnlicher wird sie Iris. Was Sie so wunderbar herausarbeiten, ist dieser leicht bullige Gang. Das fand ich immer so schön.

Frage: Wie ist es mit Kate Winslet?

John Bayley: Sie hat eine wundervolle Ausstrahlung.

Frage: Traf das auch auf Iris zu?

John Bayley: Ja, das traf auch auf Iris zu, aber natürlich fand ich nie, dass Iris so hübsch war.

Frage: Aber John, das können Sie doch nicht sagen! Man muss sich nur die Fotos der jungen Iris ansehen - dieses Foto von ihr in der Schule in Somerville, die Augen durchbohren einen förmlich. Sie ist so glamourös, so sexy.

John Bayley: Sie hatte ein sehr ansprechendes Gesicht. Meine Sicht der weiblichen Schönheit, die sehr simpel ist, stammt komplett aus dem Kino. Ich mochte Leute wie Esther Williams, der Schwimmstar.

Frage: Wenn Sie betrachten, wie Iris und John im Film zusammenkommen - war das in der Realität ähnlich?

John Bayley: In der Tat. Dieser Teil des Buchs ist absolut wahr, dass ich sie auf dem Fahrrad am Fenster vorbeifahren sah. Das haben Sie aus gutem Grund nicht im Film untergebracht. Ich habe einfach nur so gelangweilt rausgeschaut. Meine Schule war direkt auf der anderen Seite der Straße von ihrer, und ich habe mich gefragt, wer sie ist. Ich fand, dass sie aussah wie ein netter Mensch. Ich habe sofort gedacht, dass ich sie gerne heiraten würde. Weil das niemand sonst wollen würde. Da wartete ein richtiger Schock auf mich.

Wenn ich die Fotos von Iris betrachte, verstehe ich, warum sich alle in sie verliebten. Vielen, sehr vielen Leuten ging es so.

Frage: Wie geht es Ihnen, wenn Sie sich im Film selbst sehen? Fühlen Sie sich da befangen?

John Bayley: In der Tat. Ich dache, dass Judi Dench mehr wie Iris sein würde als Jim Broadbent wie ich. Aber ich fand ihn wundervoll. Ich fühle mich geehrt, und ich finde, dass sein Sprachrhythmus extrem gut war, obwohl es natürlich unmöglich ist, das eigene Gestotter zu hören.

Als wir in Oxford beim Lunch saßen, sagte ich: "Was hätte Iris wohl davon gehalten, dass Sie über sie schreiben?" Und sie antworteten: "Sie wäre absolut begeistert gewesen." Sie hatte so ein schönes Lächeln. Vor allem, als sie krank wurde. Als ich ihr sagte, dass ich über sie schreibe, meinte sie: "Ach, tatsächlich? Das macht mich glücklich."

Frage: Würden Sie sagen, dass es zutrifft, wenn man sie als "Heilige" beschreibt?

John Bayley: Ich finde nicht, dass das richtig klingt. Ich denke, sie war ausgesprochen gut. Wenn sie jemandem bei einer Liebesaffäre weh tat, dann war sie fürchterlich aufgebracht darüber. Das traf sie richtig hart. Aber ich würde sie nicht als Heilige bezeichnen. Sie tauschte Partner mit einem ihrer engsten Freunde. Das klingt wie einer von Iris' Romanen - ich denke, sie tauschten Partner, als sie jung war. Das hatte keinen zynischen Hintergrund, sie waren eher erfüllt von großer Furcht. Es passierte einfach so.

