Interview mit Joseph Vilsmaier
Joseph Vilsmaier Joseph Vilsmaier führt Regie in dem Film "Schlafes Bruder" Frage: Wie sind Sie darauf gekommen, "Schlafes Bruder" zu verfilmen?

Joseph Vilsmaier: Bin ich gar nicht - Norbert Schneider, Komponist aller meiner Filme, hat mich darauf gebracht. Er schickte, so Ende 1993, einen Brief aus Puna, wo er gerade für das Goethe-Institut arbeitete. Er schrieb ungefähr "Lieber Joseph, ich sitze gerade über einem Buch, das mich nicht losläßt. Es ist kurz nach Mitternacht, und ich kann nicht aufhören zu lesen. Es ist ein Buch über Musik, über völlig neuartige Klangwelten ... Das wäre ein Film für uns. Kümmere Dich!" Und da habe ich mich gekümmert, hab' mir das Buch besorgt, hab es in einem Atemzug gelesen und wußte sofort, dass es stimmt, das war das Buch für einen Film, den ich drehen muss. Schon während des Lesens habe ich darüber nachgedacht, wie man das umsetzt - die Sprache, die Musik, das Übersinnliche. Dann habe ich Robert Schneider angerufen, wir haben uns getroffen und waren uns sofort einig: Eine wahnsinnige Idee. Entweder wird's ein Flop bis zum Geht-nicht-mehr oder einfach großartig.

Frage: Wie sah die konkrete Zusammenarbeit mit Robert Schneider aus?

Joseph Vilsmaier: Super, der Robert ist ein Profi. Es entstanden sieben Drehbuchfassungen in intensiver Zusammenarbeit zwischen Robert, unserem Dramaturgen Jürgen Büscher, Dana und mir. Da war viel Harmonie, aber es flogen auch Fetzen. Gut war es, dass Robert oft zum Dreh kam. Manchmal standen wir da nämlich ziemlich ratlos herum, fanden Szenen, so, wie sie geschrieben waren, nicht realisierbar, und Robert war in diesen Fällen immer kooperativ, hat mit uns überlegt und dann verändert.

Frage: Wie früh stand die Besetzung der Rollen fest?

Joseph Vilsmaier: Vier Monate vor dem Drehbeginn am 10. August 1994.

Frage: Ihre Idealbesetzung?

Joseph Vilsmaier: Absolut, bis in die kleinste Rolle.

Frage: Es gibt auf den ersten Blick eine entscheidende Gewichtsverlagerung vom Buch zum Film: Der Roman ist eindeutig antireligiös, der Film atmet jedoch eine geradezu religiöse Stimmung ...

Joseph Vilsmaier: Ich denke, es ist noch komplizierter - der Film ist beides, im Wort antireligiös, auch in der Figurenzeichnung, denken Sie nur an den Kuraten. Aber die Bilder, die Wirkung der Geschichte, das hat was Religiöses, besser gesagt: Schicksalschweres. Das muss sich auch so übertragen. Wir erzählen die Geschichte eines Menschen, der an der Last seines Schicksals zerbricht. Und da er sich Gott sehr nah fühlt, muss das Geschehen etwas tief Gläubiges ausstrahlen ...

Frage: ... dessen äußerlich stärkster Ausdruck das "Hörwunder" ist. Wie sind Sie an dessen filmische Umsetzung herangegangen?

Joseph Vilsmaier: Mit Angstschweiß, zunächst. Wir haben monatelang probiert, verworfen, wieder probiert. Hubert von Goisern zum Beispiel schwor zunächst auf so etwas wie tibetanische Chöre, sphärische Gesänge. Was wir alles versucht haben! Die Postproduktion war riesig, Arbeit mit den Münchner Philharmonikern eingeschlossen. Wir haben daran richtig gebastelt. Erst als wir dachten, das ist es, haben wir aufgehört. Ich habe mich dabei oft an ein Gefühl erinnert, dass mich in der Vorbereitung des Films mehrmals beschlichen hat: Da fuhren wir bis auf 3.000 Meter Höhe durch die Alpen auf der Suche nach Drehorten. In manchen Dörfern, die wirklich am Rande der Welt liegen, stießen wir auf totale Ablehnung. Wir standen in völlig leeren Gassen, alle Häuser waren dicht, aber wir haben genau gespürt, wie uns hundert Augenpaare hinter den zugezogenen Gardinen anstarrten ...

Frage: Ein Ort, wirklich am Ende der Welt ...

