Interview mit Julia Ormond
Julia OrmondJulia Ormond ist die Hauptdarstellerin in dem Film Der Barbier von Sibirien Frage: Wie haben Sie Nikita Mikhalkov kennengelernt?

Julia Ormond: Mir wurde das Drehbuch auf dem üblichen Weg zugeschickt und dann habe ich ihn im Juli 1996 in Paris getroffen. Ende August haben wir Probeaufnahmen gemacht und die Dreharbeiten begannen im November. Es wurden die längsten Dreharbeiten, die ich bis dahin erlebt hatte.

Frage: Haben diese Dreharbeiten Sie als Schauspielerin verändert?

Julia Ormond: Die vier Monate, die ich mit Nikita verlebte, veränderten mich sehr. Seine Arbeitsweise macht ihn zu einem enorm stimulierenden Regisseur. Die Stanislawski-Methode, die ich studiert hatte, half mir, mich den Gegebenheiten anzupassen. Denn diese Methode, wie auch Nikitas Arbeitsweise, basiert auf Proben, auf dem Dialog und auf wirkliche Zusammenarbeit mit DisKusssionen: Jeder kann Ideen vorschlagen. Nikita lässt keinen hängen. Er hilft einem und opfert bereitwillig seine Zeit. Es ist faszinierend, ihm bei der Komposition einer Szene zuzuschauen, denn dieser Mann ist einfach ein Visionär.

Frage: Ein Film wie Der Barbier von Sibirien ist eine Herausforderung. Wie sind Sie damit umgegangen?

Julia Ormond: Die Rolle der Jane Callahan ist großartig und besitzt ein großes Gefühlsspektrum. Außerdem bauten Nikita und ich eine auf Vertrauen gründende Beziehung auf. Er gehört zu den seltenen Regisseuren, dem man sich als Schauspielerin vollends anvertrauen mag. Er hat eine wunderbare Art, mich auf die Arbeit einzustimmen und sich um mein Wohlbefinden zu kümmern.

Dieser Film erforderte große Anstrengungen, weil wir ständig via Dolmetscher kommunizierten. Und am Set ist das Verständnis für die Szene und den Dialog von ausschlaggebender Bedeutung. Dabei kann die Verständigung über Dolmetscher durchaus positiv sein, weil sie unerwartete Unterbrechungen verhindert und dafür sorgt, dass man seinen Satz beenden kann. Es kommt schnell zu Missverständnissen, wenn man oft unterbrochen wird. Während der Übersetzung jedoch hat man Zeit über das Gesagte nachzudenken und im Kopf genau vorzuformulieren, was man selbst äußern möchte. Viele Schauspieler hassen es, ihren Text Zeile für Zeile vom Regisseur kommentieren zu lassen - egal wie gut die Absichten eines Regisseurs sein mögen.

Schauspielern ist wie eine eigene Sprache, die auf Energie gründet. Kommunikation über eine Rolle bedeutete von einer intellektuellen Wahrnehmung in eine emotionale zu gleiten. Beides musss sich vermischen, um das beste Ergebnis zu erreichen.

Frage: Was ist diese Jane, die Sie spielen, für eine Frau?

Julia Ormond: Sie entwickelt ihre Persönlichkeit vor einem recht unglücklichen Hintergrund. Einerseits liebt sie Risiken, andererseits, von einem emotionalen Standpunkt, beschützt sie sich sehr. Sie hat gelernt, ihre Gefühle zu kontrollieren und sie nicht zu zeigen. Aber wenn es um Liebe geht, ist sie verloren. Ich liebe an diesem Film vor allem, dass alles so verständlich und nachvollziehbar ist. Es gibt nicht "den Bösen" auf der einen und "den Guten" auf der anderen Seite. Kleine, scheinbar unwichtige Details stellen alles auf den Kopf und komische Situationen stehen direkt neben hochdramatischen.

Der Film handelt von Ehre und Edelmut. Jane entwickelt sich, als sie ihren Mangel an Edelmut erkennt - und entscheidet sich dann doch, Tolstois neues Leben nicht in Unordnung zu bringen. Bevor sie von dem typisch russischen Sinn für Ehre und Opfer überwältigt wird, benutzt sie ihre gesellschaftlich anerkannte Position, um andere nach ihren Wünschen auszubeuten und für ihre hinterlistigen Zwecke einzuspannen.

Frage: Wie haben Sie die Dreharbeiten in Russland erlebt?

Julia Ormond: Die größte Frage, die dieser Film in meinen Augen aufwirft, lautet: "Kennen Sie dieses Land eigentlich?" Ich glaube, dass niemand, der je in Russland war, diese Frage beantworten kann. Der Barbier von Sibirien brachte mich zum dritten Mal für Dreharbeiten nach Russland. 1991 war ich in St. Petersburg, um den TV-Film "Young Catherine" zu drehen. Damals öffnete sich das Land gerade der Welt. 1992 kam ich, ebenfalls für eine US-Produktion, den TV-Film "Stalin" für HBO, zum zweiten Mal nach Russland.

