Interview mit Julia Stemberger
Julia Stemberger Julia Stemberger (32), Darstellerin der Julia in Dieter Wedels Der König von St. Pauli (Erstsendung ab 13.01.1998, 20.15 Uhr) Frage: Im SAT.1-Sechsteiler Der König von St. Pauli spielen Sie eine Rolle, die Ihnen Drehbuchautor und Regisseur Dieter Wedel förmlich auf den Leib geschneidert hat. Wer ist Julia?

Julia Stemberger: Julia ist eine Figur, die sich auf die Suche nach ihren verborgenen Seiten begibt. Sie möchte etwas über sich, ihre Wirkung und ihre Erotik erfahren. Aus einem verzweifelten Übermut heraus sagt sie zu, etwas zu tun, was im ersten Moment nicht im Bereich ihrer Möglichkeiten liegt. Sie ist völlig fehl am Platz in diesem Milieu, dieser Gesellschaft, diesem Lokal - auf dieser Striptease-Bühne. Aber es packt sie der Ehrgeiz. Insofern hat sie etwas mit mir zu tun, ich verbeiße mich auch gern in Aufgaben, wenn es darum geht, Grenzen zu erweitern.

Frage: Aber Ihre "persönlichen Grenzen" sind doch schon recht ansehnlich. Wie hoch wollen Sie Ihre Latte noch hängen?

Julia Stemberger: Ich habe musikalische Seiten in mir, deswegen fließt auch immer Musik in meine Arbeit ein. Theater und Film versuche ich möglichst gleichgewichtig zu betreiben. Mich interessiert mein Beruf in seiner Gesamtheit - er hat viele Sprachen, in denen man erzählen kann, und man kann einiges über sich herausfinden.

Frage: Sie sind ja auch familiär "vorbelastet". Ihre Mutter ist wie Ihre Schwester Sängerin und Schauspielerin. Gab's da für Sie nie eine Phase, in der Sie sich gesagt haben: "Mit dem Familien-Job will ich nichts zu tun haben?

Julia Stemberger: Meine Mutter ist vor allem Sängerin - ich war die erste in der Familie, die nicht die Musik, sondern das Theater gewählt hat. Meine jüngere Schwester behauptet allerdings immer noch, dass ich ihr nur zuvorgekommen bin. Die Schauspielerei war also schon ein Weg, mich aus den Gefilden meiner Familie wegzubewegen und gleichzeitig einen großen Schritt hin zu mir zu machen.

Frage: In Anlehnung an Ihren letzten Erfolg mit Christian Görlitz' "Freier Fall", für den Sie kürzlich mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurden, hat eine Zeitschrift über Sie geschrieben: "Im freien Fall nach oben". Wie fühlen Sie sich, wenn Sie das lesen?

Julia Stemberger: Na ja. So' ne Beschreibung hat insofern mit mir zu tun, weil ich etwas Luftiges an mir habe. Ich brauche viel Freiheit, viel Freiraum - schon immer. Irgendwie war ich immer sehr selbstbestimmt. Die Vorstellung, viel Luft und viel Himmel über mir zu haben, ist etwas sehr Schönes.

Frage: Wann haben Sie das erste Mal von der Julia erfahren? Wie ging's Ihnen damit?

Julia Stemberger: Das passierte schrittweise. Nach dem ,Schattenmann' hat Dieter Wedel gefragt, ob ich mal wieder etwas mit ihm machen wollte. Na klar wollte ich. Während Wedel die Geschichte entwickelte, hat er mir immer wieder davon erzählt, mir vorgelesen. Wenn ein Schauspieler kritische, wohlwollende Bemerkungen zum Buch macht, ist das letztendlich nichts anderes, als wenn wir uns hinstellen, eine Szene spielen und etwas anbieten. Irgendwann während der Stoffentwicklung stand die Frage im Raum, ob ich denn auch einen Strip machen würde, wenn es die Geschichte verlangt. Und ich hab immer gesagt: 'Ja klar, sowieso.'

Frage: Da war es ja noch nicht so konkret ...

Julia Stemberger: Na eben! Als sich dann die Geschichte dorthin entwickelte, hat Wedel und mich ein bißchen der Schreck gepackt, glaube ich. Die Frage war ganz einfach, was man erzählen möchte - etwas Spannendes, etwas Erotisches oder etwas Persönliches - und wie man Klischees umschifft.

Frage: Sie haben im Kiez "Feldstudien" betrieben. Was hat das gebracht?

Julia Stemberger: Wir haben uns auf der Suche nach Erotik ein paar Shows angeguckt - bis auf eine einigermaßen ästhetische Darbietung haben wir aber nichts dergleichen gesehen. Was als nächstes die Frage losgetreten hat: ,Erotik, was ist das eigentlich?' Ich glaube, Erotik läuft über Situationen, bei jedem Menschen liegt die Erotik ein bißchen woanders. Wenn der Drehbuchautor schon eine Besetzung im Kopf hat, kann er auch in dieser Frage den Darsteller und seine Eigenarten berücksichtigen.

Frage: Im Film wird die Geschichte der Julia detailliert und mit Liebe erzählt. Die Frauen auf dem Kiez werden aber in der Regel nicht nur wohlwollend betrachtet. Gab es auch distanzierte Reaktionen auf Ihre Rolle, das Thema?

Julia Stemberger: Nein, eigentlich nicht. Dazu muss ich sagen, dass ich ja keine Prostituierte spiele. Julia ist eine Frau, die in einem Striptease-Lokal auftritt, was in letzter Konsequenz nicht so weit von der Schauspielerei entfernt ist. Gut, man entledigt sich seiner Hüllen, das tun wir beim Spielen auch. Schauspielerei hat im besten Fall sehr mit dem Weglassen von Hüllen und Schein zu tun. Das Herzeigen von etwas. Wenn man sich dem nicht aussetzt, bleibt es kalt und äußerlich.

Frage: Haben Sie auf dem Kiez auch diese Verschworenheit erlebt, die unter den Bewohnern der "Blauen Banane" herrscht?

Julia Stemberger: Ich glaube schon, dass auf dem Kiez ganz eigene Gesetze herrschen und eine große Zusammengehörigkeit - natürlich sind da auch Rivalitäten. Unsere Geschichte ist irgendwie ein Märchen. Es ist der Wunsch, dass Leute eng miteinander sind, aufeinander aufpassen; lauter Gestrandete, die aber für sich ein Zuhause bilden. Der harte Kern der "Blauen Banane" ist der Hauptdarsteller unserer Geschichte.

Frage: Nach Ihren Erfolgen in Deutschland wohl eine berechtigte Frage: Bleiben Sie Wien treu?

Julia Stemberger: Ich bin dort zu Hause. Aber Städte sind auswechselbar - mein Leben ist in einer solchen Bewegung ... Ich bin in Wien geboren, und ich hab' da meine Wurzeln, das bedeutet aber nicht, dass ich nicht auch anderswo leben könnte. Ich bin auf Bewegung eingestellt.

Das Interview führte Bettina Gries.

Dirk Jasper FilmLexikon
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