Joseph Vilsmaier: ... genau. Wie in unserem Film. Das prägt die Atmosphäre entscheidend: Eine Welt der Schattenseiten! In dieser rauhen Umgebung, in dieser durch uralte, ewig lastende Schicksale geprägten Welt gibt es viele Verlierer ...

Frage: ... die bekanntlich die dramaturgisch interessantesten Figuren abgeben ...

Joseph Vilsmaier: Ganz klar, was haben ewig strahlende Helden uns schon zu erzählen? - "Schlafes Bruder" spiegelt wirkliches Leben und Leiden in einer Welt, die von sich aus nicht sehr menschenfreundlich ist. Wie der einzelne darin zurechtkommt, das ist ja mein Thema. Mein Augenmerk gilt den "Unnormalen", denen, die oft keine Beachtung finden, die manchmal nur mit einem Lächeln den entscheidenden Anschub zu neuem Lebensmut bekommen oder dadurch, dass ihnen endlich mal jemand ehrlich zuhört. Aber natürlich klappt das nicht immer. Ich liebe Filme mit Happy End. Aber die Geschichte, die wir diesmal erzählen, die kann nicht im Glück enden. Das wäre verlogen. Dann hätten wir denFilm gar nicht drehen dürfen ... Man muss sich eben auch mal zum Schmerz bekennen. Aber, zurück zu den Gefühlen. Sie sind für mich der Motor. In unserem Alltag unterdrücken wir sie viel zu oft. Ich finde, wir müssen sie zeigen. Flucht vor Gefühlen verbiegt die Menschen nur.

Frage: Sie entwickeln die Geschichte in einem strengen, sehr genau gearbeiteten Rhythmus. Wo entstand der - beim Schreiben, während des Drehens, im Schnitt?

Joseph Vilsmaier: Ehrliche Antwort?

Frage: Bitte.

Joseph Vilsmaier: In meinem Bauch. Ich kann keine Theorien entwickeln oder danach arbeiten. Ich drehe und montiere so, dass sich bei mir die heftigsten Gefühle entwickeln. Wobei ich immer nach Drehbüchern arbeite, in denen schon auf die größtmögliche emotionale Wirkung hingearbeitet wird.

Frage: Was ist Ihnen die liebste Arbeit, Regie, Kamera, Produktion?

Joseph Vilsmaier: Ich arbeite sozusagen mit verschiedenen Blicken: Beim Lesen bin ich eher der Kameramann, beim Drehen der Regisseur und in der Vorbereitungsphase, wenn das Projekt Stein für Stein wie ein Mosaik zusammengesetzt wird, bin ich ganz Produzent. Ich glaube, ich funktioniere nur in der Einheit dieser drei Aufgaben.

Frage: Spricht man mit Ihren Mitarbeitern, fällt bei allen ganz schnell der Begriff der "Familie". Der Regisseur Vilsmaier setzt offenbar auch in der Arbeit auf die (Verführungs-)Kraft der Gefühle?

Joseph Vilsmaier: Ich bin einfach, wie ich bin, und die Methode "Ich bin der Diktator und alle anderen haben zu funktionieren." liegt mir nicht. Ja, für mich ist es wichtig, eine familiäre Arbeitsatmosphäre aufzubauen, in der jeder weiß, wo sein Platz ist, aber auch jeder Raum hat, Fragen zu stellen, Vorschläge zu machen, seine Meinung zu sagen. Das gilt nicht nur für das Team, das gilt für alle, die mit uns zu tun haben. In diesem Fall also zum Beispiel auch für die Leute aus Gaschurn, allen voran der Bürgermeister Heinrich Sandrell. Ohne ihn wären wir sowieso verloren gewesen.

Frage: Wie ist Ihr Verhältnis zum Begriff "Pathos"?

Joseph Vilsmaier: Pathos - dazu habe ich gar kein Verhältnis. Der Film ist so, wie es der Stoff verlangt. Dieses Zusammenspiel von einmaliger Landschaft und ganz besonderen Charakteren ... ja, das ist stark ... Sie können es Pathos nennen. Vielleicht tue ich mich mit dem Begriff etwas schwer, weil er in unserer Alltagssprache meist negativ besetzt ist. Aber es stimmt: "Schlafes Bruder" ist pathetisch in dem Sinn, dass es ein leidenschaftlicher Film in jeder Hinsicht ist - die Geschichte ist es, und alle Beteiligten haben wirklich mit nahezu unendlicher Leidenschaft daran gearbeitet.

Herzlichen Dank für das ausführliche Gespräch, Joseph Vilsmaier!

Dirk Jasper FilmLexikon
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