Obwohl ich die Leute dort sehr mag, empfinde ich manchmal etwas Mitleid für das Land. Die Russen scheinen politisch in einer Sackgasse zu stehen, es ist schwierig, sich nicht schuldig oder beschämt zu fühlen, wenn man hier ist. Begonnen hat schließlich alles mit dem Zusammenbruch des Kommunismus, mit Perestroika und diesen Jahren der Umwälzungen. Das war, als ob die Russen aus einem langen Schlaf erwachten. Sie sahen sich um und erkannten eine Welt, die alles hat, was sie nicht haben.

Und im Westen hat man uns beigebracht, Russland zu fürchten. Der Barbier von Sibirien handelt von dem Konflikt zwischen Ehre und Korruption, über die Idee, Geld könne jedes Problem lösen. Man kann nicht in Moskau leben, ohne den Graben zwischen denen, die Geld haben und denen, die keins haben, zu sehen. Als Westler gehört man zu denen, die was haben. Verwirrung erscheint eine Art Notwendigkeit, die ans Überleben gekoppelt ist - das ist Teil der russischen Mentalität. Menschliche Werte sind daran gemessen von geringem Wert.

Frage: Welche Unterschiede sehen Sie in den Arbeitsweisen bei einer russischen und zum Beispiel einer amerikanischen Produktion?

Julia Ormond: Egal, in welchem Land man dreht, man musss sich den Gegebenheiten anpassen. Nikita Mikhalkov dreht nach seinem eigenen Rhythmus und der zählt. Die große Macht, die er über Menschen hat, sorgt dafür, dass man seine Scheu schnell ablegt. Als Schauspielerin war der Umgang mit einer solchen Energie überaus anregend. Seine Hingabe berührte mich tief. Da drüben verbringt niemand seine Zeit damit, Bäume abzuschlagen, um unnütze Papierberge anzuhäufen. Verschwendung ist nicht erlaubt. Also wenden sich die Menschen anderen Kommunikationswegen zu und das Ergebnis ist genau so gut.

Frage: Wie verhält sich Mikhalkov am Drehort?

Julia Ormond: Er weiß genau, was er will und gleichzeitig musss er sich völlig frei fühlen. Er weiß exakt, wie lang es dauert, eine bestimmte Szene zu drehen und welche Probleme auftreten können. Also kommt er nur zum Set, wenn es notwendig ist, und verschwendet keine Zeit mit unnützen DisKusssionen. Bereits vor Drehbeginn hat er alle Fragen beantwortet und die größten Probleme gelöst. Das ist sehr selten, wenn man mit einem englischen oder amerikanischen Regisseur dreht.

Frage: Haben Sie viel mit ihm diskutiert?

Julia Ormond: Ja, und er hat mir sehr viel über meine Rolle erzählt. Aber wir haben auch über technische Fragen diskutiert. Nikita weiß genau, wann er die richtige Stimmung erzeugt hat. So ist das auch im Theater: Eine Aufführung wird nicht automatisch besser, wenn man statt drei sieben Wochen geprobt hat. Unter Druck erlaubt man sich mehr Spontaneität. Die Länge der Dreharbeiten für Der Barbier von Sibirien wirkt vielleicht außergewöhnlich, aber das war die Größenordnung, die der Film brauchte. Und Nikita ist nun einmal nicht der Typ, der am Set auftaucht und "Action!" sagt.

Frage: Was war für Sie der beeindruckendste Moment bei den Dreharbeiten?

Julia Ormond: Wahrscheinlich das, was auf dem gefrorenen See geschah. Es war magisch. Auch am Nijni Nowgorod zu drehen war faszinierend. Genau wie McCrackens Maschine und seine Werkstatt. Dennoch: Die Einstellungen am See sind in meinen Augen eine berührende Betonung der russischen Seele. Eigentlich geschehen ständig beeindruckende Dinge an Nikitas Set. Beispielsweise gab es da eine Situation zu Beginn der Dreharbeiten. Der Ruf "Cut" ertönte, aber alle Komparsen machten einfach weiter. Plötzlich hatte man den Eindruck, dass ein Teil des Ganzen sich unabhängig gemacht hatte und völlig frei agierte. Für all diese Menschen war der Jahrmarkt echt geworden und die Kinder rannten herum und hatten richtigen Spaß.

Frage: Wie war es, im Kreml zu drehen?

Julia Ormond: Das war wirklich etwas Besonderes. Wir haben auch auf dem Roten Platz gedreht und Nikita gelang es, den legendären roten Stern, der ständig leuchtet, ausschalten zu lassen. Er rief einfach Boris Jelzin auf seinem Handy an und sagte: "Ist es ein Problem für Sie, den roten Stern auszuschalten?" Während des kommunistischen Regimes war der Stern niemals ausgeschaltet worden. Ich erinnere mich noch an eine merkwürdige Situation am Nijni Nowgorod: Eine Katze, die es sich in einer Ecke gemütlich gemacht hatte, war nicht vom Drehort zu vertreiben. Das mag unbedeutend klingen, aber es illustriert diese bestimmte Stimmung am Drehort, die Tiere oder Kinder nicht aus der Ruhe brachte. Sie wissen ja, dass viele Menschen behaupten, dass die Arbeit mit Tieren oder Kindern so schmerzhaft wie Zähneziehen ist. Bei diesen Dreharbeiten war das Gegenteil der Fall. Alle waren entspannt und glücklich und das wirkte sich auf die Stimmung aus.

Dirk Jasper FilmLexikon
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