Interview mit John Malkovich

"Liebesgeschichten sind immer unmöglich."

John Malkovich ist der Regisseur des Films Der Obrist und die Tänzerin. Der Schauspieler gibt damit sein Regiedebüt.

Frage: Halten Sie sich an die historischen Fakten?

John Malkovich: Nicholas Shakespeares Drehbuch enthält viele Details, die mit der tatsächlichen Geschichte übereinstimmen. Andere dagegen sind frei erfunden. Der Obrist und die Tänzerin ist kein Dokumentarfilm, will keiner sein - so nennen wir auch nie den Namen des Landes, noch den wirklichen Namen des Führers. Die Story ist ein Stück packender Fiction und doch fest in der Wirklichkeit verankert.

Erst dieses Dopplung hat mich so gefesselt - der Ton, der Stil, die Art und Weise, wie Tatsachen, Indizien und Fiktionen miteinander kombiniert sind. Der Film wird die Grenze absichtlich undeutlich lassen: Der Reiz an dem ganzen Vorhaben war, eine wahre Geschichte zu erzählen, als wäre sie erdacht.

Frage: Wie stehen Sie dem Phänomen des Terrorismus gegenüber?

John Malkovich: Alle Widerstandsgruppen oder terroristische Vereinigungen, die aus dem Untergrund gegen Regierungen opponieren, ähneln sich. Sie treten an, einen Teil der Gesellschaft, die ansonsten keine Stimme hat, eine Stimme zu geben. Darin liegt ebenso viel Idealismus wie Anmaßung und Verblendung. Diese Organisationen werden von Instinkten wie Stammesgefühl, Opfer-Bewusstsein und Paranoia gesteuert.

Sie glauben, dass ihre Sichtweise die richtige ist, und sie kämpfen für radikale Veränderungen, die die gesamte Gesellschaft betreffen werden. Ihre Entscheidungen sind endgültig. Sie haben sich selbst sämtliche Alternativen verstellt. Das ist für unsereinen schwer nachvollziehbar, aber wie könnte man verleugnen, dass es solche Strömungen gab und vermutlich auch immer wieder geben wird.

Frage: Woher kommt Ihr Interesse für den "Leuchtenden Pfad"?

John Malkovich: In Peru existierte eine gewaltbereite Bewegung gegen die bestehende Ordnung. Die Reichen behalten Macht und Reichtum für sich, während die Armen des Hungers sterben. Ich interessiere mich seit 1986 für die Aktivitäten dieser Gruppe namens "Leuchtender Pfad". Ihre Methoden waren einfach sehr auffällig, auch wenn ich mich nie besonders für ihre Ideologie interessiert habe.

Der Obrist und die Tänzerin ist kein Film über den "Leuchtenden Pfad", sondern handelt von einem Mann, der sich mit dem Terror auseinandersetzen muss und der für seine Ideale, für die Möglichkeit, Dinge zum Besseren zu wenden, kämpfen muss.

Frage: Javier Bardem war von Anfang Ihr Wunschkandidat für die Hauptrolle. Weshalb?

John Malkovich: Er besitzt eine überwältigende Präsenz und eine unglaubliche Energie. Wie er an seine Rolle heranging, ist wahrlich inspirierend: Er besaß mehrere Notizbücher voller Stichpunkte über die Charaktere. Er fragte mich Hunderte von Fragen. Es ist sehr offensichtlich, dass ihm gefällt, was er tut. Er bringt sich zu 100 Prozent in das Projekt ein. Auf eine bestimmte Weise ist er all' das, was ich nicht bin: hartnäckig, studierwillig, detailversessen. Und das ist wunderbar.

Frage: Und wie sieht es mit den anderen Darstellern aus?

John Malkovich: Ich wählte Juan Diego Botto, Laura Morante und Elvira Minguez vor drei Jahren aus. Juan Diego ist sehr talentiert und besitzt eine besondere Sensibilität: Obwohl er von Geburt Argentinier ist, wuchs er als Schauspieler in Spanien auf. Laura ist Italienerin. Sie hat ein sehr offenes Gesicht. Ihre Figur durfte nicht jung oder unschuldig sein. Sie musste Größe, Stärke und Erfahrung haben - ich wollte eine Frau mit einer Vergangenheit, mit einer Geschichte. Ich mag auch Elvira; sie besitzt eine besondere Kraft.

Frage: Warum haben Sie für Ihr Regiedebüt diesen Stoff gewählt?

John Malkovich: Weil mich Nicholas' Roman und die Geschichte, die er erzählte, so sehr faszinierte. Daher wollte ich bei diesem Film Regie führen. Bis dahin hatte mich der Gedanke, selbst einen Film zu inszenieren, nie sonderlich interessiert, aber dieses Projekt hatte sich in meinem Kopf festgesetzt und ich ließ es zu, dass es mich fünf Jahre lang nicht mehr los ließ. Also musste ja einfach 'was dran sein.

Ich hatte ja schon zweimal Anläufe unternommen, selbst einen Film zu drehen, aber beide Projekte waren in der Entwicklungsphase stecken geblieben. Im Moment erscheint mir diese Arbeit sehr reizvoll, ebenso wie die des Produzenten: die Idee, ein Projekt ins Rollen zu bringen, eine Geschichte auszuwählen, bei der Entstehung des Drehbuchs mitzuwirken, die Mittel zu finden, den Film zu verwirklichen ... und dann das Endprodukt zu sehen, darin liegt eine große Erfüllung.

Frage: Wenn ich jetzt Ihren Film als einen Thriller mit einer unmöglichen Liebesgeschichte einordnen würde, würden Sie mir zustimmen?

John Malkovich: Ja, das würde ich für keine schlechte Definition halten. Liebesgeschichten sind immer unmöglich.

John Malkovich
Filmplakat

Dirk Jasper FilmLexikon

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