Interview mit Jürgen Prochnow

"Im Augenblick ist Berlin wahrscheinlich die faszinierendste Stadt!"

Jürgen Prochnow ist der männliche Hauptdarsteller des TV-Films "Die Millennium-Katastrophe - Computer-Crash 2000", der am 28. Dezember 1999 auf Sat.1 gesendet wird. Frage: In "Die Millennium-Katastrophe - Computer-Crash 2000" geht es - klar - um Computer. Kennen Sie sich gut damit aus?

Jürgen Prochnow: Überhaupt nicht. Es ist bei mir so, wie bei meiner Mutter oder auch früher bei meiner Großmutter: Die wurde geboren, als es noch kein Telefon gab. Bei meiner Mutter kam das gerade so auf, und ich sehe, welche Schwierigkeiten sie mit dem Telefonieren hat - so geht es mir mit dem Computer.

Meine Kinder sind damit aufgewachsen, und ich will mich unbedingt damit befassen. Ich lebe in Los Angeles, dort gehört der Computer heutzutage dazu, jeder hat einen, und ich komme mir vor wie ein Fossil aus der Steinzeit.

Frage: Alle sprechen von dem großen Computerchaos am 31.12.1999. Haben Sie Angst davor?

Jürgen Prochnow: Ich habe bisher noch keine Angst, aber ich lese immer wieder Artikel darüber. Neulich habe ich im 'Spiegel' etwas gelesen, was mir gar nicht so bewusst war, nämlich, dass das Problem in vielen Ländern noch gar nicht gelöst zu sein scheint.

Ich dachte immer, man könnte das ganz einfach in den Griff bekommen, das ist aber anscheinend nicht der Fall. Man denkt gar nicht daran, aber die Welt besteht aus so vielen Ländern, und viele sind in der Technologie nicht so weit. Deutschland, als eines der führenden Wirtschaftsländer der Welt, scheint das Problem eben auch in vielen Bereichen noch nicht gelöst zu haben.

Man hat in Los Angeles Tests gemacht und die Umstellung sozusagen in den Computer einprogrammiert. Das hatte zur Folge, dass sich eine Riesen-Jauche-Brühe über irgendeinen Stadtteil ergossen hat. Ich kann nur hoffen, dass dieses Szenario fiktiv ist und dass es sich in der Realität nicht so abspielt, wie das in unserem Film der Fall ist.

Frage: Wo werden Sie den Tag verbringen?

Jürgen Prochnow: Ich nehme an, in Los Angeles. Aber ich glaube nicht, dass ich fliegen werde.

Frage: Was macht für Sie eine gute Rolle aus?

Jürgen Prochnow: Für mich ist ganz entscheidend, dass das Drehbuch einen Sinn macht, mich interessiert, dass ich mir die optische Umsetzung für einen Film gut vorstellen kann, dass es spannend ist, eine Aussage hat und damit verbunden natürlich, dass es eine Rolle ist, die es mir wert ist zu spielen. Etwas ganz Besonderes sind neue Bereiche, neue Herausforderungen, etwas, das ich noch nicht gemacht habe, eine Figur, die meine Neugierde in dieser Beziehung weckt.

Frage: Was spielen Sie lieber, den Guten oder den Bösen?

Jürgen Prochnow: Das hängt sicherlich von dem Drehbuch ab. Wenn ich ein tolles Drehbuch habe, ist es mir ganz egal, ob es der Gute oder der Böse ist. Der Charakter, den ich spiele, muss mich interessieren. In Amerika - und das ist ein gewisser Nachteil bei den großen Kinoproduktionen - werden die Ausländer, zu denen ich ja auch zähle, sehr oft mit den 'Bösewichtern' besetzt.

Der Held muss ein Amerikaner sein und für das amerikanische Selbstbewußtsein das Gute spielen, da bleibt dann eben nur das 'Böse' übrig. Oft sind es aber viel interessantere Rollen, als einen durchgängig Guten zu spielen. Das würde mich nicht so reizen, wenn es immer dasselbe wäre. Ich finde gerade eben die Bandbreite und die Möglichkeiten viel interessanter.

Frage: Warum leben Sie in Los Angeles?

