Interview mit Kai Hermann
Kai HermannFrage: Engel & Joe basiert auf einer Reportage, die sie über Punks am Berliner Alexanderplatz gemacht haben. Wie nah sind Sie bei der Dramatisierung an der "wahren Geschichte" geblieben?

Kai Hermann: Eine Reportage macht natürlich noch kein Drehbuch. Aber ohne die mehr als einjährige Recherche für die Reportage hätte es die Vorlage für den Film nicht gegeben. Und die Handlung ist ziemlich dicht an der realen Geschichte. Die Film-Figuren sind allerdings nicht identisch mit den in der Reportage beschriebenen Menschen.

Frage: Wie hat sich die Zusammenarbeit mit Vanessa Jopp gestaltet?

Kai Hermann: Ich glaube fast normal. Mit dem unvermeidlichen Streit zwischen dem, der die Vorlage liefert und derjenigen, die einen Film nach ihren Vorstellungen daraus machen muss. Dabei hatte Vanessa natürlich das letzte Wort. Ich konnte das akzeptieren, weil ich immer davon überzeugt war, dass Vanessa Jopp die ideale Regisseurin für diesen Stoff ist.

Frage: Spätestens seit "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" (Co-Autor) gelten Sie als Experte für jugendliche Außenseiter. Was interessiert Sie an Jugendlichen so besonders?

Kai Hermann: Mich interessieren Außenseiter, gleich ob jung oder alt. Nur Heranwachsende sind eben fast immer Außenseiter. Keine Kinder mehr und fremd in der bedrohlich gewordenen Erwachsenenwelt. Und nie ist das Leben aufregender als in dieser Zeit, aber damit auch gefährlicher.Das Interesse an jungen Außenseitern hat sicher auch mit Phasen meiner eigenen Jugend zu tun. Ich bin nach der Schule ein Jahr mittellos durch Nord- und Mittel-Amerika vagabundiert, habe damals meistens auf der Straße gelebt und war naiv-fasziniertes Groupie der kalifornischen Beatnik-Szene, die an die Bewußtseins-erweiterung durch Drogen glaubte.

Frage: Vom "Werther" bis zum "Fänger in Roggen" über "...denn sie wissen nicht, was sie tun" bis zu den "Halbstarken", Crazy oder "Kids", spannt sich der kulturgeschichtliche Bogen juveniler Grenzgänger, die an der Liebe, am Leben, am Erwachsenwerden verzweifeln. Wie würden Sie Ihre Protagonisten in diese Reihe einordnen?

Kai Hermann: All diese Geschichten haben das gleiche Thema. Den Auszug oder den Rauswurf aus der mehr oder weniger behüteten Kinderwelt. Das Erwachsenwerdenmüssen wider Willen. Die fast schutzlose Verletzbarkeit in dieser Zeit. Den Versuch, in der großen Liebe den verloren gegangenen Halt zu finden.

Frage: Schon als Co-Autor von "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" erzählen Sie eine Geschichte vom Rand der Gesellschaft. Wo liegen für Sie die gravierendsten Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Christiane F., Engel und Joe?

Kai Hermann: "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" beschreibt, wie ein ahnungsloses Mädchen in die Drogensucht stolpert. Heroin ist das Hauptthema des Buches und des Filmes. Zwei Jahrzehnte später sind Drogen längst zur selbstverständlichen ständigen Herausforderung für viele Jugendliche geworden. Gerade für die sensiblen Abenteurer unter den Jungen sind Drogen permanente Bedrohung und trügerische Fluchtmöglichkeit aus einem Leben, das sie zeitweise nicht bewältigen. So auch für Engel und Joe, die aber, anders als Christiane F., um die zerstörerische Wirkung der harten Drogen wissen. Bei Engel und Joe wird die Droge erst am Ende zum beherrschenden Thema. Film und Buch folgen da der realen Geschichte. Ich habe zu Beginn meiner Recherchen am Alexander Platz nicht geahnt, dass sie ein gutes Jahr später wieder am Bahnhof Zoo enden würden.

Frage: Ist die Welt für Jugendliche noch kälter geworden als zu "Bahnhof Zoo"-Zeiten?

Kai Hermann: Sie ist uniformer geworden. In der etablierten Welt wird es immer schwieriger, jugendliche Abenteuerlust auszuleben. Wer sich dagegen wehrt, im Strom mitzuschwimmen, findet sich schnell ganz am Rand der Gesellschaft wieder. Das erklärt die zunehmende Zahl der Kinder und Jugendlichen, die auf der Straße leben. Und die trotz Aufklärung gleichbleibend hohe Zahl der Drogenabhängigen.

Frage: Marx hat einmal den klugen Satz geschrieben: "Das Sein bestimmt das Bewußtsein". Ist Engel & Joe also sozialkritisch, weil die Kids der (von Erwachsenen geprägten) Welt den Spiegel (mit Punkfrisur) vorhalten?

Kai Hermann: Eher holt das Sein ihr idealistisches Bewusstsein ein. Denn der kalten, egoistischen Welt, der sie entfliehen wollen, begegnen sie auf der Drogenszene in noch brutalerer Form.

Frage: Liegt bei aller utopischen Wärme dieser Liebesgeschichte nicht auch eine große Melancholie zu Grunde? Wie sollen Engel & Joe mit dem Kind "in den Bergen" überleben? Haben Sie eine Chance - und: werden die Zuschauer an diese Märchen-Chance glauben?

Kai Hermann: Ich glaube, die Zuschauer wissen, dass es Märchen nur im Film und nicht im realen Leben gibt. Ich sehe den Schluss im Film eher als Traum. Im Buch gibt es das Erwachen aus dem Traum. Und ein realistisches Ende.

Frage: Obwohl es für Engel & Joe ein Happy-End gibt, begleiten wir sie eine Weile kontinuierlich abwärts. Worin liegt die Faszination von Menschen, die zu Grunde gehen?

Kai Hermann: Ich meine nicht, dass Engel und Joe kontinuierlich zu Grunde gehen. Sie sind ja nicht nur sensibel sondern auch stark. Sie wehren sich. Sie überstehen mit ihrer Kraft, ihrer Liebe und auch ihrer Toleranz immer wieder Katastrophen, die andere umgehauen hätten. Sie werden nie zu hilflosen Opfern - bis Engel vor der Droge kapituliert. Ich hoffe, dass Faszination eher von der Stärke der Hauptfiguren ausgeht.

Frage: Obwohl, wie Sie sagen, sich alle Jugendlichen in der Pubertät als Außenseiter fühlen, reagieren nicht alle so extrem auf ihre Umwelt wie die Helden Ihrer Geschichten. Woran liegt das?

Kai Hermann: Ich denke, die äußeren Umstände dieser Liebesgeschichte sind extrem, nicht die Reaktionen der Liebenden. Vor allem Joe reagiert doch gerade in den Beziehungskrisen eher "normal", ist doch eher das etwas aufmüpfige Mädchen von nebenan. Engel wird auch durch seine unbeherrschte Emotionalität zwar zum immer krasseren Außenseiter. Trotzdem durchleben beide vor dem extremen Hintergrund eine fast normale erste große Liebe. Mit Missverständnissen, übersteigerter Eifersucht, heftigen Verlassensängsten, Hoffnungen, Enttäuschungen, Verletzungen. Und normal ist auch das letztendlich Unmögliche der ersten großen Liebe mit ihren übersteigerten Erwartungen.

Dirk Jasper FilmLexikon
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