Diese Konzentration auf das Gute im Menschen findet man bei Schriftstellern nur sehr selten und bei Philosophen noch seltener. Die meisten befassen sich lieber mit dem Bösen. Sie war fasziniert von Macht, der Macht und dem Bösen, und Macht als Bösem. In diesem Sinne war ihr Freund - und Liebhaber - Elias Canetti ein außergewöhnlicher Mann. Er war ein sehr ambivalenter Typ, weil er immer sagte, dass er gegen Macht sei, dass er Macht hasse, aber er war ein lebendes Beispiel für Macht. Er lebte nur dafür und durch sie. Sehr buchstäblich, weil ihm die Menschen Geld gaben und ihn unterstützten, weil er derjenige war, der er war und weil er seine Überlegenheit über sie stets auszuspielen wusste - auch über Iris. Aber ich glaube, das ging nicht lang. Was an "Flight from the Enchanter" so interessant ist, ist, dass sie darin zeigt, wie man so jemandem entkommen kann.

Frage: Hatten Sie den Eindruck, Sie seien Iris' Amanuensis (in der griech. Antike: "Sklave, Sekretär") gewesen?

John Bayley: Ich finde nicht. Sie war sehr unabhängig. Wir nahmen einander als gegeben hin. Sie sagte einmal: "Was mir am Verheiratetsein mit dir gefällt, ist, dass ich dich als gegeben hinnehmen kann." Es gibt eine schöne Zeile von einem australischen Poeten: "Näher und näher auseinander."

Frage: Im Film lasse ich Iris zu einem Zeitpunkt sprechen, als sie es eigentlich gar nicht mehr kann. Und sie sagt zu Ihnen: "Ich liebe dich."

John Bayley: Nun, das konnte sie bis ganz zum Schluss sagen. Ich fand, das kam im Film an ganz genau der richtigen Stelle. Auf eine lustige Weise sagte sie Dinge wie diese. Und sie benutzte ulkige Wörter wie "Susten pujeen". Meine Mutter hatte ebenfalls Alzheimer. Ich dachte immer, es müsse einen Weg geben, wie man zu ihr durchdringen kann. Und wenn man nur eine Sprache lernen müsste, die "Susten pujeen"-Sprache.

Frage: Gelang es Ihrer Mutter, in irgendeiner Form mit Ihnen zu kommunizieren?

John Bayley: Nein, sie verbrachte viele Jahre im Krankenhaus. Und die Schwestern sagten: "Sie befindet sich heute in einer blendenden Stimmung." Aber weil ich sie nur alle zwei oder drei Wochen sah, dachte ich, sie hätte überhaupt keine Stimmungen. Aber ich vermute, es war einfach nur mein Unvermögen, ihre Sprache zu verstehen. Es ist so schwierig.

Frage: Ich weiß, John, aber das finde ich so bewegend, dass Sie es so sehr versuchten.

John Bayley: Ich blicke unentwegt zurück und denke: "Warum habe ich nicht mehr, mehr, mehr getan?" Es gibt Zeiten, da verlor ich meine Geduld, aber ich bedaure es nicht wirklich, weil es ihr egal war.

Frage: Ich kann verstehen, dass Sie sich fürchterlich einsam gefühlt hätten, wenn Sie nicht da gewesen wäre.

John Bayley: Als sie ins Krankenhaus ging, wusste ich nicht, was ich mit mir anfangen sollte. Es dauerte nur drei Wochen, eine erstaunlich kurze Zeit. Ich wusste, dass es nicht länger weitergehen könne. Ich musste sie da hinbringen, weil ich sie nicht mehr dazu bringen konnte, etwas zu essen oder zu trinken. Oh, ich war von ihr mehr abhängig als sie von mir. Davon bin ich überzeugt, und das war so merkwürdig.

Frage: Als Sie den Film sahen, in welcher Form berührte er Sie?

John Bayley: Ich vergoss mehr Tränen in diesem Film als in meinem gesamten Leben, weil alles so gut dargestellt war, wie es wirklich gewesen war. Ganz offensichtlich war mir bewusst, dass es sich um ein Stück Kunst handelt. Und Kunst bewegt einen oft mehr als die Dinge, die man im Leben tut.

Dirk Jasper FilmLexikon
© 1994 - 2010 Dirk Jasper