Jürgen Prochnow: Ich bin vor ein paar Jahren dort hingezogen, weil ich schon immer da leben wollte. Es ist die Hauptstadt des Films, und wenn man mit Filmen zu tun hat, bietet sich das an. Ich hatte damals durch Das Boot den Eintritt in den us-amerikanischen Markt. Insofern bekam ich sofort von drüben Angebote. Leute kamen auf mich zu und wollten mit mir arbeiten - das hat es natürlich ungeheuer erleichtert.

Man muss sich dann natürlich erst einmal beweisen, aber ich hatte immerhin die Möglichkeit mich zu beweisen - die haben viele erst gar nicht. Deshalb wollte ich eigentlich immer da leben. Ich habe das viele Jahre nicht gemacht, weil ich eine Familie hatte und meine Ex-Frau wollte, dass die Kinder in Deutschland groß werden und dort zur Schule gehen.

Ich bin immer hin- und hergeflogen, habe die Familie auch oft mitgenommen und Zeit mit ihnen drüben verbracht. Es wurde immer schwieriger, und ich hatte nie meinen ersten Wohnsitz verlegt. Inzwischen habe ich in Deutschland gar keinen Wohnsitz mehr und lebe in Los Angeles.

Frage: Haben Sie manchmal Heimweh?

Jürgen Prochnow: Ich komme oft 'rüber, wegen meiner Kinder, wegen Freunden und auch wegen meiner Mutter. Es ist kein Emigrantenschicksal für mich. Es gibt diese berühmte Villa Aurora in Los Angeles, in der Feuchtwanger in den 40er Jahren gewohnt hat. Dort findet jetzt ein Austauschprogramm statt: Künstler aus Deutschland kommen dort zusammen und wohnen dort auch eine Zeitlang.

Das ist ein völlig anderes Dasein gewesen, damals als Bertolt Brecht, Thomas Mann etc. sich die Klinke in die Hand gegeben haben. Die hatten nicht die Möglichkeit zurückzugehen, die waren festgenagelt in Los Angeles - das ist heutzutage schon ganz anders. Ich kann hin- und herfliegen und mache es auch.

Ich drehe sowieso auf der ganzen Welt, also bin ich notwendigerweise auch in Los Angeles, nur, dass da die Projekte entstehen, da sind die Produzenten und Regisseure zu Hause.

Frage: Wird es mal wieder ein gemeinsames Projekt mit Wolfgang Petersen geben?

Jürgen Prochnow: Ich hoffe, aber im Moment steht noch nichts fest. Er dreht einen neuen Film: 'The Perfect Storm'. Das ist die Geschichte von einem Jahrhundertsturm, der 1991 über die Ostküste Amerikas fegte.

Frage: Was tun Sie, wenn Sie mal nicht drehen?

Jürgen Prochnow: Zum Beispiel Urlaub machen, das tut mir richtig gut und meinen Kindern auch. Die sehe ich jetzt natürlich weniger als vorher, aber wann auch immer ich Zeit habe, nutze ich sie, mich mit ihnen zu treffen.

Frage: Machen Sie Sport?

Jürgen Prochnow: Ich schwimme regelmäßig, jogge und laufe Rollschuhe - das kann man in Los Angeles super machen. Tennis ist mein Lieblingssport.

Frage: Welche neuen Projekte stehen bei Ihnen an?

Jürgen Prochnow: Ich bereite verschiedene Projekte vor und kann noch nicht konkret sagen, welches ich als nächstes machen werde. Zur Zeit schalte ich ein wenig von dem ab, was ich gerade gemacht habe - und das war dieses Jahr sehr viel. Es steht ein Projekt an, von dem ich noch nicht genau weiß, ob es gemacht wird. Es ist immer wieder verschoben worden, ich bin ganz glücklich darüber.

Frage: Was halten Sie von Berlin, bzw. von dem neuen Berlin?

Jürgen Prochnow: Berlin ist meine Heimatstadt, ich freue mich jedesmal, wenn ich dort bin. Ich liebe die Stadt und fühle mich in dem Augenblick, wo ich ankomme, zu Hause. Im Augenblick ist es wahrscheinlich die faszinierendste Stadt. Es entsteht etwas, eine riesige Veränderung. Wenn ich in den ehemaligen Osten fahre, ist es immer wie ein Wunder für mich, dass das überhaupt möglich ist. Ich stehe da, gucke mir die Häuser an, und sie üben eine große Faszination auf mich aus.

Jürgen Prochnow

Dirk Jasper FilmLexikon

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